7. März 2019 | Sixt

Mieten, teilen, Taxi fahren

Das Familienunternehmen Sixt legt seine Mobilitätsdienste auf einer Plattform zusammen.

SZ-Artikel von Dieter Sürig

Zum Schluss der 90-minütigen Show flog viel Konfetti: Vor etwa 2500 Sixt-Mitarbeitern und Gästen feierte sich das Mietwagenunternehmen aus Pullach am Donnerstagabend in einem Filmstudio im Münchner Osten vor allem selbst: “Ein großer Tag für Sixt, ein schlechter Tag für Euch”, sagte der 74-jährige Vorstandschef Erich Sixt im Hinblick auf Vertreter der Konkurrenz, die sich womöglich eingeschlichen hätten, um zu lernen, wie Autovermietung geht.

Nach Imagefilmchen, Zahlen und Impressionen aus der Historie des “unbeugsamen 100 Jahre alten Start-ups”, wie es Sohn Alexander Sixt später ausdrückte, zeigte der Marktführer (etwa 34 Prozent Marktanteil), dass es aber längst um mehr geht als die bloße Autovermietung. Mitten im Konfettiregen drückten Erich Sixt und seine Söhne schließlich unter dem Jubel der Mitarbeiter den orangenen Knopf, der die App “One” live schaltete.

 

“Wir führen zusammen, was zusammen gehört”, sagte Alexander Sixt

Der Mietwagenanbieter hat mit dieser App die weltweit erste Plattform, auf der die drei Angebote Mietwagen, Carsharing und Taxidienste verschmelzen. Sixt will seinen weltweit 20 Millionen Kunden damit nicht nur sukzessive Zugriff auf 240 000 Fahrzeuge bieten, sondern auch auf Taxidienste in zunächst 250 Metropolen. “Wir führen zusammen, was zusammengehört”, sagte Strategievorstand Alexander Sixt, 39. “Um den Menschen eine echte Alternative zum eigenen Auto zu bieten, haben wir eine offene Plattform gebaut.” Das Unternehmen hofft, sich insbesondere mit dem neuen Sharing-Angebot neue Kunden zu erschließen. Privatfahrzeuge würden im Durchschnitt nur eine Stunde pro Tag genutzt, stünden also meist in der Garage, sagte Alexander Sixt.

Seine Kunden können zunächst an zwölf deutschen Flughäfen ein Auto über ihr Smartphone buchen und es dann per App öffnen, ohne zum Schalter gehen zu müssen. Dieser Service soll auf weitere Stationen weltweit erweitert werden – auch in den Innenstädten. Dabei seien auch kleinere Städte wie Paderborn interessant, sagte Alexander Sixt. Mit dem neuen Carsharing-Angebot Share spricht Sixt vor allem Kunden an, die ein Auto für kürzere Strecken mieten wollen. Sie können das Fahrzeug ebenfalls über die App holen und dann immer noch entscheiden, ob sie es nur eine halbe Stunde oder bis zu 27 Tage brauchen. Abgerechnet wird im Minutentakt, doch gibt es einen Tagespreis, der dann greift, sobald er erreicht wird. Start ist in Berlin, im nächsten Quartal sollen mindestens drei deutsche Großstädte dazu kommen. “Sixt wird somit mittelfristig Carsharing an mindestens 500 Standorten in Deutschland und an über 2200 Standorten weltweit anbieten”, sagte Alexander Sixt. Im europäischen Ausland soll das Angebot Ende des Jahres starten. “Durch die kontinuierliche Vernetzung unserer Fahrzeuge werden wir die Grenzen zwischen Autovermietung und Carsharing sprengen”. Sixt werde seine Fahrzeuge flexibel für Carsharing und Vermietung einsetzen – auch in kleineren Städten. Mit dem neuen Modell können die Kunden das Fahrzeug auch zunehmend in einer Station, bei Hotels oder im öffentlichen Raum abstellen. Sharingmodelle waren bislang regional begrenzt.

 

Beim Angebot Sixt Ride kooperieren die Pullacher mit mehr als 1500 Taxi- und Fahrdiensten weltweit, in Deutschland mit dem Taxigewerbe. Das Versprechen: In 250 Großstädten Europas und der USA kommt innerhalb von zehn Minuten ein Taxi. In den USA arbeitet Sixt beispielsweise mit Lyft zusammen. Inwiefern Lizenzen oder Provisionen gezahlt werden, wollte Alexander Sixt nicht verraten – ebenso wenig, ob man auch versucht habe, den Fahrdienstleister Uber zu gewinnen.

Es ist fast zehn Jahre her, dass Fahrzeughersteller und -vermieter den Sharingmarkt für sich entdeckten: Daimler gründete die Miettochter Car2go, bei der Europcar einstieg, dann folgten BMW und Sixt mit Drivenow. Die Mietwagenfirmen Sixt und Europcar haben ihre jeweiligen Anteile 2018 verkauft, Sixt erlöste dabei 200 Millionen Euro. “Wir könnten Carsharing auch allein betreiben”, hatte Erich Sixt bereits vor zwei Jahren verkündet. Daimler und BMW haben Car2go und Drivenow gerade zu Sharenow fusioniert. Dessen Geschäftsführer Olivier Reppert sagte in Berlin, jeder Player, der Menschen von Carsharing als Alternative zum privaten Auto in Großstädten überzeugen wolle, sei gut für das Produkt.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) posierte zwar als Ehrengast der Sixt-Sause mit fürs Foto, äußerte sich aber nicht zum neuen Angebot. Die Anleger zeigten sich zumindest am Freitag begeistert: Zeitweise legte die Aktie im SDax um knapp zehn Prozent zu. Erich Sixt wird die Jahresbilanz seiner Firma am 18. März vorstellen. Im Vorgriff kündigte er bereits einen neuen Rekordumsatz von knapp drei Milliarden Euro an.

Süddeutsche Zeitung vom 01. März 2019