4. Oktober 2018 | Digitalisierung

World Wide Wiesn

Auch das Oktoberfest wird digitaler: Kameras zählen Hendl und spezielle Software hilft bei kurzfristigen Tischbuchungen.

SZ-Artikel von Franz Kotteder

Gesichtserkennung ist in den Welten der künstlichen Intelligenz ja längst ein alter Hut. Da arbeiten internationale IT-Konzerne schon seit vielen Jahren dran, mit ganz beachtlichen Fortschritten. Dabei wird das nächste große Ding gerade auf dem Oktoberfest entwickelt: die Hendlerkennung! Und zwar im kleinen Ammerzelt. Man ist damit schon ziemlich weit fortgeschritten.

Schon seit der Wiesn im vergangenen Jahr verlässt kein Teller den Küchenpass im Ammerzelt, ohne dass er von einer Kamera gescannt wird. Das Ziel: Die Software soll erkennen, wie viele Gerichte rausgehen und um welche es sich dabei handelt. Im vergangenen Jahr saß noch ein IT-Experte im Nebenraum und überwachte den Testlauf, dieses Jahr arbeitet die Software eigenständig. “Inzwischen erkennt die Software, ob es sich um ein Hendl oder eine Ente handelt und welche Beilage es dazu gibt”, sagt Josef-Anton Schmidbauer, der Wirt vom Ammerzelt, der sonst das Café Palmenhaus in Schloss Nymphenburg betreibt. “Das geht in Sekundenbruchteilen und auch, wenn sich die Bedienung dabei bewegt.”

Wie kam es zu dieser technischen Aufrüstung? Schmidbauer lernte im Urlaub in Finnland zwei Software-Entwickler der Wiener Firma Moonshiner kennen, die gerade an einer Lagerverwaltungs-Erkennungssystem für Audi arbeiteten. Beim Reden kamen sie auf den Gedanken, das so etwas auch in der Gastronomie nützlich wäre. Und so machten sie sich an die Arbeit. Schnell war klar: Die Sache könnte funktionieren. Schmidbauer gründete mit den beiden Wienern das Startup-Unternehmen Moon Vision, und mittlerweile steht das Projekt “Dish Tracker” kurz vor der Marktreife.

An die 20 verschiedene Gerichte erkennt die über dem Küchenpass montierte Kamera inzwischen nahezu fehlerlos. Probleme gab’s anfangs mit dem Kartoffelsalat. Da konnte das System nicht erkennen, ob es sich um eine, zwei oder drei Portionen in der Schüssel handelte. Seitdem kommen beim Ammer auf eine Schüssel mit zwei Portionen auch zwei Radieserl, auf eine mit drei Portionen drei, schon ist wieder alles klar.

“Das Gerät erkennt inzwischen auch bis zu fünf Brezen übereinander”, sagt Schmidbauer, “und es registriert auch Teller, die zurückgehen.” Wenn man es nun noch mit einem Kassensystem verbindet, dann müsste das Personal nichts mehr eintippen, alles ginge sehr viel schneller. “Für Biergärten oder große Caterings wäre das ideal”, sagt Schmidbauer über seine Software.

Ein anderer Pionier der digitalen Wiesnwelt ist Hans Stadtmüller, der Wirt der Fischer-Vroni. Dabei sind Computer ersichtlich nicht so sein Ding, aber in diesem Fall hatte er den richtigen Riecher. Im vergangenen Jahr führte er erstmals eine Online-Reservierung für sein Zelt ein, mit der man mit 24 Stunden Vorlauf noch freie oder frei gewordene Tische buchen kann. “Damals haben sie mich noch belächelt, meine Kollegen von den anderen Zelten”, erzählt er und schmunzelt, “jetzt ziehen sie langsam nach.” Tatsächlich kann man mittlerweile auch über die Homepage der Ochsenbraterei schon Mittagstische buchen.

Theoretisch, sagt Stadtmüller, könne man mit dem Buchungssystem sehr individuell besetzen und buchen: “Kartenspieler könnten sich einen Tisch mit Kartenspielern buchen, Bayernfans einen mit Bayernfans, Sechzger einen mit lauter Sechzgern.” Datenschutzrechtlich ist das freilich schwierig. Grundsätzlich aber lassen sich die Achtertische in der Fischer-Vroni ab zwei Personen aufwärts buchen, normalerweise werden Wiesntische lange vorab nur an jeweils zehn Personen vergeben. Hier geht’s aber bis zu einem Tag im Voraus. Was Stadtmüller besonders freut: “Dadurch, dass es so kurzfristig geht, nutzen das vor allem die Münchner.”

 

Über Onlineportale lassen sich freie Tische kurzfristig buchen

So ziemlich die gleiche Möglichkeit haben auch die Besucher der 21 kleinen Wiesnzelte. Die sind nämlich, vor allem mittags unter der Woche, keineswegs alle ausgebucht, wie viele immer glauben. Deshalb haben sie sich nun mit den Buchungsportalen Open Table und Bookatable zusammengetan. Mit ihnen kann man seit diesem Jahr freie Tische dort buchen.

Viele Wiesnbesucher setzen aber nach wie vor auf den Spontanbesuch. Und dabei hilft ihnen schon seit vergangenem Jahr die offizielle Oktoberfest-App des städtischen Portals muenchen.de. Mit ihr bekommt man nicht nur einen höchst detaillierten Plan des gesamten Festgeländes, sondern auch einen Füllstandsanzeiger für sämtliche Zelte. “Wir haben, bevor wir die App entwickelten, vorab die Besucher befragt, was sie sich wünschen”, erzählt Nikolaus Gradl, der die App mitkonzipiert hat, “sowohl die Auswärtigen als auch die Münchner wünschten sich einen Überblick darüber, in welchem Zelt noch Plätze frei sind oder ob schon alles besetzt ist.”

Daraufhin bastelten die Entwickler einen Algorithmus, der mit jenen Nutzern der App arbeitet, die einer Standorterkennung zustimmten. Auf Basis einer Hochrechnung wurde so die Zeltbelegung ermittelt. Sie ist mittlerweile ziemlich genau, wird aber noch durch real existierende Menschen ergänzt , sogenannte “Crowdspotter”, die auf dem Gelände unterwegs sind und die Angaben, wo nötig, ergänzen. Sie sind sozusagen das analoge Element der App, ähnlich den Radieserln im System des Ammerzelts. Demnächst wird die App auch noch ergänzt durch sitzplatzgenaue Innenpläne aller Zelte, damit man bei einer Reservierung nicht umständlich suchen muss.

Die optimale Ergänzung zur offiziellen Oktoberfest-App ist für Freunde der Volksmusik die App “Oide Wiesn”. Die Musikantenzeitschrift Zwiefach hat sie entwickelt. Mit ihr ist man immer auf dem Laufenden, was in den Zelten auf der Oiden Wiesn auf dem Programm steht, sowohl musikalisch als auch auf der Speisekarte. Außerdem gibt’s Noten und Texte zum Mitsingen.

Und die allerneueste Entwicklung? Ist eine kostenlose Sicherheitsapp für Frauen mit dem Namen “Swift Alarm! Gold”. Ein Münchner Startup hat sie programmiert, man kanns sie sich aufs Handy herunterladen und damit binnen Sekundenschnelle einen Notruf per SMS absetzen, an hinterlegte Kontakte und mit genauem, aktuellem Aufenthaltsort (www.swiftalarm.de). Der Nachhauseweg, der oft gefährlicher ist als der Aufenthalt auf dem Festgelände, soll dadurch sicherer werden, und man kann auch im Falle von aufdringlichen Wiesnbekanntschaften unauffällig Hilfe herbeiholen. Die App lässt sich obendrein auch noch kombinieren mit einer Alarmsirene, die mit einer Lautstärke von bis zu 120 Dezibel arbeitet. Die dürfte selbst im Bierzelt noch vieles übertönen.