3. August 2018 | Gründer

Bei aller Freundschaft

Zu viele Emotionen, zu wenig Kritik: Experten raten ab, mit Studienkollegen und engen Vertrauten zu gründen. Manchmal kann diese Verbundenheit auch Vorteile bringen – wenn Berufliches und Privates getrennt wird.

SZ-Artikel von Christoph Gurk

An eine Wand im Konferenzraum von Innosabi hat jemand “#StartUpLife” geschrieben. Klingt nach Klischee – und tatsächlich ist das Büro der Firma im Münchner Stadtteil Lehel genau das, was man sich unter schöner neuer Arbeitswelt vorstellt. Fast eine ganze Altbau-Etage füllt es, in jedem Zimmer junge Menschen, an den Wänden hängt Kunst, und es gibt Espressi aus einer chromglänzenden Siebträger-Maschine anstatt Automaten-Kaffee aus dem Plastikbecher. Wer will, kann sich Bälle oder anderes Sportgerät ausleihen, gleich um die Ecke ist der Englische Garten, und auch nach Feierabend sitzen Mitarbeiter im Büro und trinken gemeinsam Bier, erzählt Catharina van Delden.

Zusammen mit drei Freunden hat sie 2010 das Unternehmen für digitales Innovationsmanagement gegründet, mittlerweile arbeiten knapp 140 Angestellte in der Firma. Die Stimmung und das Grundgefühl seien aber gleich geblieben, sagen die Gründer: Man arbeite nicht nur zusammen, man sei auch befreundet. “Wenn es die Firma nicht mehr geben würde”, sagt Jan Fischer, einer von Deldens Gründerkollegen, “wären die meisten unserer Mitarbeiter trotzdem weiter befreundet”.

Nicht nur Kollegen also, sondern Freunde, so wie es Delden, Fischer und die beiden anderen Gründer eben auch schon vor Innosabi waren: Sie gingen Schlittenfahren oder auf Partys, und als sie dann Innosabi gründeten, kamen zur guten Freundschaft eben auch noch gute Geschäfte. Ein Glücksgriff, allerdings auch eine glückliche Ausnahme, glaubt man den meisten Experten.

Oliver Bücken berät an der UnternehmerTUM, dem Gründerzentrum der Technischen Universität München, junge Gründer – und warnt immer wieder davor, ein Unternehmen mit Freunden zu starten. “Freundschaften sind häufig emotional aufgeladen. Beim Gründen hat man aber ohnehin schon viele harte Themen, da kann man sich weitere Emotionen gerne sparen.” Und dass es zu emotionalen Momenten kommt, wenn man gemeinsam gründet, ist fast unumgänglich. “Die meisten Gründungen scheitern in den ersten drei Jahren”, sagt Bücken. “Und dann gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch die Freundschaft leidet oder sogar zerbricht.”

 

Wenn ein externer Investor auftaucht, kann das zum Problem werden

So sehen das auch Marco Knobloch und Sebastian Leicht. “Wenn man sich entscheidet, eine Firma zu gründen, dann muss die Chemie stimmen”, sagt Knobloch. “Nach einer harten Diskussion muss man auch sagen können: Ok, lass uns jetzt ein Bier trinken gehen.” Genau mit diesem Bier hat bei Knobloch und Leicht alles angefangen: Knobloch ist Ingenieur, Leicht arbeitet bei einer Bank, ihre Freundinnen waren befreundet, so lernten sie sich kennen. “Wir lagen auf der gleichen Wellenlänge, interessierten uns für Autos, Technik und Musik, aber auch für Wirtschaft”, sagt Knobloch. 2014 fuhren sie gemeinsam auf ein Musikfestival, es war ein besonders heißes Wochenende, die Sonne brannte und auf dem Campinggelände des Festivals versagte ihre Kühlbox. So entstand aus warmem Bier die Idee zu “Easy2Cool”: Kühlboxen, effizient und nachhaltig, mit einer Kühlmatte aus Altpapier, welche die Gründer in der Garage von Leichts Großvater entwickelten.

Drei Jahre ist das her, heute haben die beiden nicht nur Festival-Fans als Kunden, sondern vor allem Firmen aus dem Lebensmittel-Versandhandel. Sie haben zehn Angestellte und sind in eine 1500 Quadratmeter große Produktionshalle gezogen. “Unsere Freundschaft hat definitiv beim Geschäft geholfen”, sagt Knobloch. “Ich wusste, ich kann Sebastian blind vertrauen.” Das galt sogar dann, als jene Frage ins Spiel kam, bei der sprichwörtlich die Freundschaft aufhört: Geld. “Man kann sich das vorstellen wie in einer Beziehung”, sagt Knobloch. “Wenn man da sein Geld auf ein gemeinsames Konto legt, stellt man sich auch die Frage: Wer gibt was wofür aus?” Knobloch und Leicht stritten immer wieder über Finanzielles, vertrugen sich aber auch wieder, weil sie sich vertrauten. Gleichzeitig erkannten sie: Vertrauen ist gut, Offenheit noch besser. “Gleich am Beginn der Firmengründung haben wir darüber gesprochen, wer von uns was kann – und vor allem auch nicht kann. Das war sehr wichtig.”

Doch selbst, wenn befreundete Gründer alles richtig machen und erfolgreich ihr Unternehmen aufbauen, gibt es einen Knackpunkt: “Sobald ein externer Investor ins Spiel kommt, wird er in der Regel wichtige Spielregeln bestimmen”, sagt Oliver Bücken. “Spätestens da bringt die Freundschaft keinen Vorteil mehr.” Und im schlimmsten Fall sogar Nachteile, weil womöglich ein Gründer gehen muss.

Die Innosabi-Gründer denken im Moment nicht an einen externen Investor, haben aber eine andere Gefahr erkannt: das Geschäft. “Wir haben heute mehr Dinge, über die wir uns unterhalten können”, sagt Jan Fischer. “Nur die Zeit dafür fehlt uns manchmal ein bisschen.” Denn heute sehen sich die vier Freunde zwar fast jeden Tag im Büro, bei Meetings oder Dienstreisen, nur eben kaum noch abseits der Arbeit. Immerhin: Sie wollen nun alle paar Monate gemeinsam essen gehen, als Freunde, nicht als Geschäftspartner.