10. November 2017 | Digitalisierung

Nachdenken über den Schlauch

Die Firma Rehau macht ohne großes Aufsehen einen Milliardenumsatz mit Rasenheizungen, Ski-Anlaufspuren, Gartenschläuchen und allem, was die Industrie so braucht. Das reicht nicht, finden sie im Nordosten Bayerns – und starten neu.

SZ-Artikel von Uwe Ritzer

Mit Gartenschläuchen fing alles an, 1948 im oberfränkischen Rehau unmittelbar an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei. Seinerzeit begann ein gewisser Helmut Wagner mit der Produktion unter anderem von Wasserschläuchen und nannte seine Firma genau so wie das Städtchen. Heute zählt die Stadt Rehau nicht ganz 10 000 Einwohner, während die Rehau AG weltweit mehr als 20 000 Menschen beschäftigt. Ein Kunststoffkonzern, der von der Rasenheizung über Auto-, Industrie- und Möbelteile bis zu Fenstern alles Erdenkliche produziert, darunter nach wie vor Gartenschläuche. Und nun sagt Stefan Girschik, mit denen sei „auf Dauer kein Geschäft mehr zu machen.“

Girschik, Ingenieur und promovierter Ökonom, ist stellvertretender Vorstandschef des Unternehmens. Er empfängt in einer neuen Denkfabrik, knapp 300 Kilometer südlich von Rehau, mitten in München. Unlimited X heißt die dort angesiedelte, etwas andere Tochterfirma, mit der sich das im Laufe der fast 70 Jahre konservativ geprägte Familien- und Industrieunternehmen neu und digital aufladen, sowie inspirieren lassen will. Nämlich mit unkonventioneller Start-up-Kultur. „Wir wollen als Innovation-Lab die digitalen und radikalen Innovationen für Rehau vorantreiben“, sagt Stefan Thomas, der Chef von UnlimitedX, „in dem wir komplett neu an die Dinge herangehen.“ Zum Beispiel an das Thema Gartenschläuche.

Bevor davon genauer die Rede ist, lohnt eine Fahrt nach Rehau selbst, in Stadt und Firmenzentrale. Das Unternehmen beschäftigt hier 2500 seiner 8000 Mitarbeiter in Deutschland, viel hoch qualifiziertes Personal ist darunter. Dabei fällt es nicht leicht, Spezialisten hierher in das Hofer Hinterland fernab von Ballungsräumen zu locken. Als Argumente neben Gehalt und Sozialleistungen dienen günstige Lebenshaltungskosten und viele kleine Annehmlichkeiten, vom eigens organisierten Kulturprogramm bis zu Dienst-E-Bikes.

Als Besuchermagman sich nicht vorstellen, was aus den historisch eindrucksvollen Industriebauten geworden wäre, wenn die RehauAG nicht wirtschaftlich durchgestartet und trotzdem ihrem Ursprungsort treu geblieben wäre. Also hat sie die Denkmäler saniert und ihnen einen neuen Zweck gegeben. In der „Fränkischen Lederfabrik“, in der 1948 alles begann, sitzen heute Teile der Verwaltung und Einkäufer der Autosparte. Aus der alten Porzellanfabrik wurde ein globales Forschungs- und Entwicklungszentrum. Und die alte Buntweberei beherbergt seit 2010 die Lehrlingswerkstatt der Firma.

 

Hier wurde das berühmte Trittbrett des VW-Käfer erfunden

Viele deutsche Marktführer, zumal Familienunternehmen, haben ihren Sitz in tiefer Provinz. Und ebenfalls viele dieser Firmen sind nach außen zurückhaltend in Sachen eigener Erfolg. Die Rehau AG ist da keine Ausnahme. EinUnternehmenmit zuletzt 3,4 Milliarden Euro Umsatz (ein Plus von 100 Millionen Euro), etwa die Hälfte davon erwirtschaftet mit Produkten für die Automobilindustrie. Die berühmte Halteschlaufe im Innern und das Trittbrett des VW-Käfer waren Rehau-Erfindungen; heute beschäftigen sich die automobilen Entwickler dort mit der Frage, welchen Druck Wasserstofftanks aushalten müssen oder wie Sensorik und kleine Lämpchen in Kunststoff-Stoßfänger integriert werden können.

