26. April 2017 | Ernst Prost

Immer in Bewegung

Liqui-Moly-Chef Ernst Prost zahlt seinen Mitarbeitern 11.000 Euro Bonus, sucht eine Produktionsstätte in den USA und will mit 60 Jahren noch lange nicht aufhören

SZ-Artikel von Stefan Mayr

Ulm – Ernst Prost senkt seinen Kopf und blinzelt über die Lesebrille hinweg. „Ich bin altersmilde geworden“, sagt der Inhaber des Ulmer Motorenöl-Herstellers Liqui Moly. „Ich hau’ nimmer so drauf auf die Wettbewerber, die nicht so gut sind wie wir.“ Den kleinen Seitenhieb setzt er also noch, das ist nicht zu überhören. Die volle Gerade lässt er aber stecken. Bis 2012 hatte Prost keine Talkshow und kein Interview ausgelassen. Stets forderte er mit deftigen Worten Steuererhöhungen für Reiche und Entlastungen für die Arbeiter. Irgendwann ließ er sich sogar Autogrammkarten drucken. Dann tauchte er plötzlich für fünf Jahre ab. Jetzt spricht er wieder.

Über die 11.000 Euro Jahresprämie zum Beispiel, die er seinen Mitarbeitern bezahlt hat. Über seinen Plan, erstmals außerhalb Deutschlands produzieren zu lassen. Über die Aussichten seines Unternehmens, das irgendwann ohne seinen Bestseller „10W40“ leben muss, wenn die Verbrennermotoren von Elektro-Antrieben abgelöst werden. Und über seine Zukunft als Firmenchef, denn kürzlich hat er – in aller Stille – seinen 60. Geburtstag gefeiert.

Er machte aus dem Betrieb eine Weltmarke – auch durch Formel-1-Sponsoring

Ernst Prosts schwarzes Brillengestell ist reichlich abgegriffen. Um nicht zu sagen: verschlissen. Da ist der Chef uneitel oder auch sparsam. Andererseits weiß er auch Geld auszugeben. Vor der Tür steht sein knallroter Mercedes SLS. Er wohnt im Schloss Leipheim im gleichnamigen bayerischen Ort, und in der Garage steht eine weiße Harley Davidson Road King Classic. Auf dem schwarzen Ledersattel prangen eine US-Flagge, seine Initialen EP und das Liqui-Moly-Logo. Ein Geschenk des Personals zum 55. Geburtstag.

Dieses Jahr hat Prost seinen Mitarbeitern, die er stets „Mitunternehmer“ nennt, ebenfalls reich beschenkt: Er zahlte jeder Vollzeitkraft für 2016 einen Jahresbonus von 11.000 Euro. Damit schüttete er etwa ein Viertel des Jahresgewinns ans Personal aus. „Ich wollte halt Daimler verdoppeln“, sagt er augenzwinkernd. Die ungleich größere Daimler AG hatte kurz zuvor stolz verkündet, ihren Tarif-Mitarbeitern in Deutschland 5400 Euro Bonus zu bezahlen. Prost betont, seine Prämie sei anders als bei Daimler an alle gegangen – vom Manager bis zur Lagerkraft, egal, ob in Deutschland lebend oder in Südafrika.

Prost beglückt sein Personal nicht nur, um mächtige Konzerne zu übertrumpfen. „Das Geld kommt ja wieder zurück“, sagt er, „meine Mitunternehmer schaffen und denken von alleine im Sinne der Firma. Ich sag’ ihnen: Tut einfach so, als wäre es Euer eigenes Unternehmen.“ Jetzt ist Prost in seinem Element, er kommt ins Dozieren und zitiert Robert Bosch: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.“ Wenn Prost durch die Werkhalle in Ulm geht, wird er an jeder Maschine freundlich bis herzlich begrüßt. Die Zuneigung wirkt echt. Prost umarmt die Leute und klopft ihnen auf die Schulter, ein flottes Sprüchlein, alles sehr locker hier.

