12. April 2019 | Sabine Bendiek

Volle Kraft voraus

Microsoft-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek hat den Mittelstand im Blick: Sie will die Firmen für Cloud-Technologie und KI begeistern.

SZ-Artikel von Katharina Kutsche

Mit ihrer Rolle als Vorbild für Frauen in Führungspositionen musste sich Sabine Bendiek erst anfreunden. Die Tech-Branche hatte ja lange nur wenige Frauen vorzuweisen. Ihre eigene Biografie müsste daher “Allein unter Männern” heißen, sagt die Geschäftsführerin von Microsoft Deutschland lachend. Doch ihre Begeisterung sei gewachsen, als sie verstanden habe, wie wichtig und inspirierend es für andere Frauen sei, zu sehen, dass eine von ihnen es nach oben geschafft hat. Also habe sie die Rolle akzeptiert, sagt Bendiek und zitiert die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright: “Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.”

Von einem solchen Platz ist Bendiek weit entfernt. Zwar ist der Frauenanteil im Unternehmen noch bei 30 Prozent und damit durchschnittlich. Doch bei den jungen Menschen, die Microsoft von den Universitäten abwerbe, sei der Anteil an Männern und Frauen gleich. Man sei sehr fokussiert darauf, das auch weiter auszubauen. Und das beschränkt sich nicht auf Informatikerinnen – eine Kommunikationswissenschaftlerin mit Begeisterung für Technik sei genauso willkommen.

Bendiek selbst ist Betriebswirtin, studierte erst in Mannheim, dann am Massachusetts Institute of Technology. Danach arbeitete sie unter anderem bei der Unternehmensberatung McKinsey und einem Risikokapitalgeber, bevor sie in die Tech-Branche wechselte und Managerin beim Computerhersteller Dell wurde. Seit Januar 2016 ist sie nun Deutschlandchefin des Softwareanbieters aus Redmond. Und Schulterschlüsse sind ihr nicht nur zur Frauenförderung wichtig, sondern auch in der Frage, wo dieses Land gerade steht, wenn es um die Technologien der Zukunft geht. Denn die Zeit der Alleingänge sei vorbei, sagt Bendiek. Wenn Deutschland in der Digitalisierung nicht hinter anderen Nationen zurückfallen wolle, müssten Industrie- und Technologieunternehmen zusammenarbeiten. Das geht ihr aber zu langsam. “Wir müssen uns darauf fokussieren, Geschwindigkeit aufzunehmen. Schnelligkeit bekommen wir aber nur in Partnerschaften – zwischen Unternehmen, aber auch mit Gesellschaft und Politik”, so Bendiek. “Wir müssen politisch aus der Halbherzigkeit raus und das Signal senden: Volle Kraft voraus.”

Strategisch betrifft das genauso Microsoft selbst. Auf dem Gebiet der Cloud-Dienste ist Konkurrent Amazon Web Services mit weitem Abstand Marktführer, bei künstlicher Intelligenz (KI) liegt IBM vorn. Zudem wollen sich Kunden nicht mehr nur von einem Anbieter abhängig machen, sondern nutzen Kombinationen aus den besten Technologien. Auf der Hannover Messe, die vergangenen Freitag zu Ende ging, präsentierte sich Microsoft passenderweise auf einem 1200 Quadratmeter großen Stand mit rund 30 Partnern aus der Industrie, darunter Osram und Zeiss.

Bendiek ist optimistisch, schließlich lägen die großen Stärken der Industrie im Mittelstand, im Automobil- und produzierenden Gewerbe. Von Schwächen möchte sie nicht sprechen, lieber von Handlungsbedarf. Den sieht sie ebenfalls im Mittelstand, wo viele Unternehmen noch keine KI-Strategie haben. Trotzdem sei der Wettlauf etwa gegen die Chinesen noch nicht verloren: “Wenn wir die Weichen jetzt richtig stellen, können wir das hinbekommen.”

Für das frühere Software-Unternehmen, das sich heute als Anbieter digitaler Plattformen sieht, steigt damit der Bedarf, technisches Wissen bei den Mitarbeitern zu fördern. Schließlich können Berater den Kunden nur so erklären, wo Microsoft ihnen helfen kann. Einem Kunden ein paar Lizenzen verkaufen und dann ist, salopp gesagt, ein paar Jahre Ruhe – die Zeiten sind lange vorbei.