29. November 2018 | Report

Bits & Wein

Die spanische Küstenstadt Málaga stand lange nur für Meer, Flamenco und süßen Alkohol. Nun arbeiten immer mehr Menschen hier an digitalen Zukunftstechnologien. Über einen Touristenort, der sich fundamental verändert hat. 

SZ-Artikel von Thomas Urban.

Der grüne Strahl ist keine Illusion, er existiert, er ist ein physikalisches Phänomen, jedoch sehr schwer zu beobachten. Aber wenn der Wunsch danach sehr groß ist, so wird man ihn finden.” Diese Worte aus dem 1882 erschienenen Roman “Der grüne Strahl” von Jules Verne stehen auf einer Wand in einem Gebäude am Rand der spanischen Mittelmeermetropole Málaga. Es heißt “Green Ray”, also wie der Roman, und ist eine der jüngsten Adressen im PTA, dem Technologiepark Andalusiens.

Lourdes Cruz, PTA-Direktorin für Investitionen, erklärt den Namen: Der “grüne Strahl”, in der Fachsprache auch “grüner Blitz” genannt, lässt sich bei absolut reiner Luft bei Sonnenuntergang beobachten. Er entsteht durch die Brechung des Sonnenlichts am Horizont, die Spektralfarben Grün und Blau scheinen als letzte auf. Da Blau aber einer starken Streuung unterliegt, nimmt das Auge nur das kurze, grüne Aufstrahlen wahr. Lourdes Cruz erläutert: “Es steht für die Geistesblitze, die hoffentlich auf den PTA niedergehen.” Grün ist ja auch die Farbe der Hoffnung.

Und die braucht es: Ohne bürokratische Hürden sollen hier Wissenschaftler der Universität Málaga und Spezialisten junger IT-Firmen neue Ideen ausbrüten und Pilotprojekte auf den Weg bringen. In Málaga, mit fast 600 000 Einwohnern die größte Stadt an der Costa del Sol, der Sonnenküste, hat allerdings noch niemand den “Grünen Strahl” gesehen, dazu ist die Luft nicht klar genug. Doch hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Luftqualität deutlich verbessert. Dies ist eine Folge der Stadtentwicklungspläne aus den 1990er-Jahren, als die Hafenstadt von der schweren Wirtschaftskrise, die im ganzen Land die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent ansteigen ließ, schwer getroffen wurde.

Dank dieser Pläne kam sie besser durch die nächste Krise, die vor einem Jahrzehnt mit dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase einsetzte und landesweit sogar zu 27 Prozent Arbeitslosigkeit führte. Und nicht nur das: Die Stadt zählt heute zu den dynamischen Aufsteigern des Landes, sie ist dabei, mit ihren Wachstumsraten bei Zukunftstechnologien die Spitzenreiter Barcelona und Bilbao zu überholen. Der Technologiepark PTA steht dafür: In ihm sind mehr als 600 Firmen aktiv, darunter viele Start-ups, mit insgesamt 18 000 Mitarbeitern. Bislang wurden dort 800 Millionen Euro in die Forschung investiert.

 

“Hier haben wir statistisch 307 Sonnentage und gesunde Seeluft.”

Doch der Weg dahin war weit. Die Entscheidung, den Park zu gründen, ist vor genau 30 Jahren im Stadtrat gefallen. Vier Jahre später wurde er feierlich eröffnet, aus Madrid kam sogar König Juan Carlos. Der Anfang war bescheiden: Ganze acht Firmen zählte der PTA bei seiner Eröffnung. Doch das Unternehmen nahm langsam Fahrt auf, denn die Abteilung für Wirtschaftsförderung der Stadt erkannte sehr schnell das Potenzial der Digitalisierung für praktisch jede Art von Unternehmen. Zu den Initiatoren dieses “neuen Denkens” gehörte ein Abteilungsleiter mit Auslandserfahrung: Francisco Manuel de la Torre, der Bürgermeister der Stadt.