Falls ein Mitarbeiter gegen die Regeln verstößt, kann Prost aber sehr ungemütlich werden. Einen Manager, der Geld in die eigene Tasche abgezweigt hatte, prangerte er nach der Kündigung in einer Rundmail an alle als „jämmerlichen Spesenbetrüger“ an, der „gelogen und betrogen“ habe. Dafür musste Prost viel Kritik einstecken, weil er zuvor stets den Vorzeige-Unternehmer gegeben und einen menschlichen Umgang mit Mitarbeitern gepredigt hatte. In seinen Werbespots erzählte Prost, dass er „ausschließlich in Deutschland“ produziere. Dann bat er die Zuschauer „ganz herzlich“, sie mögen Produkte von Liqui Moly kaufen. Das klang glaubwürdig und kam an. Doch als die Rundmail über den gekündigten Ex-Mitarbeiter öffentlich wurde, bekam Probst heftige Prügel. Er zog die Konsequenz und tauchte ab. Heute sagt er: „Ich habe lieber Ruhe und Frieden als vergänglichen Ruhm und Ehre.“ Selbstkritisch gesteht er ein: „Meine Wortwahl ist immer diskutierbar.“

Sein Erfolg entschuldigt vieles. Die Liqui Moly GmbH mit ihren 800 Mitarbeitern konkurriert mit Weltkonzernen wie BP (Castrol), Exxon (Mobil) und Shell. Dennoch bauen die Schwaben ihren Marktanteil aus. Wie das geht? „Wir sind besser“, sagt Prost. Während andere „Dienst nach Vorschrift“ machten, kämpften er und sein Team „täglich ums Überleben“. 2016 machte er 489 Millionen Euro Umsatz und 40?Millionen Gewinn. Firmenrekord.

In den USA soll demnächst eine neue Produktionsstätte dazukommen. „Ich will ein existierendes Fabrikle kaufen“, kündigt der Schwabe an. Eine Produktion außerhalb Deutschlands, passt das zu seinen früheren Werbebotschaften? „Ich baue hier ja nix ab“, betont er. Der Selfmade-Millionär war bislang stets auf Expansionskurs. Der Sohn einer Flüchtlingsfamilie machte zunächst eine Kfz-Mechaniker-Lehre. 1990, mit 33, fing er als Vertriebs- und Marketingleiter bei Liqui Moly an. Die Firma machte damals 30 Millionen D-Mark Umsatz. 1998 übernahm Prost den Betrieb und machte ihn zu einer weltweit bekannten Marke – auch durch Sponsoring in der Formel?1 und der Fußball-Bundesliga. 2006 kaufte er den Ölhersteller Méguin in Saarlouis. Heute ist sein Unternehmen in 127 Ländern präsent. Auch in Kirgisistan, im Irak, in Sri Lanka und im Sudan.

Die Nachfolge, sagt er, sei geregelt. Aber denkt er wirklich ans Aufhören?

Den bevorstehenden Wechsel von Verbrenner-Motoren auf Elektro-Antriebe bezeichnet er als „Damoklesschwert“ für seine Firma. Er prophezeit: „Méguin, unsere reine Ölfabrik, ist irgendwann obsolet.“ Allerdings werde er dies nicht mehr erleben. Denn, so Prost: „Irgendwas ist immer in Bewegung.“ Auch Türscharniere und Kompressoren werden mit Öl geschmiert. Dennoch hat Prost sein Angebot erweitert. „Wir setzen jetzt auch auf Reinigen, Pflegen, Konservieren.“ Auf Windschutzscheiben werde immer etwas fallen. „Das könnten mal unsere Lebensretter sein.“

Im Februar wurde Prost 60 Jahre alt. Zeit, die Nachfolge zu regeln? Natürlich, denn über den Tod entscheide schließlich ein anderer. Schafkopfspieler Prost sagt es so: „Die Schellen-Sau hat der Herrgott in der Hand.“ Seine Assistentin, die ihm im Büro gegenübersitzt, zieht das Testament aus der Schublade und hält es hoch. Handschriftlich auf hellgelbem Papier, die letzte Aktualisierung ist auf den Februar 2017 datiert. Details verrät Prost nicht.

Wer ihn aber erlebt, dem ist schnell klar: Trotz aller öffentlicher Zurückhaltung ist er motiviert wie eh und je. „Ich fühle mich nur wie 60, wenn ich am Spiegel vorbeilaufe“, sagt er. Freiwillig gibt dieser Mann hier keinen Hebel aus der Hand.