26. Juli 2018 | Selbstständigkeit

Die Spätgründer

Auch jenseits der 50 kann man noch mit der eigenen Firma starten. Dabei müssen “Silverpreneure” allerdings einiges beachten. 

SZ-Artikel von Martin Scheele

Renate Müller hatte 30 Jahre lang als IT-Managerin gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiterin bei SMA, einem Solar-Unternehmen in Kassel. Als die Firma in die Krise rutschte, wurde die IT an externe Dienstleister ausgelagert und Müllers Abteilung weitgehend aufgelöst. Sie bekam zwar die Zusage für eine Weiterbeschäftigung, doch in der IT-Managerin begann es zu rumoren. Wie wäre es, wenn sie noch einmal mit etwas ganz Neuem beginnen würde?

Ilona Peters war ein halbes Leben lang als Maschinenbauingenieurin beschäftigt gewesen, zuletzt 14 Jahre bei einem Autozulieferer in Wuppertal. Nach einer Phase starker Überarbeitung erlitt sie einen Burn-out. “Es war eine Zeit, in der ich für mich klären konnte, was ich will – und was nicht”, sagt Peters. Sie stellte fest, dass sie sich mehr Kontakt zu Menschen und mehr Selbstbestimmtheit im Job wünschte. 

Dietmar Krusch war 27 Jahre lang als Speditionskaufmann für Firmen wie Hapag Lloyd und regionale Anbieter tätig. Oft dachte er, dass er diesen Job eigentlich auch mit einem eigenen Unternehmen erledigen könnte. Die Initialzündung kam aber erst, als seine Mutter vor zwei Jahren überraschend starb. Krusch begann, alles infrage zu stellen.

Drei Beispiele, drei Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte ihren Traum verwirklicht und sich nach Jahrzehnten als Angestellte doch noch selbständig gemacht haben. Im öffentlichen Bewusstsein sind eher die jungen Gründer verankert: Bill Gates, der mit gerade mal 14 Jahren zusammen mit seinem Schulfreund Paul Allen sein erstes Unternehmen gründete. Oder Mark Zuckerberg, der mit 19 Jahren Facebook erfand.

Dabei liegt das Durchschnittsalter der Gründer in Deutschland seit vielen Jahren gleichbleibend bei 38,6 Jahren, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ermittelt hat. Nach einer Studie der KfW-Bankengruppe ist jeder dritte Gründer in Deutschland älter als 45 Jahre. Etwa 15 Prozent der über 45-Jährigen macht sich in der Digitalwirtschaft selbständig. Der größere Teil ist in der Old Economy tätig, gründet etwa ein Restaurant oder einen Pflegedienst.

 

Gründer werden immer älter

Die Experten sind sich einig: Das Durchschnittsalter von Gründern wird sich in den kommenden Jahren noch weiter nach oben verschieben. Der wichtigste Grund für den Trend zu älteren Gründern – die inzwischen als Olderpreneure, Seniorpreneure oder Silverpreneure bezeichnet werden – ist der demografische Wandel: 2035 wird knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland älter als 50 Jahre sein.

IT-Managerin Müller besuchte eine Gründungsberatung für Frauen über 50 Jahre, die von der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg angeboten wird. Dort machte man sie auf die Internetplattform Nexxt Change aufmerksam, auf der Firmen in der ganzen Republik zum Verkauf angeboten werden. Die 51-Jährige zögerte zunächst und arbeitete erst noch anderthalb Jahre als IT-Managerin beim Salz- und Düngelmittelproduzenten K&S, ebenfalls in Kassel.

Sie erinnert sich gut an die vielen unruhigen Nächte, in denen sie damals über die Selbstständigkeit nachdachte. “Der Wunsch, etwas Fassbares, Messbares zu machen, mit mehr Kundenkontakt, wurde immer stärker”, sagt Müller. Ihr Mann, der bei Volkswagen Elektroautos entwickelt, unterstützte sie dabei. Sie stieß auf das Verkaufsangebot eines Imbisses, der sich auf Nudelgerichte, komplett aus eigener Manufaktur, spezialisiert hatte. Wegen der Nähe zur Innenstadt war genug Kundschaft vorhanden. Doch da sie branchenfremd war, arbeitete sie sich drei Monate lang bei den Altinhabern ein, parallel zu ihrem Angestelltenjob, den sie auf 50 Prozent reduziert hatte.

