28. März 2019 | Generationswechsel

Die Töchter treten an

In vielen Familienbetrieben rücken nun zunehmend Frauen an die Spitze – auch weil sie gut vorbereitet sind und Führung modern wird.

SZ-Artikel von Katharina Kutsche

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Wie viele Frauen in Unternehmen an der Spitze stehen, ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Gerade in Familienunternehmen sind die Chefinnen Vorbilder für die nächsten Generationen. Doch wie gut die zukünftigen Geschäftsführerinnen dabei vorankommen, hängt vom Geschlechterverständnis im Unternehmen ab. Denn auch in den familieneigenen Betrieben kann es eine “gläserne Decke” geben, die Frauen den Weg nach ganz oben versperrt, gezogen von den eigenen Verwandten. Zwar beobachten Experten, dass Sexismus und auch Rassismus in gesprochener und gedruckter Form in der Gesellschaft abnehmen. Dafür gibt es moderne Formen der Diskriminierung, beispielsweise den benevolenten, also wohlwollenden Sexismus. Wenn etwa der Patriarch im Unternehmen stolz verkündet, seine Tochter mache ihren Job wirklich ganz toll, aber sie solle doch erst mal Kinder bekommen und dann könne man über die Nachfolge reden, ist auch das eine Form von Diskriminierung – wenn sie nur für Frauen gilt und nicht auch für männliche Nachfolger. Was im Gewand der Ritterlichkeit daherkommt und nach “Papa meint es doch nur gut” klingt, ist letztlich doch geprägt von der Vorstellung, Männer müssten Frauen umsorgen und beschützen. Das nennt sich protektiver Paternalismus. Für Töchter, aber auch Schwestern oder Nichten von Firmenchefs ist es gerade wegen des freundlichen Grundtons schwer, dagegen anzukommen. Eine weitere Variante des nett verpackten Sexismus ist, wenn Frauen zwar positive Eigenschaften zugeschrieben werden – Wärme, Empathie, Charme -, sie deswegen aber besser andere Aufgaben wahrnehmen sollen, als an die Spitze des Unternehmens vorzurücken. Nicht umsonst werden Frauen nach wie vor eher Personal- oder Marketingchefin als Geschäftsführerin.

 

Nur 49 der umsatzstärksten 1000 Familienbetriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Das ergab eine Auswertung der Mittelstandsplattform Die Deutsche Wirtschaft (DDW). In Zukunft dürfte sich das deutlich ändern, Experten gehen davon aus, dass sich der Anteil von Geschäftsführerinnen auf bis zu 30 Prozent erhöht. In der Ernährungsbranche sind immerhin schon zwölf Prozent Frauen im Vorstand oder in der Geschäftsführung vertreten, weitere 21 Prozent in Abteilungsleitung und erster Führungsebene.

Prominente Beispiele sind unter anderen Christiane Underberg, die mit Mann Emil und Tochter Hubertine Underberg-Ruder in vierter und fünfter Generation das Familienunternehmen von 1846 rund um den gleichnamigen Kräuterschnaps führt. Oder Eva Richterich, Marketingchefin beim Schweizer Kräuterbonbonhersteller Ricola, der 1930 von Emil Richterich gegründet und heute von Felix Richterich in dritter Generation geführt wird. Und beim hannoverschen Keksproduzenten Bahlsen sucht Verena Bahlsen, Urenkelin des Firmengründers, mit ihrem angegliederten Start-up Hermann’s nach Innovationen für die Branche.

Für die Weinbauern, die sich zur Landwirtschaft zählen, gibt es keine Statistiken zu Inhaberinnen. Die dreijährige Ausbildung zur Winzerin haben im vergangenen Jahr etwa 22 Prozent Frauen begonnen, an der Weinbau-Hochschule in Geisenheim sind 39 Prozent der Studierenden weiblich.

Historisch betrachtet sei der Frauenanteil im Mittelstand aber trotzdem ein Erfolg, sagt Nadine Kammerlander, die an der WHU Otto Beisheim School of Management über die Nachfolge in Familienunternehmen forscht. “Vor einigen Jahrzehnten war das noch undenkbar, da wurden die Töchter im Erbe mit Immobilien oder liquiden Mitteln abgespeist.” Dabei waren Frauen in Familienunternehmen durchaus wichtig, so Kammerlander. Sie kümmerten sich um die Zufriedenheit der Mitarbeiter, dachten an Geburtstage und Jubiläen und diskutierten die Firmenstrategie mit. “Sie hatten aber keine offizielle Rolle, es war gesellschaftlich anerkannt, dass sie unsichtbar blieben.” Heute dagegen seien die Frauen, die in den Betrieb einsteigen, sogar eher besser ausgebildet als ihre männlichen Pendants – auch weil sie mehr in die eigene Ausbildung investieren, wenn sie wissen, dass sie den Betrieb übernehmen.

 

In der Arbeitswelt von heute müssen Führungskräfte global denken und innovativ sein

Nicht nur die Rolle der Frau in der Gesellschaft hat sich wesentlich geändert, sondern auch die Anforderungen an die Geschäftsführung. In einem Familienbetrieb, der regional verankert und erfolgreich war, sich aber über Globalisierung und Automatisierung wenig Gedanken machen musste, reichte es vor 40 Jahren möglicherweise noch, wenn ein eher durchschnittlich begabter Sohn die Nachfolge antrat. In der Arbeitswelt von heute müssen Chefinnen und Chefs global denken, den Einfluss der Digitalisierung auf ihre Prozesse verstehen und innovativ sein. Da blickt der eine oder andere Unternehmer auf alle seine Kinder, nicht nur auf den ältesten Sohn.

Im Vergleich zu anderen Unternehmen, die nicht in Familienhand sind, stehen die Mittelständler in Sachen Frauenquote aber nicht schlecht da. “Das liegt auch daran, dass immer mehr Töchter von ihren Eltern ermutigt werden”, sagt Kammerlander. Und letztlich sei es für Frauen auch leichter, im eigenen Unternehmen die Dinge anzupacken, dort also, wo sie selbst entscheiden können, wie sie Familie und Beruf vereinbaren.

Süddeutsche Zeitung vom 25. März 2019