„Wir denken eigentlichimmer von polymeren Kunststoffen aus“, sagt Wolfgang Narr, seit mehr als 30 Jahre im Unternehmen. Polymere Kunststoffe gelten als hochelastisch und vielseitig verwendbar. Am Ende kommen bei der Nachdenkerei Anlaufspuren für Skisprungschanzen heraus oder Rasenheizungen für die kleinen und großen Fußball-Arenen dieser Welt. Rehau entwickelt und verkauft aber auch Sanitärinstallationen, Terrassensysteme, Möbelkanten, Leitungen für energieeffizientes Bauen und Sanieren, Trinkwasseranlagen oder Teile für Kanalnetze. Und natürlich nach wie vor Gartenschläuche.

Sie taugen vorzüglich als Beispiel für das, was sie sich mit Unlimited X vorgenommen haben. Nämlich die klassischeindustrielle Denkkultur mit jener der Startups und den Möglichkeiten der Digitalisierung zu verbinden. „Wir denken ganz stark vom Kunden her und wie er ein Produkt in Zukunft verwenden will“, sagt Unlimited-X-Chef Thomas. Heraus kam im Schlauch-Fall ein per App anWettervorhersagen gekoppeltes Bewässerungssystem, das von sich aus feststellt,wann derjeweilige Boden wie viel Wasser braucht und über Funk gesteuert werden kann. Klassische Rehau-Entwickler arbeiteten dafür mit einer jungen Firma zusammen und während des Prozesses kam Unlimited X ins Spiel, wo sie nun unter anderem nach Anwendungsgebieten über den Heimgarten hinaus suchen. Etwa in der Agrarwirtschaft oder, regional gedacht, in Ländern, in denen sparsamer Umgang mit der Ressource Wasser noch existenzieller ist als in Deutschland. Und zu guter Letzt fragen sie sich in dem Münchner Innovation-Lab, ob man aus den mit dem Schlauchsystem gesammelten Daten ein neues Geschäftsmodell kreieren könnte.

 

Was macht man mit den Daten vom App-kontrollierten Bewässerungssystem?

Dahinter steckt die Erkenntnis, „dass es in Zukunft nicht mehr so sein wird, dass wir Produkte entwickeln in der Hoffnung, die Welt wird sie schon brauchen“, sagt Rehau-Vorstandsvize Girschik. „Wir müssen uns mehr überlegen, was in Zukunft relevant und was dementsprechend die Megathemen und -trends sein werden.“ In asiatischen Großstädten etwaist es die Luftreinhaltung. Deshalb denken sie bei Unlimited X gerade über spezielle Fenster nach, die auch Daten zur jeweils aktuellen Luftverschmutzung liefern können. Sie, das ist eine gemischte Truppe aus etwa einem Dutzend hauptsächlich junger Akademiker und Praktiker aus unterschiedlichsten Disziplinen, mit unterschiedlichen Biografien und Charakteren. Würde man etwa nur Ingenieure beschäftigen, „würden die ja wieder alle vom Ansatz gleich denken“, sagt Thomas und hälteinleidenschaftliches Plädoyer für Querdenker und -einsteiger. Derartig gemischt, arbeiten sie im siebten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes in einem großen Raum mit vielen Fenstern, Computern und Charts.Wenn man so will, arbeiten sie in ihrer eigenen Welt, aber dennoch vernetzt mit den Kollegen 300 Kilometer nördlich in Rehau. Dort, sagt Thomas, sitze schließlich Kompetenz und Erfahrung, die nicht zu nutzen fahrlässig und dumm wäre.

Zur Eröffnung des Innovation-Labs kürzlich kam auch die Rehau-Eigentümerfamilie vorbei. DieWagnersleben seit Jahrzehnten zurückgezogenin der Schweiz; Firmengründer Helmut ist inzwischen 92 Jahre alt und besucht seinerseits gelegentlich die Firma und das Städtchen, in dem alles begann. Hauptsächlich wachen jedoch seine Söhne Jobst und Veit Wagner als Vorsitzender und Vize-Vorsitzender des Aufsichtsrates über die Geschäfte, die dem Vernehmen nach gut bis prächtig laufen. Zahlen dazu werden nicht genannt. Jobst Wagner sagte einmal, sie würden ausreichen, um die Investitionen zu bezahlen.

Die Kombination zwischen Start-up Kultur und den in fast acht Jahrzehnten überlieferten und gepflegten Denk- und Arbeitsweisen sei für alle Beteiligten eine Herausforderung, sagt Vorstandsvize Girschik. Gerne bemühen Gesprächspartner bei Rehau das Bild von den kreativen und quirligen Schnellbooten, die dem robusten, schweren Tanker in neue, ertragreiche Gewässer lotsen sollen.