Gründung jenseits der fünfzig – ist das wirklich so einfach? “Ältere Gründer haben sicherlich Vorteile wie Lebens- und Berufserfahrung, sie treten selbstbewusster auf und haben häufig angespartes Eigenkapital”, sagt Carsten Heustock von der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg. Er weist aber auch auf die Nachteile hin. “Banken sind sicherlich nicht freigiebiger bei der Vergabe von Krediten. Aufgrund der Darlehenslaufzeiten über zehn Jahre oder länger stellt sich die Frage nach einer Risikoabsicherung in Form einer Risikolebensversicherung”, sagt Heustock. Auch die Unternehmensnachfolge sei schon bei der Gründung ein Thema.

IT-Managerin Renate Müller fand die Gespräche mit der Bank unkompliziert. “Die Banken schauen sicher genau hin, wenn man über 50 Jahre alt ist”, sagt sie. Die Kaufsumme hat sie dann aber zur Hälfte aus dem Angesparten gezahlt. Die Wirtschaftsförderung Region Kassel hat ihr einen Berater gesponsert, mit dessen Hilfe sie einen Businessplan aufstellte.

Auch bei der Ingenieurin Ilona Peters brauchte es eine Weile, bis in ihr der Entschluss gereift war. Als in ihrem Freundeskreis immer häufiger über den Mangel an Putzkräften für private Haushalte gesprochen wurde, sprang der Funke über. Peters stieß auf das Franchise-Unternehmen Zauberfrau aus Münster, das Familien, Singles und Senioren stundenweise Hilfe im Haushalt anbietet. 2013 gründete sie in Wuppertal einen Ableger. Davor hatte sie bei der Zauberfrau-Erfinderin Mechthild Konerding ein paar Monate hospitiert und so die Betriebsabläufe kennengelernt.

Die 61-jährige Peters ist Franchise-Nehmerin, das heißt: Sie bezahlte eine Einstiegsgebühr in Höhe von 20 000 Euro und überweist monatlich vier Prozent ihres Umsatzes an den Franchise-Geber. Dafür erhält sie zum Beispiel Beratung, eine repräsentative Homepage und Werbematerialien. Peters zählt damit auch zu Deutschlands Gründern, sie hat ihre eigene Firma, wirtschaftet in die eigene Kasse.

“Dank Franchise habe ich mir viele Fehler erspart, die man bei anderen Gründern sieht”, sagt sie. Heute hat sie 25 Angestellte, zumeist Teilzeitkräfte. In der nicht tarifgebundenen Branche zahlt Peters ihren Mitarbeitern zehn Euro die Stunde, inklusive steuerfreier Sachzuwendungen wie Tankgutscheinen kommen die Mitarbeiter auf 10,40 Euro. Im vergangenen Jahr, im vierten Jahr nach der Gründung, machte Peters 360 000 Euro Umsatz. Und ihr Unternehmen warf auch Gewinne ab. Unterstützung bekommt sie von ihrem Mann. Er ist hauptberuflich Programmierer in einer Edelstahlfirma und kümmert sich nebenher bei Peters um die IT.

Logistik-Experte Krusch ist seit gut einem Jahr selbstständiger Unternehmer. Anfang 2017 gründete er zusammen mit seiner Frau die Firma FTK Transport in Hannover mit einem Ableger in Hamburg. Zuvor erstellte er innerhalb von drei Monaten den notwendigen Businessplan. “Drei Tage nach Versand erhielten wir schon einen Beratungstermin von unserer Bank”, sagt der 56-Jährige. Für die Gründung hatte er ein Darlehen von der KfW in Höhe von 150 000 Euro bekommen. 55 000 Euro investierte er aus eigenen Mitteln.