Der PTA ist eines seiner Lieblingskinder. Das Stadtoberhaupt ist sein Vizepräsident und er hat deshalb auch ausländische Experten ins Rathaus geholt. Die Abteilung für das Werben um Investitionen leitet der Texaner Marc Sanderson, der exzellent Spanisch spricht. Er arbeitete vorher an der US-Botschaft in Madrid und sagt dazu: “Fast die Hälfte des Jahres ist es dort kalt und zugig, es regnet, im Sommer gibt es immer wieder Smog. Und hier haben wir statistisch 307 Sonnentage und gesunde Seeluft.”

 

Der PTA steht somit für den zweiten großen Strukturwandel der Stadt. Noch vor einem Vierteljahrhundert fußte ihre Wirtschaft auf zwei Säulen, die indes beide überaus krisenanfällig sind: Tourismus und Lebensmittelindustrie. Die Costa del Sol war zum Symbol des Massentourismus geworden, der zwar viel Umsatz brachte, aber auch viele Schattenseiten hatte: Nicht nur die Küste, sondern auch das Hinterland wurden mit Hotels und Appartements für Touristen zugebaut, der hohe Wasserverbrauch zerstörte irreparabel die ökologischen Strukturen der Region.

Überdies waren es vor allem die Nachbargemeinden mit ihren langen Sandstränden, von Torremolinos bis Marbella, die von dem Boom profitierten. Die Experten von Bürgermeister de la Torre befanden: “Der weitere Ausbau der touristischen Infrastruktur rechnet sich für unsere Bevölkerung letztlich nicht.” Denn auch an der Costa del Sol dauert die Hauptsaison nur vier Monate. Mit anderen Worten: Der Masse der Angestellten, all den Kellnern, Köchen, Zimmermädchen, droht zwei Drittel des Jahres Arbeitslosigkeit – ganz so wie den Erntehelfern in der Landwirtschaft, die mit dem Aufblühen des Massentourismus in der Region immer mehr an Bedeutung verlor. Wie so vieles.

Einst war die Stadt berühmt für den nach ihr benannten schweren roten Dessertwein, der mit Vorliebe in malerischen Flamenco-Bars genossen wurde. Wegen des hohen natürlichen Zuckergehalts verdarb er nicht beim Transport und wurde auf dem Seeweg in viele Länder exportiert, besonders bei den Engländern war er beliebt. Doch Likörweine sind längst aus der Mode gekommen.

Der Tourismus konnte also nicht die Probleme lösen, die der erste große Strukturwandel mit sich gebrachte hatte, nämlich der Abschied von der produzierenden Industrie. Málaga hatte im 19. Jahrhundert zu den Vorreitern der Industrialisierung der Küstenregionen Spaniens gehört: Es gab Chemiefabriken und Eisengießereien. Einen Großteil davon gründete die Unternehmerfamilie Larios; ihr kleines Industrie- und Handelsimperium verband eine der ersten Eisenbahnlinien des Landes mit Zentralspanien, über sie wurde auch Kohle für die Fabriken herangeschafft. Die elegante Shopping- und Restaurantmeile im Zentrum, die an der mächtigen Kathedrale vorbeiführt, ist nach dem geadelten Firmenpatriarchen benannt: Calle Marqués de Larios. Sie gehört heute zu den teuersten Straßen Spaniens. Der Larios-Clan gründete überdies Zuckerfabriken, die das in dem sonnigen Klima bestens gedeihende Zuckerrohr verarbeiteten. Auch Baumwollplantagen wurden angelegt, ebenso wie Kakteenplantagen, die der damals blühenden Textilindustrie den begehrten leuchtend roten Farbstoff lieferten: Er stammte von den auf ihnen lebenden Cochenille-Läusen. Aus Kakteenfasern wurden überdies Taue und Seile für Schiffe hergestellt, Málaga war ein wichtiger Fischereihafen. All dies sind abgeschlossene Kapitel der Vergangenheit, an die nur noch das Stadtmuseum erinnert.

 

“Wir hatten einen großen Startvorteil: Wir wussten, dass wir uns anstrengen müssen.”

Denn die international nicht konkurrenzfähige Industrie- und Agrarproduktion von Málaga erlebte mit der großen Strukturkrise, die Spanien bald nach dem Ende der Franco-Diktatur (1939 – 1975) mit der Öffnung seiner Märkte erfasste, einen unumkehrbaren Niedergang. Ganze Stadtteile verwahrlosten, viele Fabriken und Lagerhäuser am Hafen standen leer und zerfielen. Der immer stärker aufkommende Massentourismus konnte nur einen Teil der Arbeitssuchenden aufnehmen. Immerhin sorgte er für den Ausbau des Flughafens sowie der Straßen- und Eisenbahnanbindung.

