10. Dezember 2018

Netz statt Insel

Nur Mut: Tanja Rückert leitet seit August den Bereich Building Technologies bei Bosch. Und wirbt dort für mehr Offenheit – bei Technologien, aber auch bei der internen Kommunikation. 

SZ-Artikel von Helmut Martin-Jung

Es gebe da noch ein kleines Familienunternehmen in Heidelberg, sagt Tanja Rückert, “aber da bin ich nicht der Chef”. Die Chefin, das ist sie in einem etwas größeren Unternehmen, bei Bosch. Seit August leitet sie den Bereich Building Technologies und pendelt zwischen München, wo diese Abteilung von Bosch ihren Sitz hat, und Heidelberg, wo ihr Mann und ihre zwei Kinder (neun und zwölf) zu Hause sind.

Würde man das bei einem Mann überhaupt erwähnen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, aber es ist Rückert, 48, promovierte Chemikerin, selbst, die das Thema zur Sprache bringt. Was sie nicht sagt: Sie ist bei den Schwaben die einzige Frau, die einen ganzen Bereich leitet. Sie bringt dafür beste Voraussetzungen mit. Beim Software-Konzern SAP, wo sie zuvor viele Jahre in Führungspositionen gearbeitet hat, war sie zuletzt für das Internet der Dinge (IoT) zuständig, also die Vernetzung aller möglichen Dinge, vor allem in der Produktion.

Dass sie nun bei Bosch, wo viele dieser Dinge hergestellt werden, direkt an der Quelle sitzt, war einer der Gründe dafür, dass sie dem Werben von Bosch nachgegeben habe, sagt sie. “Die Unternehmen, die das Wissen über die Dinge und Innovation zu verbinden wissen, werden in Zukunft erfolgreich sein”, ist sie sicher. BT, wie Rückerts Bereich intern heißt, ist ziemlich umfassend. Kamerasysteme gehören dazu ebenso wie Steuerungen für Heizung und Klima, das Unternehmen ist auf diesen Sektoren weltweit im Geschäft, im Shanghai-Tower genauso wie im Bosporus-Tunnel oder dem neuen Trainingszentrum von Juventus Turin.

Am Wissen über die Dinge fehlt es einem Unternehmen wie Bosch nicht, wohl aber daran, wie man dieses Wissen in die neue Zeit bringt und mit neuen Techniken nutzbringend verbindet. Dafür soll und will Rückert sorgen. “Bosch ist beim Engineering führend”, sagt sie, 25 000 Software-Entwickler seien auch kein Pappenstiel, das Innovative aber könne noch gestärkt werden. Sie bringt dafür Ideen in den Konzern, für die sie auch erst einmal werben muss.

 

Die etwa, dass es in manchen Bereichen besser ist, auf offene Systeme zu setzen, als auf herstellereigene: “Wer nicht in diese Richtung denkt, wird vielleicht sein Königreich bewahren, aber er wird kein wirklich großer Player werden.” Offene Plattformen seien gerade bei der Vernetzung wichtig, es heiße schließlich Internet der Dinge, nicht Inseln der Dinge.

Die neue Offenheit repräsentiert zum Beispiel das hauseigene Start-up Sast, das ebenfalls in München ansässig ist. Das kleine Team von Sast hat ein Betriebssystem für Sicherheitskameras entwickelt, auf das man Apps laden kann, etwa eine, mit der sich ein Brand erkennen lässt, bevor Rauchmelder überhaupt den ersten Rauch abbekommen haben. Diese Plattform stellt Sast auch anderen Anbietern zur Verfügung – in der Hoffnung, dass dann auch mehr Apps entstehen, die man wiederum auch den eigenen Kunden anbieten kann.

 

Aus Kreisen der Mitarbeiter hört man nur Gutes über die neue Chefin. Kommunikativ und offen sei sie. Wenn es Entscheidungen über eine neue Ausrichtung gebe, würden die Mitarbeiter auch über die Gründe dafür informiert und zögen so gerne mit. Mehr Offenheit kann sich Rückert auch nach außen hin vorstellen. Ihr neuer Arbeitgeber habe zwar gute Produkte, “aber wir reden nicht genug über die Innovationen, die es bei uns gibt”.

Einsetzen will sich Rückert aber auch für die Förderung von Frauen bei Bosch. Die schwäbische Ingenieurfirma steht mit einem Anteil von 16 Prozent gar nicht einmal so schlecht da. Aber wie die gesamte Firma könne auch das noch besser werden.