Kruschs Firma fährt mit sieben eigenen Lastwagen hauptsächlich Schiffscontainer quer durch die Republik. Mittlerweile beschäftigt seine Firma 17 Mitarbeiter, im ersten Jahr erlöste das Unternehmen bereits 2,4 Millionen Euro – und erwirtschaftete Gewinne. Kruschs Erfolg hängt auch mit seinem Netzwerk zusammen. Einige Lastwagen leaste er bei Herstellern und musste keinen Euro als Anzahlung zahlen. Um saisonale Schwankungen auszugleichen, sind nun auch drei Baustellenfahrzeuge angeschafft worden, die fahren zum Beispiel Kies im Raum Hannover zu Baustellen.

Nudel-Verkäuferin Müller kommt auf vier Angestellte im Zweischichtbetrieb. Wie viele Portionen sie am Tag verkauft, will sie nicht verraten. “Geschäftsgeheimnis”, sagt sie. Nur so viel: “Ich schreibe leicht schwarze Zahlen.” Müller verdient als Gründerin weniger als im Angestelltenjob als IT-Managerin. “Aber ich habe auch weniger Zeit, das Geld auszugeben”, sagt sie. Abseits des Erfolges hadert sie nur mit ihren eigenen Ansprüchen. “Ich muss mich davon freimachen, dass ich alles gerne schneller hätte”, sagt sie. Wenn sie noch mal neu anfangen könnte, dann würde sie lediglich zehn Jahre früher in die Selbständigkeit starten. “Die Arbeit ist schließlich körperlich ganz schön intensiv.”

 

Weniger Neulinge, bessere Ideen

In Deutschland wagen immer weniger Menschen den Sprung in die Selbständigkeit. 2017 sank die Zahl der Existenzgründer um 17 Prozent auf 557 000 Personen, wie der jüngste “Gründungsmonitor” der staatlichen Förderbank KfW belegt.

Besonders kräftig war der Rückgang bei Menschen, die sich mit einem Nebenjob selbstständig machen. Deren Zahl verringerte sich um 24 Prozent auf 323 000. “Eine abhängige Beschäftigung auch für den Hinzuverdienst zu finden ist derzeit so einfach wie nie”, heißt es in der Studie. Die Zahl derjenigen, die sich mangels Alternativen selbstständig machten, sank ebenfalls deutlich um 37 000 auf 129 000 Menschen. Als Grund für den Rückgang wurde die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt genannt. Viele Unternehmen klagen über einen Mangel an Fachkräften. “Erwerbstätige haben aktuell die Qual der Wahl”, so die Studie. Die Entscheidung falle häufiger gegen eine Selbstständigkeit aus.

 

Der gute Lauf auf dem Arbeitsmarkt bremst auch die Gründer. Sie haben zunehmend Probleme, Mitarbeiter zu finden. “Der Gegenwind für das Gründungsgeschehen war noch nie so groß, weil die Attraktivität der abhängigen Beschäftigung so hoch ist”, sagte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Etwa die Hälfte der Neugründer mit Mitarbeitern hatte im vergangenen Jahr Probleme bei der Stellenbesetzung – “ein beispielloser Rekordwert”. Selbstständige, die im vergangenen Jahr mit einem neuen Unternehmen starteten, schufen insgesamt mehr als 170 000 Vollzeitstellen entsprechende Jobs.

Positiv wertete die KfW, dass die Zahl volkswirtschaftlich besonders bedeutsamer Gründungen gegen den Trend gestiegen sei. Dazu zählt die Förderbank sogenannte Chancengründer (plus acht Prozent), die häufiger mit Marktneuheiten an den Start gehen. “Für unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren wird es ganz entscheidend sein, dass wir eine beachtliche Anzahl von innovativen Unternehmen haben, denn sie sind ein wesentlicher Jobmotor der Zukunft”, sagte Zeuner.