Doch war den Stadtvätern – Frauen spielten damals im Stadtrat noch keine Rolle, wie PTA-Direktorin Lourdes Cruz anmerkt – durchaus klar, dass dies nur ein erster Schritt zum Aufbau zukunftsträchtiger Wirtschaftsstrukturen sein konnte. Bürgermeister de la Torre, heute 75 Jahre alt und nach wie vor von sprühender Energie, berichtet, was bei ihm persönlich den entscheidenden Geistesblitz ausgelöst hat: Das Buch “Die amerikanische Herausforderung” des linksliberalen französischen Publizisten und Politikers Jean-Jacques Servan-Schreiber von 1967, das nicht nur in Frankreich, sondern auch in allen anderen Ländern Westeuropas eine heftige Debatte ausgelöst hat. Servan-Schreiber schrieb in dem Bestseller, Europa drohe, von den USA kolonisiert zu werden, weil es die technologische Revolution verschlafe. Die USA seien dabei, wegen ihrer technologischen Überlegenheit einen längst heimlich geführten Wirtschaftskrieg zu gewinnen, hinzu komme eine expansive Massenkultur. Die westeuropäischen Staaten müssten mit einer gezielten Förderung von Zukunftstechnologien antworten, auch eigene Akzente in der Kulturpolitik setzen und dabei enger zusammenarbeiten.

De la Torre hatte Soziologie studiert, überdies ein Studium als Agraringenieur mit einer Dissertation abgeschlossen. Er bekam ein Jahresstipendium für Frankreich, an der Universität von Rennes in der Bretagne nahm er an Seminaren über Regionalentwicklung teil. Er spricht bis heute ein exzellentes Französisch. Damals, am Ende der Franco-Zeit, gehörte er zu der aufstrebenden Schicht junger Intellektueller, die begriffen hatten, dass das Land sich grundlegend modernisieren müsse. Doch eckte er auf seinem ersten Posten in der Stadtverwaltung von Málaga mit seinen Vorschlägen an und wurde entlassen. Nach dem Tod Francos konnte er zurückkommen. Im Rückblick berichtet de la Torre: “Wir hatten einen großen Startvorteil: Wir wussten, dass wir alles allein machen, uns also selbst anstrengen müssen.” Andalusien ist nämlich Stammland der Sozialisten, die mit der Förderung der Privatwirtschaft nicht viel im Sinn haben, sondern den Staatssektor weiter ausbauen wollen. Aus der Regionalhauptstadt Sevilla war also keine Unterstützung zu erwarten, zumal man dort traditionell Málaga als Rivalen sieht, wie der Texaner Sanderson beobachtet hat.

De la Torre und seinen Mitstreitern war von Anfang an klar, dass sie ausländische Investoren und Experten brauchten. Die Stadt musste dafür allerdings als Arbeitsplatz attraktiver werden: Sonne und Meer, ein römisches Theater und die gewaltige Maurenfestung Alcazaba, Málaga-Wein, Flamenco und Heiligenprozessionen in der Semana Santa, der Karwoche, wurden als nicht ausreichend angesehen, um Spezialisten dauerhaft anzulocken. Der Bürgermeister setzte somit auch auf Kulturpolitik: “Das kulturelle Angebot einer Stadt trägt zum Lebensgefühl seiner Einwohner bei”, sagt er. Was lag da näher, als den berühmtesten Sohn der Stadt für diese Kultur- und Imageoffensive einzuspannen – Pablo Picasso? 2003 wurde in einem Palast ein Museum mit mehr als 200 seiner Werke eröffnet, es wurde sogleich Magnet der Bildungstouristen. Im selben Jahr öffnete in einer ehemaligen Markthalle das Zentrum für moderne Kunst seine Pforten. 2011 folgte das Carmen Thyssen-Museum, eine Sammlung spanischer Malerei. Den internationalen Rang, den Málaga mittlerweile unter den europäischen Städten einnahm, unterstrichen 2015 das Pariser Centre Pompidou und das Russische Museum in St. Petersburg mit ihren Filialen: Die Franzosen bauten einen farbigen Glaskubus an der neugestalten Hafenmole mit ihren Restaurants und Cafés, die Russen zogen in eines der Gebäude der alten Tabakfabrik ein; in den Badeorten um Málaga haben viele neureiche Russen Villen gekauft, teilweise leben ihre Familien dort. Andere Teile der ehemaligen Tabakfabrik beherbergen das National Digital Content Center, dessen Labore sich vor allem auf Film- und Videotechnik spezialisiert haben. Hier wird an vielen Dingen gebastelt, an neuen Computerspielen ebenso wie an Hochkontrastbildern. An Dutzenden von Projekten ist auch hier die Universität beteiligt. In unmittelbarer Nachbarschaft lässt die Stadt neue Konzepte für Smart Citys entwerfen: Parkplatzmanagement über Kameras, Entzerrung von Staus, Management von Ladestationen für E-Autos.

