7. November 2018 | Audiotechnik

Projekt Y

Wie der Niederländer Edgar van Velzen den Akustik-Spezialisten Beyerdynamic in die Moderne führen und dabei die Profi-Sparte nicht aus dem Blick verlieren will – und warum ihn das zu einem Prinzen macht. 

SZ-Artikel von Helmut Martin-Jung

An Selbstbewusstsein fehlt es Edgar van Velzen nicht. Auf die Frage, wie man eine Traditionsfirma aus dem Dornröschenschlaf holt, antwortet der Niederländer ohne zu zögern: “Ich bin der Prinz, der sie wachküsst.” Van Velzen, 52, ein drahtiger Typ, ist seit Mitte 2017 Chef von Beyerdynamic. Musikern braucht man an dieser Stelle nichts zu erklären. Die Mikrofone, die Studiokopfhörer des Mittelständlers aus Heilbronn sind legendär. “Die Wertschätzung ist hoch”, analysiert van Velzen, “die Marke ist genial, aber es kennen uns zu wenige.”

Das will der neue Prinz ändern. “Wir müssen ein bisschen moderner werden”, gibt er die Richtung vor, “nicht für Kiddies, aber wer den ersten Job hinter sich und vielleicht schon einen günstigen Kopfhörer hat – das ist unsere Zielgruppe.” Eines will der Neue aber auf keinen Fall: Im Profibereich soll sich nicht viel ändern, vor allem die hohe Qualität soll unbedingt erhalten bleiben, “aber die Werte müssen in die neue Zeit geführt werden.”

Augenfällig wird das vor allem bei den Produkten für Endverbraucher. Die Form müsse zwar der Funktion folgen, sagt van Velzen, “aber es darf auch ruhig schön aussehen.” Er weiß: Das Design zählt, die Konkurrenz ist da voraus. Auf der Ifa, der wichtigen Messe für Unterhaltungselektronik, rief van Velzen den Neustart aus, zeigte das neue Logo und die ersten Produkte, die tatsächlich erheblich moderner aussehen. Soziale Medien will das Unternehmen besser bespielen, um die Webseite kümmern sich nun 15 statt wie bisher zwei Mitarbeiter.

Eigentlich hätte sich ein “B” als Logo angeboten, doch das ist von der Konkurrenz besetzt – von Beats, dem Audiotechnik-Hersteller, der von Apple gekauft wurde. Also entschied man sich für das “Y” aus dem Namen. Das prangt nun groß auf allen Produkten, denn: “Die sind unsere größte Werbefläche”, sagt van Velzen. Auch in technischer Hinsicht gibt es Neues. Früher hatten die Heilbronner kaum Kopfhörer mit Bluetooth-Funk im Programm, nun sind es schon sechs. Und auch einem anderen Trend öffnet sich die Firma: Active noise cancelling (ANC), aktive Geräuschunterdrückung also.

Lange haben die Heilbronner damit gefremdelt, wird doch der Klang beeinflusst, wenn Algorithmen Gegenschall zu Geräuschen der Umgebung produzieren und somit für Stille sorgen. Mittlerweile sei man “in der dritten Schleife mit den Chipherstellern, um die Akustik zu verbessern”, sagt van Velzen. Noch in diesem Herbst soll ein neuer Beyerdynamic-Kopfhörer mit ANC herauskommen.

Gefertigt wird bei Beyerdynamic nach wie vor viel selbst, das geht bis hin zu den Spulen für die Schallwandler, die in speziellen Maschinen hochpräzise gewickelt werden. Nicht nur die Qualität sieht van Velzen als Vorteil der hohen Fertigungstiefe. Auch die Entwicklung geht wesentlich schneller, “die Muster lassen sich viel schneller fertigen, ein halber Tag, dann liegt das Ding auf dem Tisch.” Und: Kunden könnten sich individuelle Kopfhörer anfertigen lassen, “wir können auch Losgröße 1”, sagt van Velzen.

Das Geld verdient das 90 Jahre alte Unternehmen derzeit noch mit den Produkten für Profis, mit Kopfhörern wie dem berühmten DT-770, der seines neutralen Klangs wegen von Studioleuten aus aller Welt geschätzt wird. In ein paar Jahren, glaubt der neue CEO, werde sich das aber ändern. “Wir brauchen noch etwas Zeit”, sagt er, und betont dann ein weiteres Mal, wie wichtig ihm die Profisparte ist. “Die dürfen wir nicht verlieren!”

Das Unternehmen hat er dennoch ziemlich radikal umgebaut, wobei es dann schon mal knirschte im Gebälk. “Jede Veränderung ist erst einmal schwierig”, sagt er, “aber jetzt ist es gut. Man nimmt ja die Leute aus der Komfortzone.” Um die Mitarbeiter nicht zu überfahren, sei daher viel kommuniziert worden, die neuen Produkte bekamen sie schon vor Monaten zu sehen. “Man muss immer viel kommunizieren, sonst klappt es nicht mit der Veränderung”, sagt van Velzen.

Immerhin musste er niemanden entlassen, das Unternehmen wuchs sogar um 50 auf 400 Mitarbeiter. Es gab allerdings einige Versetzungen. Und ruhig und gemütlich dürfte es auch die nächste Zeit nicht werden. “Jetzt müssen die Dinge fortgetrieben werden.”