7. Juni 2018 | Gründer

Lernen, wie der Wandel geht

Start-ups mit Bezug zur Energiewende haben gute Chancen. Alternativ kann auch die Unternehmensführung sein.

SZ-Artikel von Susanne Höll, Birkenfeld

Ohne den Campus wäre das Leben von Kai Sommer ganz anders verlaufen, beruflich und privat sowieso. Der inzwischen 38-Jährige studierte nach einer kaufmännischen Ausbildung in Birkenfeld, lernte dort seine Frau kennen und gründete ein Start-up. Inzwischen hat das Unternehmen seinen Sitz im 50 Kilometer entfernten Bad Sobernheim. Die Digitalagentur NRML floriert, das Paar beschäftigt inzwischen sieben Mitarbeiter. Die Auftragslage ist gut, die Kunden kommen aus ganz Deutschland und aus der Schweiz.

Sommer und seine spätere Frau Kristina lernten sich bei einem abendlichen Rollenspiel der Studenten auf dem Campus kennen und schätzen. Gemeinsam besuchten sie später einmal einen Mittelaltermarkt und fragten sich, warum es keine digitale Plattform zur Organisation solcher Spektakel gibt. Eine Marktlücke, klar. Die beiden wollten sie füllen, suchten einen Programmierer – und taten sich mit Dominik Trumm zusammen. Das Markt-Projekt liegt noch immer in der Schublade, man hat inzwischen drängendere Aufgaben. NRML-Schwerpunkt sei cloudbasierte Software-Entwicklung, sagt Sommer.

 

Wenn Freiheit mehr zählt als Reichtum und fast alle Angestellten dasselbe verdienen

Für ein Leasing-Unternehmen entwickelten sie ein System, mit dem man Wagenflotten digital im Auge behalten und Routen optimieren kann. Die Gründer leben von der Firma, Geld im Überschwang aber gibt es nicht. Inhaber und Angestellte erhalten den gleichen Stundenlohn. Allein die Reinigungskraft bekommt zwei Euro mehr. Die Eigentümer schätzen Freiheit höher als Reichtum. Sommer kann den Campus allen empfehlen, die unterschiedliche Dinge ausprobieren wollen. Wer nach dem Examen ganz schnell ganz groß Karriere machen wolle, sei dort nicht am richtigen Platz, sagt er.

Auch Christian Koch ist nicht im Big Business, zumindest noch nicht. Dafür ist ein kleiner und offenkundig feiner Birkenfelder Unternehmer. Zusammen mit seinem früheren Kommilitonen Henning Lorang besitzt und führt er die Firma KLE, ein Energie-Startup, spezialisiert auf Solartechnik. Der 31 Jahre alte Saarländer schwärmt von seiner Alma Mater. “Wir haben auf all die Werkzeuge an die Hand bekommen, die man für ein solches Unternehmen braucht. Die Hochschule bietet viel interdisziplinäre Zusammenarbeit an, wir konnten lernen, was man in der Praxis technisch, juristisch und geschäftlich für unsere Photovoltaik-Anlagen brauchen.” Professor Heck war einer seiner Professoren, sie sind weiterhin in Kontakt. Der Campus hat inzwischen ganz eigene Netzwerke entwickelt.

KLE startete man 2012 zu dritt. Inzwischen gibt es am Standort Neubrücke und dem 30 Kilometer entfernten Hermeskeil weitere acht Festangestellte und immer wieder Werkstudenten. Also noch ein wenig mehr Jobs in der Region. “Die Firma läuft jedes Jahr besser”, sagt Gründer Koch. Die Solaranlagen auf dem neuen Carport in Neubrücke installieren die Leute von KLE, E-Auto-Tankstelle inklusive. Welchen jungen Leuten würde er ein Studium in Birkenfeld ans Herz legen? “Ganz spontan würde ich sagen, dass der Campus nichts für Leute ist, die sich nicht für die Energiewende interessieren”, antwortet der Jungunternehmer. Und fügt im selben Atemzug hinzu: “Aber gerade die sollten hier studieren. Schließlich kann man hier sehr gut lernen, wie dieser Wandel funktioniert.”