60 internationale Firmen aus der IT-Branche haben in Málaga Niederlassungen aufgebaut. “Die Stadt erfreut sich unter ihren Mitarbeitern wachsender Beliebtheit”, zitiert Marc Sanderson Umfragen. 5 000 ausländische Spezialisten sind es schon, Tendenz wachsend. Die Hafenstadt ist mittlerweile gefragter als Barcelona, bisher die Topadresse für Lebensqualität in der Branche. Denn die katalanische Metropole erstickt am Massentourismus, sie ist zu laut und auch zu teuer geworden.

In Málaga ist nun der Softwarehersteller Oracle dabei, ebenso wie IBM, Siemens, Vodafone, der schwedische Telekommunikationskonzern Ericsson sowie seine Konkurrenten aus China und Japan, Huawei und Fujitsu, sogar die Universität Harvard mit einer Abteilung ihres Forschungszentrums für technologische Nachhaltigkeit. Die Dekra, deutschen Autofahrern wegen der technischen Überprüfungen in Konkurrenz zum TÜV wohlbekannt, unterhält hier eine 300 Personen starke Filiale, spezialisiert auf die Zertifizierung von Wi-Fi und Telekommunikationsanlagen.

 

Oracle, IBM, Vodafone, Ericsson, Huawei und Fujitsu: Sie alle hat es in die Stadt gezogen

Die IT-Branche machte im vorigen Jahr einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro, bereits ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt. Eine regelmäßig stattfindende Tagung internationaler Experten und Spitzenmanager bekam den vielsagenden Namen “Málaga Valley”. Den raschen Anschluss an die weite Welt garantiert den begehrten Fachkräften der Flughafen mit Direktflügen zu 130 Zielen. Dreizehn Auslandsschulen, darunter die Deutsche Schule Málaga, sind ein weiteres Argument für Experten, mit ihren Familien an die Costa del Sol zu kommen. Die Stadt ist darauf eingestellt: Die Grundstücke zur Erweiterung des PTA sind nicht nur gekauft, sondern bereits erschlossen: Strom- und Wasserleitungen sind verlegt, die Straßen asphaltiert.

“Es sollen hier noch mehr Menschen den grünen Strahl suchen”, sagt Lourdes Cruz, die Investitionsdirektorin des Technologieparks. “Wir schaffen weiter die idealen Voraussetzungen für grüne Geistesblitze.” Bei Jules Verne ging die Geschichte übrigens ganz anders aus. Der technikbegeisterte Utopist belustigt sich in seinem Roman über obsessive Wissenschaftler und Forscher. Heldin ist stattdessen eine romantische junge Frau, die an die Legende glaubt, dass man sich in der Liebe nicht irren könne, wenn man einmal das grüne Aufleuchten in der letzten Sekunde des Sonnenuntergangs erblickt habe. Sie tritt eine Seereise an, um die dafür nötige absolut reine Luft zu haben. Doch im entscheidenden Moment – Ironie des Autors – verpasst sie den grünen Strahl, weil sie sich von einem jungen Mann ablenken lässt. Immerhin gibt es mit ihm ein Happy End.