4. März 2020 | Office

Einer, der Raum schafft

Oliver Kaltner bringt die Telefonbox “Room” nach Europa. In den USA arbeiten darin schon Mitarbeiter von Apple, Nike und der NASA – ohne zu schwitzen.

SZ-Artikel von Vivien Timmler

Eigentlich ist es absurd. Eine Studie nach der anderen nimmt Unternehmern die Illusion, dass ihr ach so hippes und kommunikatives Großraumbüro wirklich so hip und kommunikativ ist. Trotzdem stellt eine Firma nach der anderen auf Open Space um. Und nimmt ihren Mitarbeitern damit allzu oft den Rückzugsort für ein wichtiges Telefonat oder konzentriertes Arbeiten.

Oliver Kaltner kennt dieses Problem. Nicht unbedingt vom Luxus-Kamerahersteller Leica, den er bis 2017 geleitet hat. Eher von Microsoft, wo er von 2009 bis 2014 Manager war. Heute will er Angestellten ein Stück dieser Privatsphäre im Büro wiedergeben. Als Europachef treibt der 51-Jährige die Expansion des Start-ups Room voran, das Telefonboxen herstellt. Apple, Google, Nike, die Nasa: Die Liste der Kunden liest sich imposant. “Das Potenzial ist riesig”, sagt Kaltner. “Viele Firmen suchen händeringend nach Lösungen für ihren Großraum. Wir selbst müssen gerade vor allem liefern können.”

Gegründet wurde Room 2018 von Brian Chen und Morten Meisner-Jensen. Dass einer der Gründer Däne ist, “sieht man sofort am Design und den Materialien”, sagt Kaltner. Doch Aussehen allein reicht nicht, schließlich gibt es auf dem Markt ein gutes Dutzend Firmen, die das gleiche Produkt anbieten. Viele Unternehmen lassen zudem individuelle Lösungen extra für ihre Büroräume anfertigen.

Was also macht Room anders – und besser? Im Zeitraffer-Video sieht das Konzept verblüffend einfach aus. Der Aufbau erinnert an ein Ikea-Möbelstück, in nur 30 Minuten ist die Kabine von zwei Personen zusammengeschraubt. “Das ist, was ich unter Nachhaltigkeit verstehe”, sagt Kaltner. “Wir verarbeiten in jeder Box 1000 Plastikflaschen, aber wirklich nachhaltig ist sie, weil man sie ohne Qualitätsverluste immer wieder auf und abbauen kann.” Drinnen ist die Box mit einem Schreibtisch und einer Magnetwand ausgestattet, das Design ist schlicht. Doch Kaltner legt Wert darauf, dass das, was Room macht, “mehr ist als nur Möbelbau”.

 

Die Room-Telefonbox ist designtechnisch schlicht gehalten. Dass einer der Gründer Däne ist, “sieht man sofort am Design und den Materialien”, sagt Europachef Oliver Kaltner.

Laut dem Manager gibt es bei Telefonboxen zwei entscheidende Faktoren: Die Luftqualität muss stimmen und schalldicht muss sie sein. “Viele Modelle kranken daran, dass man von außen eben doch etwas hört oder nach einer halben Stunde die Luft wahnsinnig schlecht ist”, sagt er. Nicht umsonst werden sie in den USA auch Sweat Box genannt, also “Schwitzbox”. Bei Room sorgt eine Schallisolierung aus recycelten Plastikflaschen für Ruhe, zwei Ventilatoren führen die warme Luft ab, gleichzeitig strömt kontinuierlich frische Luft zu.

Dass das Konzept erfolgreich ist, sieht man an den Zahlen. Im zweiten Geschäftsjahr machte Room bereits mehr als 40 Millionen Dollar Umsatz. Zur Zeit baut Kaltner, der auch als Investor eingestiegen ist, das Geschäft in London auf, die Hälfte seiner Zeit verbringt er aber schon in Berlin, wo Room bald starten soll. Die Gründer lassen ihm dabei freie Hand, was auch schon mal dazu führt, dass er das IT-Equipment von seiner privaten Kreditkarte vorstrecken muss. Doch Kaltner genießt die Arbeit in dem Start-up. “Irgendwann haben viele von uns Managern das Bedürfnis, mal in so einer Umgebung zu arbeiten”, sagt er. “In Start-ups kann man sich nicht mehr hinter Strukturen verstecken.”

 

Langfristig soll es nicht bei der Ein-Quadratmeter-Box bleiben. Kaltner setzt darauf, dass modulares Arbeiten in einer veränderten Arbeitswelt immer relevanter wird. Künftig soll es deshalb auch größere Einzelboxen für längere Ruhephasen und Teamboxen geben, etwa für Besprechungen oder Telefonkonferenzen. Das Konzept bleibe das gleiche: “Und wer das auf einem Quadratmeter kann, der kann es auch auf zwei, vier, acht oder sechzehn Quadratmetern.”

Süddeutsche Zeitung vom 25.02.2020