22. Januar 2019 | Recycling

"Plastikmüll hat einen Wert"

Eine Allianz aus Konzernen will gegen den Kunststoff in der Umwelt vorgehen. Es geht dabei auch um eigene Interessen. Das Image der Firmen leidet unter den Plastikbergen in Ozeanen, und die Politik macht Druck.

SZ-Artikel von M. Bauchmüller, E. Dostert und B. Müller

Es ist ein guter Tag für Priyanka Bakaya. Sie sitzt an einem runden Tisch zwischen Martin Brudermüller, dem Vorstandschef von BASF, und Jim Fitterling, dem Vorstandschef des Chemiekonzerns Dow. Die beiden Männer hören ihr aufmerksam zu. Bakaya, Gründerin von Renewlogy, redet über ihr Projekt in Indien, an den Ufern des Ganges. Dort sammeln Menschen Kunststoffmüll ein, um ihn wiederzuverwerten. Ein Großteil des Plastiks in den Meeren wird über zehn Flüsse eingetragen, sagt Fitterling, acht davon in Asien. Der Ganges ist einer davon. “Wenn wir das Problem lösen wollen, müssen wir die Menschen vor Ort einbinden und sie an der Wertschöpfung beteiligen”, sagt Bakaya. Es sind Projekte wie dieses, welche die am Mittwoch in London vorgestellte “Allianz gegen Plastikmüll in der Umwelt” unterstützen will. 27 Konzerne gehören ihr zu Beginn an. “Ich kann nur jedes Unternehmen auffordern, sich uns anzuschließen”, fordert David Taylor, Vorstandschef von Procter & Gamble, in einer anderen der im Internet übertragenen Diskussionsrunden. “Diese Aufgabe kann keine Firma allein bewältigen”, ergänzt Peter Bakker, er ist Präsident des World Business Council for Sustainable Development, ein Netzwerk, das sich für die nachhaltige Entwicklung einsetzen will. “Es ist eine globale Herausforderung, jeder sollte sich verantwortlich fühlen”, sagt Bob Patel, Vorstandschef des Chemiekonzerns Lyondell Basell.

Es ist eine Allianz über die gesamte Wertschöpfungskette: Hersteller von Kunststoffen wie BASF und Covestro, Konsumgüterkonzerne wie Procter & Gamble und Henkel und Recyclingfirmen wie Veolia und Suez. “Plastikmüll hat einen Wert, den müssen wir nutzen”, sagt Brudermüller.

1,5 Milliarden Dollar will die Allianz in den nächsten fünf Jahren investieren, in Projekte wie das von Bakaya. Vier Ansatzpunkte sieht die Allianz: den Aufbau einer Infrastruktur für Kreisläufe, neue Technologien für Plastik, Bildung und die Reinigung von Meeren und Flüssen. Dem Bündnis gehören nicht nur Konzerne aus Europa und Nordamerika an, sondern auch Firmen aus Indien, Japan, Thailand, Brasilien, Saudi-Arabien und Südafrika – jedoch keine chinesischen, obwohl die Volksrepublik einen Anteil von 30 Prozent an der weltweiten Kunststoffproduktion hat. Diese umfasste nach Branchenangaben weltweit 348 Millionen Tonnen im Jahr 2017.

Die Konzerne stehen unter Druck, ihr Image leidet unter den Bildern von Plastikabfällen in den Ozeanen und toten Tieren mit Mägen voller Plastik. Selbst die Industrie- und Schwellenländerklubs G 7 und G 20 beschäftigen sich seit einiger Zeit mit dem Problem. Schon Anfang 2018 hat China, bis dahin einer der wichtigen Abnehmer, die Einfuhr von Plastikmüll massiv eingeschränkt. Ins Land dürfen seither nur noch recyclingfähige, vorsortierte Abfälle.

Die EU wiederum hat voriges Jahr ein Abfallpaket verabschiedet. Demnach müssen bis zum Jahr 2025 mindestens 65 Prozent aller Verpackungen wiederverwertet werden, bis 2030 sind es 70 Prozent. Plastikabfälle sollen bis dahin zu 55 Prozent recycelt werden. Gerade legt Brüssel mit einer “Plastikstrategie” nach: Sie verlangt, dass bis 2030 sämtliche Kunststoffverpackungen wiederverwertbar sein müssen. Einwegprodukte aus Kunststoff wie Besteck, Strohhalme oder Wattestäbchen sollen ganz verschwinden. “Es geht nicht um Umwelt oder Kunststoff, sondern um Umwelt und Kunststoff”, sagt Dow-Chef Fitterling. Schließlich könnten Plastikverpackungen dazu beitragen, dass Lebensmittel länger halten, dass weniger verderbe und weggeworfen werden müsse.

 

Plastik-Verpackungen könnten dazu beitragen, dass Lebensmittel länger halten

In Deutschland gilt seit Jahresanfang ein neues Verpackungsgesetz. Eine “Zentrale Stelle Verpackungsregister” kümmert sich um Joghurtbecher und Shampooflaschen: Jede Verpackung wird darauf untersucht, ob und wie leicht sie sich recyceln lässt. “Wir wollen, dass die Wirtschaft umfassend darüber nachdenkt, welche Verpackungen wirklich notwendig sind und welche Materialien umweltschonend zum Einsatz kommen”, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). “Das funktioniert besonders gut, wenn umweltschädliches Verhalten teurer und umweltfreundliches Verhalten belohnt wird.”

Es gibt schon viele einzelne Projekte. Henkel hat sich vorgenommen, dass alle Konsumgüterverpackungen des Konzerns bis zum Jahr 2025 recycelbar, wiederverwendbar oder kompostierbar sein sollen. Die Düsseldorfer arbeiten auch mit dem Sozialunternehmen Plastic Bank zusammen: Dort können etwa Menschen in Haiti gesammeltes Plastik abgeben und gegen Geld oder Waren eintauschen. “So erhält Plastik einen Wert und endet nicht in Flüssen oder dem Meer”, erklärt Henkel. Auch der Kunststoffhersteller Covestro unterstützt Aktionen, bei denen Flüsse in der Nähe seiner Fabriken weltweit gereinigt werden. Kunststoffe seien viel zu wertvoll, “um als Müll in der Umwelt zu enden”, sagt Vorstandschef Markus Steilemann.

 

Priyanka Bakaya, Mitte dreißig, beschäftigt der Plastikmüll schon lange. Sie wuchs in Australien auf, studierte in den USA und arbeitete eine Weile als Analystin bei Lehman Brothers. Dann besuchte sie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Programme für Start-ups und gründete 2009 ihre Firma. Zunächst beschäftigte sich Bakaya mit Elektroschrott. Dann aber verbrachte sie einen Sommer in Indien, von da stammt ihre Familie. “Ich stellte fest, dass Kunststoff das größte Problem ist”, schreibt Bakaya auf der Webseite ihrer Firma. “Es war herzzerreißend, mit anzusehen, wie große Mengen an Müll einfach in die Landschaft gekippt oder offen verbrannt werden. Ich sah die schlecht bezahlten Müllsammler, die den Preis für unseren Konsum im Westen zahlen, und fühlte mich hilflos”, erzählt Bakaya. Zurück in den USA verlegte sie den Schwerpunkt auf Kunststoffabfälle und entwickelte nach den Ideen eines Freundes ein Verfahren, um aus Kunststoffabfall Öl zu gewinnen. Nach einer Pilotanlage in Indien baute sie in Utah die erste industrielle Anlage. “Ich hoffe, du schließt dich unserer Mission an”, schreibt Bakaya auf ihrer Internetseite am Ende ihrer kurzen Selbstdarstellung. Es sieht so aus, als erfülle sich ihre Hoffnung schon.

Süddeutsche Zeitung vom 16. Januar 2019