14. Juni 2019 | Gärtnern

Aus Schaufel und Schere wird Siri und Alexa

Immer mehr Menschen schaffen sich ihre Grünflächen in der Großstadt. Urban Gardening nennt man das.  Deutschland ist europaweit der wichtigste Gartenmarkt – und der Markt wächst immer weiter. Um die Zielgruppe der jungen Großstädter zu bedienen, entwickelt Gardena jetzt Programme, mit denen Gießen und Mähen automatisiert werden.

SZ-Artikel von Stefan Mayr.

Pär Åström ist ein Naturmensch: Im Winter fährt er Alpin-Ski und betreibt Langlauf, den Rest des Jahres geht er wandern. Oder er pflegt – natürlich – seinen Garten. In seiner Heimat Schweden hatte er sogar eine kleine Farm, jetzt in Ulm ist es nur ein Gärtlein plus Vorgarten. Vor und hinter dem Haus kurvt jeweils ein Mähroboter umher. “Ich habe hier zwar einen kleineren Garten als in Schweden, aber ich vermisse das Selbstmähen nicht”, sagt der Geschäftsführer des Gartengeräteherstellers Gardena und lacht.

Der 46-Jährige mit der dunkelblonden Stoppelfrisur ist gut gelaunt, kein Wunder, die Geschäfte laufen bestens. Dabei profitiert das Ulmer Unternehmen gleich von zwei Trends: Erstens werden die Sommer immer heißer und trockener. Zweitens genießen es immer mehr junge Stadtbewohner, auf Balkonen, Terrassen oder gar auf öffentlichen Grünstreifen zu buddeln und Pflanzen heranzuziehen.

Åström und seine 1850 Mitarbeiter haben dieses Phänomen aufgegriffen. Deshalb ist Gardena mehr als nur ein Hersteller von Heckenscheren, Harken und Gartenschläuchen. Längst sind auch Computer, Sensoren und Handy-Apps im Angebot. Garteln mit Siri und Alexa – statt mit Gießkanne und Rasenmäher. Dazu muss man nicht mal ins Freie gehen. Ein Sprachbefehl an die digitale Haus-Assistentin genügt, schon legt der Rasensprenger los.

“Die Zwanzigjährigen haben heute mehr Lust auf Gardening als vor 20 Jahren”, sagt Pär Åström. Die Bewegung hat bereits die Schrebergarten-Anlagen erreicht. Was einst als Hort des spießigen Rentner-Daseins galt, wird nun von jungen Familien überrannt. “In den deutschen Kleingartenvereinen findet ein rasanter Generationenwechsel statt”, schreibt der Industrieverband Garten (IVG). Bundesweit gibt es etwa eine Million Schrebergärten, davon werden laut IVG etwa 45 Prozent an “junge Menschen und Familien mit Kindern” verpachtet. Die Nachfrage wachse stetig, “in Ballungsgebieten führen 60 Prozent aller Vereine eine Warteliste”. Inzwischen ist der Hype auch in den deutschen Wortschatz eingesickert. Früher sagte man Gärtnern oder in Bayern Garteln. Neudeutsch heißt es jetzt: Gardening. Gerne versehen mit weiteren englischen Attributen; urban, smart oder easy Gardening.

 

Viele Jüngere ziehen vom Land in die Stadt – und schaffen sich dort grüne Oasen

Sogar im Duden ist das Phänomen schon angekommen: Schlag nach unter U wie “Ur­ban Gar­de­ning, das”. Das Nomen wird definiert als “ertragsorientierte gärtnerische Erschließung und Nutzung von innerstädtischen Flächen (als alternative Wirtschaftsform)”. Dieses Stadtgarteln ist eine Folge der zunehmenden “Urbanisierung”. Überall auf der Welt ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Und immer mehr schaffen sich dort ihre grünen Oasen. “Der grüne Markt floriert, und unsere Branche profitiert derzeit vom guten Image der Gartenarbeit”, sagt Verbandschef Christoph Büscher vom IVG. 2018 wuchs der Gesamtumsatz im deutschen Gartenmarkt um etwa 130 Millionen Euro auf 18,5 Milliarden – neuer Rekord. Deutschland ist damit europaweit der wichtigste Markt vor Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien. Als Grund für den Anstieg nennt Büscher den “Wunsch nach Ruhe und Erholung” der gestressten Menschen. Und das wachsende Bestreben, “nachhaltige Nahrungsmittel selbst anbauen und ernten zu können”.

Was früher selbstverständlich war, der Anbau von Obst und Gemüse im eigenen Garten, war zuletzt in den Städten angesichts omnipräsenter Supermärkte fast verschwunden. Aber nun ist es wieder in, sich die Finger schmutzig zu machen und bei der Party selbst gezogene Zucchini zu servieren. Den Rest macht das wachsende Gesundheitsbewusstsein: Bei der Tomate aus dem eigenen Beet weiß man wenigstens, dass kein Gift gespritzt wurde.

