13. Dezember 2017 | Unternehmertum

„Traut Euch, daran zu arbeiten, überflüssig zu werden“

Laura Haverkamp macht mutmachern Mut. Sie ist Teil des Teams von Ashoka, einem gemeinnützigen Netzwerk, das weltweit Gründerinnen und Gründer fördert, die sich zum Ziel gesetzt haben, innovative Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden – anstatt sie von anderen zu fordern.

 

Ashoka könnte man als mutmacher hinter den mutmachern beschreiben – Wen und wie genau bestärken Sie?

Ashoka ist als globales Netzwerk Heimat für Changemaker. Im Kern unseres Netzwerks stehen Social Entrepreneurs – Frauen und Männer, die sich mit innovativen, replizierbaren Ansätzen und unternehmerischem Geist für die Lösung gesellschaftlicher Probleme (mit) verantwortlich machen. Wir suchen weltweit nach solchen Changemakern, nehmen sie entlang strenger Auswahlkriterien in das Netzwerk als Fellows auf und begleiten sie auf ihrer Mission – ein Leben lang. Wir geben Impulse, vermitteln Beratung und bauen Dialog und Brücken zwischen ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft auf. Und wir können bei Bedarf bis zu drei Jahre ein Lebenshaltungsstipendium finanzieren. 

Wir glauben daran, dass es wenig kraftvolleres gibt, als eine soziale Innovation in den Händen einer unternehmerischen Persönlichkeit. Und daran, vielversprechende Ansätze möglichst früh zu identifizieren und zu fördern – anstatt sie erst nach ihrem Durchbruch zu feiern, wenn die oft so hohen anfänglichen Hürden des „das haben wir doch noch nie so gemacht“ und „dafür sind doch andere zuständig“ schon überwunden wurden. Das, was unsere Fellows vorhaben, sind oft „Generationenprojekte“ – nichts, das man übermorgen geschafft hat.

 

Mit welchen Erwartungen treten Ihre Fellows an Sie heran? Und wie ist ihr Fazit am Ende?

Wir suchen Menschen, die sich dem Gemeinwohl verpflichten – und unsere Erfahrung ist, dass uns diese Menschen auch finden. Da wir kein klassischer Projektförderer oder Investor sind und die Social Entrepreneurs immer Kapitän*in auf ihrem eigenen Schiff bleiben, kann das Verhältnis zwischen uns und den Fellows eines von Gesellschaftsgestaltern und Querdenkern auf Augenhöhe sein. Da, wo die Fellows Expert*innen in ihren gesellschaftlichen Bereichen sind – Bildung, ökonomische Teilhabe, Familie, etc. – blicken wir auf über 35 Jahre globale Erfahrung im Finden und Begleiten von Weltveränderern zurück. Wir wissen viel über Strategien für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung und haben ein hochkarätiges wie engagiertes Netzwerk aufgebaut, welches immer wieder hilfreich ist.

 

Was erleben Sie in Ihrer täglichen Arbeit als die größten Herausforderungen für Ihre Fellows?

Social Entrepreneurs geht es darum Wege zu finden, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Sie brennen dafür, ihre Ansätze zu verbreiten – und genau hier liegen oft Hürden. In den vergangenen Jahren haben wir uns viel mit dem Thema Finanzierung für soziale Innovationen auseinandergesetzt, ein Ergebnis ist u.a. der Aufbau der Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship, FASE. Wir müssen in diesem Feld das oft noch verbreitete Schubladendenken zwischen „Spenden“ oder „Investieren“ überwinden und zunächst fragen: Welche Finanzierung braucht wann eine soziale Innovation, um maximale Wirkung entfalten zu können? Das Ergebnis sind oft unkonventionelle – wie spannende – Finanzierungsmodelle.

Auch spielt natürlich die Frage eine große Rolle, wie gute Ideen den Weg (zurück) in die großen Institutionen – Wohlfahrtsorganisationen, Kommunen, Unternehmen – finden, um dort auf breiter Basis wirken zu können. Hier müssen wir noch viel investieren in den Dialog zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Es wäre hilfreich wie notwendig, den oft auf einzelne Projekte fokussierten Blick zu öffnen und zu fragen: „Wer muss eigentlich wie zusammenarbeiten, damit sich eine soziale Innovation durchsetzen kann?“ Und dann Modelle zu finden, damit diese Kooperation auch zustande kommt.

