30. August 2018 | Arbeitswelt

"Das Smartphone ist eine reine Zeitklau-Maschine"

Das Smartphone ist immer dabei, es lenkt ab, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Birkenstock-Chef Oliver Reichert hat darauf keine Lust mehr. Der Manager schafft sein Smartphone ab. Er will sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können. Auch andere Unternehmen schränken die Smartphone-Nutzung ihrer Mitarbeiter ein. 

SZ-Artikel von Michael Kläsgen und Christoph Gurk

Oliver Reichert ist viel unterwegs als Chef von Birkenstock. Die Gesundheitsschuhe aus dem Westerwald sind längst zur Weltmarke geworden. Birkenstocks gibt es überall in Europa, aber auch in Tokio, Schanghai oder Rio. Und das Geschäft boomt. Deswegen ist Reichert viel unterwegs, mal in Australien, dann in den USA und danach in Brasilien. Er verbringt also viel Zeit im Flugzeug oder auf Flughäfen.

Man müsste deshalb meinen, die Erfindung des Smartphones ist für jemanden wie Reichert ein Geschenk: ein global einsetzbares Gerät für einen global agierenden Manager. Aber das Gegenteil ist der Fall, Reichert hat die Nase voll: “Ich habe vor, wieder ein normales Telefon zu benutzen.” Ohne mobiles Internet, ohne Schnickschnack, der nur ablenkt. Und mit dieser Meinung ist der Birkenstock-Chef längst nicht mehr allein.

Zwar werden auch dieses Jahr wieder weltweit mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft werden, gleichzeitig aber wächst das Unbehagen bei den Kunden: Das Handy, das ja eigentlich der praktische Helfer in allen Lebenslagen sein sollte, wird zunehmend als Störer und Aufmerksamkeitsfresser empfunden.

Und das ist kein Zufall, glaubt man dem Center for Humane Technology. Die Mitglieder der Organisation haben bei Konzernen wie Apple, Facebook und Google gearbeitet – und werfen ihren alten Arbeitgebern nun vor, die Nutzer ganz bewusst abhängig zu machen: mit Nachrichtenfeeds, die kein Ende haben; mit Like-Buttons und Herzchen, die Usern das schöne Gefühl von Bestätigung geben; mit Push-Benachrichtigungen; mit speziell programmierten Algorithmen, die Nutzer möglichst lang fesseln sollen. Apple, Facebook und Google, sagen die Gründer des Center for Humane Technology, bedienten sich also letztlich der gleichen Mechanismen wie Spielautomaten – mit dem Unterschied, dass das Smartphone eben jederzeit in der Hosentasche steckt.

“Das Smartphone ist eine reine Zeitklau-Maschine”, sagt Birkenstock-Chef Reichert. “Man will einmal kurz darauf schauen, um etwas zu checken, und bleibt dann stundenlang daran hängen und wird mit Dingen konfrontiert, die man gar nicht wissen wollte.” Und er sagt das mit dem Smartphone-Verzicht nicht nur so. Er zieht das auch durch. Nicht, weil er sich drücken oder Arbeit vom Hals halten wollte. Sondern weil er sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren möchte.

 

Tech-Unternehmen führen neue Funktionen ein

Tatsächlich reagieren erste Firmen auf die Kritik: Die Fotoplattform Instagram beispielsweise testet eine Funktion, die Nutzer darauf hinweist, wenn sie alle neuen Bilder ihrer Abonnements gesehen haben. Google baut in sein Android-Betriebssystem künftig Anwendungen ein, mit denen man die Zeit begrenzen kann, die man in bestimmten Apps verbringt. Auch Apple bietet eine entsprechende Funktion im neuen Betriebssystem iOS 12 an.

Letztendlich dürfte dies alles aber dennoch kaum mehr als Krisen-PR sein. Schließlich verdienen die Tech-Firmen auch weiterhin Geld mit Werbung. Und je mehr Aufmerksamkeit die Nutzer ihren Produkten schenken und je länger sie bei ihnen verweilen, desto größer ist am Ende der Gewinn für die Firmen.

Wer dem entrinnen will, der muss also selbst handeln, mit eigenen Maßnahmen gegen die Handy-Sucht, oder aber, indem man das Smartphone ganz verbannt, so wie Oliver Reichert. Er sagt: “Smartphones bedeuten einen echten Verlust an Lebensqualität.” Schließlich ist Reichert – Vollbart, dichtes Haar, dazu leger gekleidet mit offenem Hemd und löchriger Jeans – nicht nur Birkenstock-Chef, sondern auch ein Familienmensch und darauf bedacht, dass die Familie nicht zu kurz kommt. Da kann die “Zeitklaumaschine” schon stören. “Deswegen muss man sich davon trennen”, sagt er.

 

Ausgerechnet die Telekom führte strengere Regeln ein.

