28. Juni 2017 | Start-ups

Ist im Silicon Valley wirklich alles besser?

Viele deutsche Gründer zieht es ins Tal der Zukunft. Sie bekommen dort Milliarden für ihre Firmen und dürfen scheitern, so oft sie wollen. Ein Besuch.

SZ-Artikel von Sophie Burfeind

Da ist man also ins Zentrum des digitalen Fortschritts gereist, an diesen jungen, aber schon mythischen Ort, an dem nicht linear gedacht wird, sondern exponentiell, wo Menschen aller Nationalitäten an der schönen neuen Welt arbeiten. Und am Ende dieser Reise versteht man zwar, warum es so viele Deutsche dort hinzieht – ist aber auch ein wenig beunruhigt über die menschliche Zukunft im Allgemeinen und die deutsche im Speziellen.

Auch er ist hergekommen, weil er in Deutschland keine Zukunft mehr gesehen hat. Jay Habib, 33, gebürtiger Westfale, trägt einen weißen Leinenanzug und sitzt in einem Uber-Taxi. Es ist Stau, wie fast immer auf dem Camino Real in Kalifornien, nur alle paar Minuten kommt das Taxi ein paar Meter voran. Bei weitgehendem Stillstand erzählt Habib eine Geschichte über maximale Geschwindigkeit. Willkommen im Silicon Valley.

Habib über seine neue Heimat: „Hier ist es wie im Goldrausch. Aber es ist auch brutal: nur Business. Freunde findest du hier keine.“

Die Idee zu Shop.co, seinem Start-up, hatte Habib, als er mit seiner Familie umzog. Seine Frau mailte ihm eine Liste mit Dingen, die er online bestellen sollte: Fernseher, Lampe, Kühlschrank, Wickeltisch – alles in unterschiedlichen Web-Shops. Wie bescheuert, dachte Habib, sich in jedem Shop neu registrieren, mit Rechnungsadresse, Lieferadresse, Kontodaten, er tippte und tippte. Warum geht das nicht einfacher? Mit einem Klick? Habib hatte sein Projekt gefunden: ein universaler Einkaufswagen im Internet.

Jay Habib: in Hamm aufgewachsen, sechs Jahre Studium, zwei kleine Töchter, zehn Firmengründungen. 2014 kam die elfte dazu, Shop.co. Er sammelte 6,25 Millionen Wagniskapital in Deutschland ein, was schon viel ist, wollte aber, dass seine Firma ein „Einhorn“ wird, so richtig groß. Deshalb fuhr er im Frühjahr 2015 bei der „German Valley Week“ mit, eine Reise, die der Bundesverband Deutscher Start-ups organisiert. Deutsche Gründer, Mittelständler, Investoren und andere Unternehmer fahren zu High-Tech- und Social-Media-Konzernen, hören Geschichten, suchen Ideen, knüpfen Kontakte. Habib hat Kontakte geknüpft und war Ende des Jahres wieder da. Diesmal für länger.

Zwei Jahre später ist Habib nur Gast bei dieser Reise. Während die anderen herausfinden, warum all die Milliarden-Dollar-Companies hier entstehen und nicht in München oder Berlin, ist er schon auf dem schnellsten Weg, selbst Inhaber so einer Company zu werden.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Amerika schon lange nicht mehr

Habib ist einer von 60 000 Deutschen, die im Silicon Valley leben, die Gegend zwischen San Francisco und San José. Die Gegend, wo auch Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook, Tesla oder Uber herkommen. Die Zahl der Deutschen hat sich dort in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Natürlich arbeiten nicht alle von ihnen in Start-ups, aber viele. Viele sind wie Habib mit ihrer Firma hergezogen, haben Freunde und Familie zurückgelassen. 8971 Kilometer Luftlinie sind es jetzt bis nach Hamm, Westfalen, 16 Stunden Flug, neun Stunden Zeitverschiebung.

Wieso nehmen das so viele Gründer auf sich? Und ist es hier, abgesehen vom Wetter, wirklich so viel besser?

