5. November 2019 | Meinung

Ehrlich machen und los!

Brauchen wir mehr Klima-Mutmacher? Ja, sagt Frank Bilstein und hat direkt mal in der Bevölkerung nachgefragt, wie das überhaupt geht mit dem Klimaschutz.

Kommentar von Frank Bilstein

Welche persönliche Handlung hat den größten Einfluss auf die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks eines durchschnittlichen Amerikaners oder Deutschen? Es stellt sich heraus, dass diese Frage für die meisten von uns überraschend schwer zu beantworten ist. Und was sind die nächsten fünf oder zehn Dinge, die wir tun sollten, um CO2 zu reduzieren? Es gibt erstaunlich wenig Anleitungen, obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem das Thema Klimaschutz nicht in Nachrichtensendungen eine Top Meldung ist oder unsere Timelines mit neuen Beiträgen aufwarten.

Ich muss zugeben, dass Greta mich erwischt hat. Vielleicht, weil ich auch eine Tochter habe, von der manche meinen, dass sie ähnlich ist (erinnern Sie sich an Gretas Wutrede bei den Vereinten Nationen? “Wie können Sie es wagen” – das bekommen wir regelmäßig zu hören, wenn wir unsere Tochter bitten, den Tisch zu decken). Doch was macht ein Unternehmensberater, wenn er persönlich gegen CO2 vorgehen möchte? Gar nicht so einfach, denn die meisten der verfügbaren Listen und Ratgeber entstammen in der Regel einer der folgenden Kategorien: 

1.    Die Liste “Alles unter der Sonne” enthält zu viele Elemente und weist keine Prioritäten zu, obwohl sich die Auswirkungen möglicherweise um eine Größenordnung unterscheiden.

2.    Die Liste “Energiesparen” enthält nützliche persönliche Aktionen, konzentriert sich jedoch nur auf einen Aspekt des Lebens, in der Regel Heizung und/oder Strom. Mit dem Taschenrechner kann man seinem ganz persönlichen Profil auf den Grund gehen und im Detail simulieren, wie sich einzelne Aktionen auswirken würden. Oder anders gesagt: Ein klassischer Fall von deutschem „Over-Engineering“.

3.    Die Liste “Töte dich selbst und deine Familie” erscheint auf den ersten Blick sehr realitätstauglich, listet aber als wichtigsten Hebel auf: “Habe ein Kind weniger”. Ernsthaft?!

Doch es ist beim Klimaschutz wie bei der Digitalisierung: Wer glaubt, dass es ihm zu kompliziert ist und die Taktik „Abwarten“ wählt, der macht einen Fehler. Der Unterschied zur Herausforderung Digitalisierung für Unternehmen ist jedoch, dass nicht nur er und sein Unternehmen scheitert, sondern wir alle sein Nichtstun auszubaden haben. 

Denn natürlich gibt es auch sinnvolle Ratgeber und CO2 Rechner wie jene des Umweltbundesamtes, von CO2online oder dem Statistischen Bundesamt. Noch klarer wird das Bild, wenn man sie miteinander kombiniert.

Persönliche Hebel zur CO2 Reduktion eine Infografik

Jede und jeder kann also eine Menge beitragen und sozusagen zur Klima-Mutmacherin/zum Klima-Mutmacher werden, und es ist oft viel einfacher, als man denkt. Kraftstoffsparendes Fahren ist so ein Beispiel, denn mit der richtigen Dosierung von Gas und Bremse wird auch jeder Verbrenner ein Stück sauberer. Schwieriger wird es da schon bei der klimarelevanten Frage, ob und wie man die Zahl seiner Flüge reduzieren kann. Ein Thema, dass jemand wie mich als Unternehmensberater sehr umtreibt und ein schlechtes Gewissen beschert.

Kompliziert und kostenintensiver wird es aber erst in den eigenen vier Wänden, und gerade hier lässt sich einiges CO2 einsparen. Entscheidende Hebel sind eine moderne Heizung und eine effektive Wärmedämmung. Für Mieter bleibt zumindest noch die dritte Option: der Wechsel zu einem Ökostromanbieter.

Als ein vegetarischer Haushalt mit erstklassiger Heizung und Isolierung, mit einem Elektroauto, Ökostrom und ohne täglichen Autopendelverkehr kann ich viele Maßnahmen auf dieser Liste abhaken, auch wenn meine Vielfliegerei (trotz Kompensation) eine schwere Hypothek bildet. Immerhin schaffe ich – Stand heute- ungefähr 75 Prozent meines persönlichen Beitrages, damit Deutschland das von der Bundesregierung anvisierte Reduktionsziel für das Jahr 2030 schafft. Dafür muss ich meine Kleidung aber in kaltem Wasser waschen und ich erinnere mich daran, dass dies in vielen hoch entwickelten Ländern gang und gäbe ist. Nur wir Deutsche glauben offenbar, dass es ohne 60° Wäsche nicht geht.

Bin ich nun also ein Klima-Mutmacher?

Das mögen andere beurteilen. Aber selbst wenn: Unser aller Problem ist ein viel grundlegenderes, wie eine von uns durchgeführte, repräsentative Online Befragung im September ergab.

Dafür baten wir 1.500 US-Amerikaner und 1.500 Deutsche, aus einer Liste von sieben persönlichen Aktionen die auszuwählen, die den größten Einfluss auf die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks einer durchschnittlichen Person hat. Doch wer glaubt, dass im Land, das sich gerne als Vorreiter in allem was mit Klima- und Umweltschutz bezeichnet, die Menschen wissen, was einen Beitrag zum Klimaschutz beiträgt, der irrt. Aus einer Liste von Möglichkeiten landete nämlich „Keine Plastiktüten mehr“ auf Platz 1. Die im Vergleich rund 250-fach wirkungsvollere Maßnahme „Moderne Heizung und Wärmedämmung“ landete nur Platz 3.

Durften die Befragten aus Vorschlägen wählen, war für immerhin 16 Prozent „Moderne Heizung und Wärmedämmung“ ein Hebel. Sollten sie mögliche Maßnahmen frei benennen, kamen gerade einmal 4 Prozent der Interviewten auf diese Klimaschutzmaßnahme.  

Nicht viel anders ist es übrigens in den USA, denn hier landete „no more plastic bags“ auf Platz 2!

Es gibt also noch viel zu tun, auch wenn die Reduktion von Plastiktüten einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz beiträgt. Dem Klima hilft dies aber nur wenig und man wünschte sich, dass wir weniger Zeit damit vergeuden, immer wieder zu diskutieren, ob es den Klimawandel nun gibt, oder nicht.

Offene Befragung zur Co2 Reduktion

Es ist also noch ein weiter Weg und Klima-Mutmacherinnen und Klima-Mutmacher sind gefragter denn. Sich nur auf die Generation Greta zu verlassen, wird nicht reichen, und das „Wir könnt ihr es wagen“ am heimischen Frühstückstisch wird das geringste Problem sein.