Längst geht es aber auch nicht mehr nur um ein Plus an Freiheit in der Freizeit. Es geht auch ums Geschäft. Denn hinter der Weltmarke Birkenstock steckt zwar ein großer deutscher Mittelständler, dessen Ressourcen aber auch nicht unbegrenzt sind. Reichert bekommt nicht für alle Entscheidungen und jedes Treffen eine perfekt ausgearbeitete Vorlage. Seine Mitarbeiter können und sollen nicht alles für ihn erledigen. Die Arbeit muss er schon selber machen. Deswegen ist er ja so viel unterwegs, um ständig im Kontakt mit den Märkten und den Kunden zu sein und um so die besten Entscheidungen zu treffen. Das ist ihm wichtig, das hat alleroberste Priorität.

Das Smartphone aber hält ihn genau davon eher ab, als dass es ihm dabei nutzt. Wer immer und für alle ansprechbar sein will, für den kann das Smartphone auch zum Fluch werden. Am Ende sind es zu viele Mails, zu viele Nachrichten, eine nicht mehr überschaubare Flut unwichtiger Informationen.

Deswegen will Reichert die Uhr auf null stellen. Wann das soweit ist bei ihm, steht noch nicht fest. Aber er wird es tun. Birkenstock plant bereits, dann die Organisation entsprechend darauf einzustellen.

Vorbilder dafür, wie man mit der digitalen Kommunikation in einem Unternehmen umgehen kann – oder besser: wie man sie sinnvoll einschränken kann – gibt es bereits. Ausgerechnet die Telekom, Europas größtes Telekommunikationsunternehmen, war hier für Deutschland so etwas wie der Vorreiter. Der Vorstand des Konzerns hatte bemerkt, dass leitende Angestellte auch am Wochenende oft E-Mails schrieben und damit eine ganze Kaskade von weiteren Nachrichten hervorriefen.

“Der Abteilungsleiter fragte dann bei seinen Stellvertretern nach und die wiederum bei ihren Mitarbeitern”, sagt Peter Kespohl von der Telekom. “Nach kurzer Zeit kamen so mal schnell zehn, fünfzehn Mails zusammen”. Die Telekom reagierte mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung, in der Führungskräfte ihren Mitarbeitern signalisieren können, dass sie keine Antwort auf E-Mails in der arbeitsfreien Zeit erwarten. Wie stark das Angebot angenommen wird, darüber gibt es bei der Telekom keine Untersuchungen.

Längst aber gibt es ähnliche Regelungen auch in anderen Konzernen. Bei BMW ist in der Betriebsvereinbarung ein Recht auf Unerreichbarkeit festgeschrieben, Daimler-Angestellte können Mails bei Abwesenheit automatisch löschen lassen und Volkswagen geht sogar noch weiter: Außerhalb der Kernarbeitszeiten werden die Server für Mails einfach abgeschaltet. Unter der Woche können Tarifbeschäftigte auf ihren Dienst-Smartphones darum zwischen 18.15 Uhr und 7 Uhr keine Mails empfangen oder versenden. Gleiches gilt am Wochenende, von Freitagabend bis Montagfrüh.

“Es hätte ja auch so jeder Beschäftigte die Möglichkeit, den Arbeitslaptop im Büro zu lassen oder das Diensthandy nach Feierabend auszuschalten”, sagt ein Sprecher des Konzernbetriebsrats. “Aber nicht jeder macht das, und wenn dann am Feierabend oder am Wochenende eine Mail vom Vorgesetzten oder dem Kollegen kommt, kann das Erwartungsdruck auslösen.” Den will man den Angestellten nehmen, darum das rigorose Blockieren der Server.

 

Auch ohne Smartphone bleibt der Manager erreichbar

“Die Mehrheit der Rückmeldungen zu dem Thema ist durchweg positiv”, sagt der bei Volkswagen zuständige Koordinator im Gesamtbetriebsrat, Heinz-Joachim Thust. Unternehmerisch mag Volkswagen zwar gerade in der Krise stecken, das liegt aber sicher nicht an E-Mails, die nicht schnell genug gelesen wurden, zumal leitende Angestellte von der Regelung sowieso ausgeschlossen sind.

Ohnehin fällt auf, dass zwar in immer mehr Unternehmen die Über-Kommunikation und ständige Erreichbarkeit durch Smartphones zum Thema wird, die Diskussion aber meistens dann endet, wenn es um die Führungsetage geht. Zum Klischee vom Manager gehört eben immer noch das Smartphone und dabei spielt es keine Rolle, ob das Gerät bei der Arbeit hilft oder doch eher stört.

Dabei ist es nicht so, dass Birkenstock-Chef Oliver Reichert ohne Smartphone nicht mehr erreichbar wäre. Im Gegenteil. Man wird ihn auch weiterhin anrufen können, und das rund um die Uhr, wie das bei einem Topmanager so ist. Der Abschied vom Smartphone aber soll dabei helfen, Unwichtiges vom Wichtigen zu trennen. Dass das funktioniert, weiß Reichert aus eigener Erfahrung: “Wenn ich im Urlaub bin, halte ich mich schon ziemlich strikt daran, nicht ständig auf das Smartphone zu schauen”, sagt er. “Aber wenn der vorbei ist, ist man wieder in der Hölle”.