Amerika, das ist ja schon lange nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber wenn es in dem Land noch unbegrenzte Möglichkeiten gibt, dann im Silicon Valley. In den Fünfzigerjahren siedelten sich um einen alten Militärflughafen die ersten Forschungsinstitute und Elektronikfirmen an, nach und nach entwickelte sich die Region zum bedeutendsten Standort für die High-Tech- und IT-Industrie der Welt. Zu einer Denkfabrik, in der die größten Visionäre mit dem meisten Wagniskapital aufeinandertreffen, und die mächtigsten Firmen der Welt produzieren. Ein Ort, an dem aus Visionen Revolutionen werden sollen.

„Think big“ und „high risk, high chance“, das ist die Einstellung hier. Eine Einstellung, die nicht unbedingt typisch ist für die Deutschen. Vielleicht ist das Silicon Valley deshalb zu einem Sehnsuchtsort deutscher Unternehmer geworden, die sich von dem Tempo berauschen und bestenfalls anstecken lassen wollen. Eine mehrtägige Spurensuche.

2,5 Millionen Wagniskapital binnen 30 Minuten

Tag 1: Stefan Groschupf, Ende 30, kurze braune Haare, schwarze Weste, gut gelaunt, kritzelt die Fragen der Teilnehmer auf ein Whiteboard, vom Fenster aus blickt man auf Berge und Hochhäuser, der Himmel ist in Kalifornien immer ein bisschen blauer als der in München. Groschupf ist Gründer und Geschäftsführer der Firma Datameer, die Big-Data-Analysen anbietet, er zählt zu den erfolgreichsten deutschen Gründern im Valley und gilt als Big-Data-Pionier. Er ist da, wo Jay Habib bald sein möchte.

Bevor Groschupf die Fragen beantwortet, geht er auf seine ostdeutsche Herkunft ein: geboren und aufgewachsen in Halle an der Saale, mit 17 die größte Hip-Hop-Party Ostdeutschlands organisiert, mit 18 Herausgeber eines Rap-Magazins, danach Programmierer. Er gründet fünf Firmen, mal mehr, mal weniger erfolgreich, wenn das Geld knapp wird, bringt Mutti Nudeln vorbei. „Jetzt bringt Mutti keine Nudeln mehr vorbei“, sagt er.

Viele Jahre bevor Big Data überhaupt zum Thema wird, entwickelt er eine Software, um riesige Datenmengen auszuwerten, 2009 will er das Start-up Datameer gründen. Als er deutsche Investoren um Geld fragt, fragen die: „Ihre Eltern haben doch ein Haus. Wieso verkaufen Sie das nicht?“ Groschupf, der fast kein Englisch spricht, fliegt in die USA und fragt einige VCs, Venturecapitalinvestoren. „Innerhalb von einer halben Stunde hatte ich 2,5 Millionen.“

Fake it, until you make it

Dann die Fragen: Was können die Amerikaner besser als die Deutschen? „Wir können uns nicht verkaufen. Die Deutschen konzentrieren sich zu viel zu sehr auf die Technologie und zu wenig auf die Vermarktung“, sagt Groschupf. Er habe viele deutsche Gründer gesehen, die deswegen auf halber Strecke als Skelette liegen geblieben seien. „Man muss sich möglichst weit aus dem Fenster lehnen, ohne runterzufallen“. Anders gesagt: Fake it, until you make it.

Das Besondere hier? Risikokapital und Risikofreude, das Netzwerk, allein 5000 Meet-ups pro Jahr, man rede offen über seine Idee, statt sie für sich zu behalten. Die Technologien, das Wissen. „Alle haben schon bei allen gearbeitet. Es ist wie eine Waschmaschine, die ständig alle Farben durcheinander wäscht.“ Die Geschwindigkeit. „In Deutschland reden wir noch von Maschinenbau, aber in ein paar Jahren gibt es selbstfahrende Autos. Wo ist dann unser Wettbewerbsvorteil?“ Alle zwei Wochen hält er solche Vorträge, meistens vor den Chefs deutscher Dax-Konzerne. Er will helfen, es ist auch eine Warnung.