Gardena-Chef Åström kennt seine neue Zielgruppe genau: Es gebe viel Enthusiasmus, aber wenig Vorkenntnisse – weil die Elterngeneration ihr Wissen oft nicht mehr weitergegeben habe. Für diese jungen Leute versuche Gardena nun, “da zu sein”. Nicht nur mit Schaufel und Schere, sondern auch mit Tipps, etwa in den sozialen Medien. Deshalb betreibt Gardena auf Instagram eigene Communitys, auf denen auch Markenbotschafter unterwegs sind.

Weil die Nachwuchs-Buddler meist keinen eigenen Garten haben, hat Gardena Spezialprodukte für diese Zielgruppe entwickelt. Wie die besonders kompakte Balkonbrause: Sie ist kleiner als ihre große Gartenschwester und hat einen weicheren Strahl, damit im Stadtdschungel auf engstem Raum kein Tropfen daneben geht. Und da die Menschen auch immer weniger Zeit und Lust auf Rasenmähen und Blumengießen haben, ist Gardena unter die Softwarehersteller gegangen. Das Unternehmen bietet vollautomatische Bewässerungssysteme an. Sensoren erfassen die Temperatur und die Feuchtigkeit des Bodens und steuern das Gießen mit Wassertropfen, die aus verlegten Schläuchen fließen. “Die Tropfbewässerung ist besser für die Umwelt, für die Wasserrechnung und für die Pflanze als das Gießen mit dem Schlauch”, sagt Åström. Beides, Mähen und Gießen, lässt sich mit einer App auf dem Handy steuern. Angesichts derartiger Produkte überrascht es kaum, dass Gardena zuletzt auch auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas präsent war. “Die Leute genießen das Kreative am meisten, das reine Bewässern und Mähen wird zunehmend automatisiert werden. Dafür bleibt dann mehr Zeit fürs Planen und Pflegen, auch fürs Säen und Ernten.”

 

31 Prozent der Balkongärtner nutzen Werkzeuge aus der Küche: Kuchenheber, Löffel, Salatbesteck

Doch nicht nur das Hightech-Angebot hat Potenzial, sondern auch der Markt der guten, alten Gartengeräte: Laut einer Studie nehmen 31 Prozent aller Balkongärtner das nächstbeste Werkzeug aus der Küche zur Hand. Kuchenheber, Esslöffel, Salatbesteck. Nur 25 Prozent haben bislang eigene Gartengeräte gekauft.

Bei den Rasenmähern geht der Trend europaweit klar weg vom Benzin- hin zum Stromantrieb. Und dabei wollen immer weniger Leute auf ein Kabel achten, sondern vertrauen auf Batterien. Bei den Akku-Geräten legen die Mähroboter wiederum stark zu – 2018 in Deutschland um 35 Prozent. In den Baumärkten machen sie inzwischen etwa 60 Prozent des Gesamtmarkts aus. Auf dem Markt tummeln sich neben Gardena kurioserweise mehrere Hersteller, die ebenfalls in Baden-Württemberg sitzen: Bosch, Kärcher, Stihl.

Gardena machte im Jahr 2018 in 80 Ländern 663 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von 14 Prozent. Allerdings brach dabei die Marge ein. Grund: Der Jahrhundertsommer, der auch Pär Åström ins Schwitzen brachte. In den heißen, trockenen Monaten stieg die Nachfrage nach Bewässerungssystemen stark an. Zu stark. Die Mitarbeiter mussten Zusatzschichten fahren, auch an Sonntagen. Das kostete. Jetzt investiert Åström in zusätzliche Anlagen. Mangelnde Auslastung muss er angesichts der Klimakrise als Marktführer bei Bewässerungssystemen kaum befürchten. Überhaupt setzt Åström auf weiteres Wachstum: “Wir wollen außerhalb unseres deutschsprachigen Kernmarktes wachsen.” Das gelte vor allem in Süd- und Nordeuropa, in Russland und Australien.

Gardena wurde 1961 von den Ulmer Kaufleuten Werner Kress und Eberhard Kastner gegründet. 1968 gelang ihnen der Durchbruch mit dem neuartigen orange-farbenen Steck-Verbindungssystem. Das kennt bis heute wohl jeder, der schon einmal einen Gartenschlauch in der Hand hatte. 2007 übernahm der schwedische Husqvarna-Konzern das Unternehmen. 2015 wechselte Åström von der Stockholmer Zentrale zur Tochter nach Ulm. Ob Åström zum 60-jährigen Jubiläum 2021 noch in Deutschland ist? “Für mich ist das hier ein Traumjob, und Ulm ist für mich und meine Familie wie das Paradies”, sagt der Vater von drei Kindern. “Wir genießen die Flüsse, die Seen und vor allem die Nähe zu den Alpen.” Und es gibt noch einiges zu tun: “Dieses Wochenende habe ich zwei volle Tage im Garten gearbeitet”, erzählt er, “ich bin aber nicht fertig geworden.”

Süddeutsche Zeitung vom 11. Juni 2019.