 

Die Digitalisierung inspiriert Gründergeister besonders – besonders Männer? Oder nutzen vor allem Frauen die digitale Transformation für sich, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln?

Eine spannende Frage. Natürlich entdecken auch immer mehr Social Entrepreneurs die Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung bieten, z.B. wenn es um die Erreichbarkeit entlegener Zielgruppen geht, um die gezielte Auswertung von Daten oder die Umsetzung von partizipativen Open Source Modellen. Einen Geschlechterfokus habe ich hier noch nicht feststellen können. Das könnte auch daran liegen, dass wir keine Produktinnovationen im Blick haben, sondern soziale Innovationen da begleiten, wo sich gesellschaftlicher Status quo verändert. Natürlich gibt es Beispiele: Das Sozialunternehmen, das Energieeffizienz als Thema in die Breite der Bevölkerung tragen möchte und mit Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwickelt, wertet systematisch Suchabfrage-Daten über gesellschaftliche Trendthemen aus und optimiert daraufhin die eigenen Aktivitäten. Auch in der Planung und Umsetzung von Kampagnen spielt das Digitale natürlich eine wichtige Rolle. Wenn wir über die Digitalisierung von Geschäftsabläufen sprechen oder über den Aufbau smarter Netzwerke – da gibt es noch viel unausgeschöpftes Potenzial.  

 

Welche Rolle spielt Scheitern im Prozess der Ideenverwirklichung?

Der Mut zu scheitern ist für alle, die unternehmerisch aktiv sind, zentral – das gilt auch für Social Entrepreneurs. 

Meist zeichnen sich Social Entrepreneurs durch ein sehr gutes Problemverständnis aus, weil sie oft Probleme am eigenen Leib oder in naher Umgebung kennengelernt haben. Das hilft, um von Anfang an fundierte Ansätze zu entwickeln. Gleichzeitig müssen Social Entrepreneurs oft besonders kreative Modellbauer sein, weil z.B. die Kernzielgruppe nicht die ist, die auch zahlen kann. Das macht die Modelle oft komplexer.

Mit Blick auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir lösen wollen, wünsche ich uns allen noch mehr Mut, um aufeinander zuzugehen, voneinander zu lernen, und auch zu sagen: Das kann jemand anderes besser als ich, ein anderer Ansatz wirkt mehr als meiner – und daraus eine Konsequenz zu ziehen. Das hat nicht so sehr etwas mit Scheitern zu tun, sondern mit einem Blick, der sich immer wieder an gesellschaftlicher Wirkung ausrichtet und dem Beitrag, den man individuell am besten leisten kann.

 

Was ist wichtiger: Die Idee oder die Gründerinnen und Gründer?

Weder noch – das eine ist ohne das andere nicht viel. Die beste Idee hilft mir nicht, wenn nicht auch ein Mensch von ihr begeistert ist, der/die das Zeug hat, sie zu verwirklichen. Da muss man träumen und umsetzen gleichermaßen.

 

Was ist Ihr wertvollster Rat an alle mutmacherinnen und mutmacher?

Nur einer ;)? An alle, die mutmacher in der Rolle von Förderern und Begleitern sind: Begrenzt Euren Blick nicht auf Projekte, sondern habt Lösungsansätze ganzheitlich im Blick. Fördert Kooperation und Austausch da, wo im Miteinander mehr Wirkung entstehen kann. 

An Social Entrepreneurs, die als mutmacher mit ihren Ansätzen für eine bessere Welt eintreten – Ihr lauft Marathon, nicht Sprint. Passt auf Euch auf, baut Allianzen und Koalitionen, fokussiert immer wieder auf das, was Ihr verändern möchtet. Traut Euch, daran zu arbeiten, überflüssig zu werden – um dann an einem neuen Thema, einer neuen Herausforderung zu arbeiten.

 

Mehr Informationen zu Ashoka finden Sie hier.