Tag 2: Gelernt, dass es dank künstlicher Intelligenz in 20 Jahren Maschinen geben soll, die intelligenter sind als Menschen und von allein immer intelligenter werden („technologische Singularität“).

Auch wenn diese Annahme umstritten ist – man hat das Gefühl, hier drüben wird gerade die Welt neu erfunden und in Deutschland retten wir den Diesel.

Angst um Daten? Nicht in den USA

Tag 3: Jay Habib sitzt im Restaurant im Rosewood-Hotel in Palo Alto und erklärt, wie Shop.co funktioniert. Das Rosewood-Hotel ist ein Luxushotel mit Pool und Dachterrasse und der Hotspot der Silicon-Valley-Investoren-Szene. Deswegen treiben sich hier auch so viele Gründer (und junge Frauen) herum. „Shop.co soll Online-Shopping einfacher machen. Mit dem universalen Kaufbutton kannst du alles kaufen, was du siehst.“ Registrierungen und Passwörter? Überflüssig. Habib zählt weitere Vorteile auf: Du hast die Übersicht über die Bestellungen, die Rechnungen, den Lieferstatus, du bekommst Produkte günstiger. „Wir sitzen live in deinem Browser und sehen, dass du kurz davor bist, den LG-Fernseher zu kaufen. Dann bieten wir ihn dir günstiger an.“ Denn die Firmen können so zielgenau Werbung machen. „Wir haben dazu die Daten. Wir wissen, was du kaufst, was du ausgibst, wie viel Geld du hast.“ In den USA beunruhige das keinen, sagt Habib, denn hier lade man auch freiwillig seinen Genpool hoch. Seit Anfang des Jahres kann Shop.co in den USA genutzt werden, Geld wollen sie 2018 verdienen. „Die Logik hier ist: Erlöse verlangsamen das Wachstum. Erst zehn bis 20 Prozent des Zielmarktes abdecken, dann kann keiner mehr das Modell kopieren und dann Geld verdienen.“ Konkret heißt das: Wenn sie anfangen Geld zu verdienen, haben sie schon 440 Millionen Dollar gekostet. In Deutschland undenkbar.

Deswegen entstehen hier Firmen wie Uber und in München Firmen wie My-Taxi.

Was fehlt, ist vielleicht das frei florierende Geld

Tag 4: Was also muss sich ändern in Deutschland? Großer Stuhlkreis im Hotel, in der Mitte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, sie hat eine Tüte mit Gummibärchen in Schraubenform mitgebracht. „Was bei uns fehlt, ist das frei florierende Geld“, sagt sie. Dann notiert sie Anregungen der Teilnehmer als Anregungen für die nächste Legislaturperiode. „Wer in Deutschland eine verrückte Idee hat“, sagt ein Gründer, „weiß vorher schon, dass er dafür kein Geld kriegt. Deswegen versucht er es erst gar nicht.“ Andere Meinungen: weniger Datenschutzrichtlinien, Präsentieren als Schulfach, große Unternehmen müssen mehr mit Start-ups zusammenarbeiten, Anreize schaffen, um deutsche Gründer wieder zurückzuholen.

Manche fragen aber auch: Wollen wir diese Silicon-Valley-Einstellung überhaupt? Visionen, die zu Revolutionen werden und dann ganze Branchen zerstören? Deutsche Gründer suchen sich ja eher eine Nische. Ist das nicht nachhaltiger? Oder werden wir so nur umso heftiger von den anderen umgehauen?

Tag 5: Am Ende der Reise, bevor alle wieder zurückfliegen, zeigt Jay Habib Fotos von seinen Töchtern auf dem Handy, zwei und sechs Jahre alt. „Sind sie nicht süß?“ Er lächelt stolz, der stolze Vater. 8971 Kilometer, 16 Stunden. Er kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen.