16. August 2018 | Park-Apps

Vom Problem zum Service

Autofahrer vergeuden im Jahr 41 Stunden mit der Parkplatzsuche. Apps und Sensorik sollen das ändern. Daran arbeiten aber nicht nur Start-ups. 

SZ-Artikel von Katharina Kutsche

Rund acht Minuten sucht ein Autofahrer in deutschen Großstädten nach einem Parkplatz am Straßenrand. Im Parkhaus kreist er im Durchschnitt sechs Minuten von Ebene zu Ebene, bis er einen Stellplatz findet. Kein Wunder also, dass Apps, die die Parkplatzsuche erleichtern, immer beliebter werden, bei Privatleuten wie bei Unternehmen mit Fuhrpark.

Da ist etwa Parknow. Die App zeigt Autofahrern, wo sie parken können, ob und was es kostet. Das lokalisiert sie satellitengestützt, navigiert sogar zum freien Wunschparkplatz. Ist das Auto abgestellt, startet der Nutzer den Parkvorgang per Fingertippen und beendet ihn auch so. Abgerechnet wird minutengenau am Monatsende. Wer will, kann sein Fahrzeug auch per SMS oder Anruf abstellen. Im Parkhaus ersetzt die App das Ticket, der Parkautomat erkennt mit spezieller Technologie, wann ein Auto ein- und ausfährt. Auch Strafzettel sollen so vermieden werden: Kontrolleure scannen das Nummernschild, rufen ab, ob ein Parkvorgang aktiv ist.

 

Hinter den digitalen Angeboten stehen vor allem Unternehmen der Autobranche

Das Geschäft mit dem Parken braucht neue technische Lösungen, es ist lukrativ und zukunftsträchtig und das aus mehreren Gründen. Erstens: Parkhäuser setzten etwa im Jahr 2016 etwa 1,3 Milliarden Euro um. Und da es immer mehr Haushalte mit immer mehr Autos gibt, steigt der Parkdruck. Damit sind Parkhäuser auch für Investoren interessant. Zweitens: Das Softwareunternehmen Inrix errechnete, dass Autofahrer in Deutschland 41 Stunden im Jahr damit verplempern, nach einem Platz für ihr Auto zu suchen. Rechnet man zum Zeitaufwand noch den verschwendeten Kraftstoff und die Abgasbelastung hinzu, kostet die Parkplatzsuche volkswirtschaftlich rund 40 Milliarden Euro. Drittens: Carsharing boomt. Die Teil-Autos stehen je nach Sharing-Konzept irgendwo oder auf festen Stellplätzen an der Straße und im Parkhaus. Soll da jeder Teilzeitnutzer ein immer neues Ticket ziehen? Viertens: Fahrzeuge, die vollständig autonom unterwegs sind, in denen also nur Passagiere sitzen und keine Fahrer, nutzen Daten aus allen denkbaren Quellen, um sich sicher zu bewegen. Damit sie vollautomatisiert ins Parkhaus fahren können, braucht es entsprechende Technik, ein elektronischer Greifarm ist schließlich keine Lösung.

Parknow gibt es in 89 deutschen Städten. Vergleichbare Anwendungen sind Easypark aus Düsseldorf und Travipay aus Erlangen. Bei allen gilt: Wer sich nicht registrieren möchte, kann die Parkgebühren über den Mobilfunkanbieter abrechnen. Easypark hat eine Million Parkplätze im Angebot, bei Travipay sind es 480 000. Und wachsen wollen sie alle.

Bemerkenswert ist dabei, dass hinter den digitalen Park-Angeboten vor allem Unternehmen stehen, die ein Interesse an maximaler Mobilität haben: die Autobauer. Mehrheitsgesellschafter von Sunhill, den Entwicklern von Travipay, ist Volkswagen Financial Services. Hinter Inrix, Anbieter der App Parkme, steht Porsche. Und Parknow firmiert in einigen Ländern unter der Marke Parkmobile – das gleichnamige Unternehmen gehört seit Anfang 2018 der BMW-Gruppe. Parkmobile war bereits in den USA der größte Anbieter digitaler Parklösungen, gemeinsam mit der europäischen Tochter bedient das Unternehmen nun 22 Millionen Kunden in mehr als tausend Städten. Man muss also keinen BMW fahren, um mit BMW zu parken.

Auch Städte haben ein großes Interesse daran, dass Parken ein Service und kein Problem ist. Das Thema ist oft Teil von Smart-City-Strategien, in denen der Verkehrsfluss vernetzt und flexibel ausgesteuert ist. Die Stadt Köln etwa kooperiert mit Evopark. Das Start-up hat den Parkprozess digitalisiert und wirbt mit den gleichen Vorteilen wie Park Now: nie wieder am Kassenautomaten anstehen, nie wieder nach Kleingeld kramen. Auch das blöde Gefühl, dass die Parkuhr abläuft, soll entfallen – lässt sich ja alles im Smartphone nachregeln.

“Die Parken-Branche steht vor neuen Herausforderungen”, sagt Sven Lackinger, einer der vier Evopark-Gründer. Evoparks Lösung: Ein Auto fährt ins Parkhaus, eine integrierte Karte sendet an eine Antenne an der Parkanlage. Die Software des Start-ups ist mit dem Kassenautomaten gekoppelt, registriert die Start- und Endzeit und rechnet minutengenau ab. Um die 40 000 Kunden nutzen die Technologie.

Die Entwicklung des Start-ups zeigt aber auch, das alles rund ums Parken nicht nur für Endkunden spannend ist. 2014 gegründet, arbeitete Evopark schon wenig später mit Audi und Porsche zusammen. Mit Mercedes entwickelte es eine Karte, die die Parkhausschranke per RFID-Funktechnik öffnet und den Parkvorgang bargeldlos abrechnet. 2016 traten die Gründer in der Vox-Start-up Show “Die Höhle der Löwen” auf und lehnten selbstbewusst eine Investition von 1,5 Millionen Euro ab. Anfang des Jahres verkündeten sie den Exit: Scheidt & Bachmann, ein Systemhersteller für Parkhausanlagen, hält seitdem 75 Prozent der Anteile, das restliche Viertel bleibt bei den Gründern.

Inzwischen hat Evopark seinen Fokus verlagert, weg vom Endkunden, hin zum Technologieanbieter für Parkhäuser und Automobilbauer. Seine jüngste Entwicklung ist in der neuen A-Klasse von Mercedes-Benz verbaut: Von September an meldet deren Bordcomputer schon vor der Einfahrt ins Parkhaus, wo Stellplätze verfügbar sind und was sie kosten, die Endabrechnung gibt es per Push-Nachricht. Das soll auch die Parkhausbesitzer freuen: mehr zufriedene Kunden, kein Hantieren mit Bargeld, schnelleres Ein- und Ausfahren.

An der Zukunft des Parkens arbeitet derzeit etwa der Zulieferer Bosch. Beim Community-based-Parking erfassen Autos mittels Ultraschallsensoren im Vorbeifahren freie Stellplätze. Die Daten fließen in eine Cloud, wo sie in Echtzeit über die Navigationssysteme abgerufen werden können. Noch in diesem Jahr soll der Service in 30 Städten Europas und der USA starten.

Die Krux an all der Innovation ist, dass dafür genügend Autos unterwegs sein müssen. Doch um deren Umweltbelastung zu senken, wäre eigentlich das Gegenteil gut: weniger fahren, weniger parken.