15. November 2018 | Das deutsche Valley

Flieg, Taxi, flieg!

Entwickler aus Deutschland basteln an kleinen, elektrisch betriebenen Fluggeräten. Sie könnten die Mobilität in Zukunft revolutionieren.

SZ-Artikel von Ulrich Schäfer

Neulich, auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse, hätte Frank Thelen mal wieder ein Flugtaxi gebraucht. Er stand im Stau, die Autobahn war gesperrt, nur mit Müh und Not schaffte er es zu seinem Termin. Mit dem Flugtaxi wäre ihm das nicht passiert, sagte der Chef der Investmentfirma Freigeist Capital lachend, als er in letzter Minute ankam.

Als Thelen vor zwei Jahren erstmals von der Idee las, dass vier Doktoranden der Technischen Universität München (TUM) einen kleinen, elektrisch betriebenen Jet, der senkrecht starten und landen kann, das autonom fliegen kann und buchbar ist wie ein Taxi (aber billiger), dachte der Mann, der auch als Juror aus der Start-up-Fernsehshow “Die Höhle der Löwen” bekannt ist: “Entweder haben die was geraucht oder sie sind brillant.” Dann hat er sich mit ihnen getroffen, war angetan von ihren Plänen und ist trotz aller Zweifel bei Lilium eingestiegen: “Der Verstand schrie nein, das Herz sagte ja”, sagt er heute. Und: “Das sind die besten Gründer, mit denen ich in den letzten 20 Jahren zusammengearbeitet habe.”

Flugtaxis “Made in Germany”: Bis vor ein paar Monaten interessierten sich nur wenige Experten dafür, solch ein Fluggerät hätte man eher im Silicon Valley vermutet. Doch dann, an einem Abend im März, erschien Dorothee Bär im Heute-Journal”, Marietta Slomka befragte sie dazu, was sie als neu berufene Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt bewegen wolle und was sie gegen die Probleme beim Breitbandausbau tun wolle. “Digitalisierung ist ja nicht nur Breitbandausbau”, entgegnete Bär. Das eigentliche Thema in Deutschland sei die Mobilität, etwa das autonome Fahren, und: “Hab ich die Möglichkeit, auch zum Beispiel mit einem Flugtaxi durch die Gegend zu fliegen?”

Flugtaxi? Hä? Das rief bei vielen, die davon noch nie gehört hatten, Spott hervor, auf Twitter überschlugen sich die Nutzer mit gehässigen Kommentaren. Die 40-jährige CSU-Politikerin, die man bis dahin außerhalb von Bayern kaum kannte, wurde über Nacht zur nationalen Berühmtheit – und, ungewollt, zur Projektionsfläche für jene Spötter, die ohnehin nicht glauben, dass Deutschland in der Digitalisierung gegen das Silicon Valley und China etwas ausrichten kann. Heute kann Bär den Shitstorm einerseits nachvollziehen, das Land sei auf das Thema nicht vorbereitet gewesen, räumt sie ein. Andererseits wünscht sie sich hierzulande mehr Offenheit für solch neue Technologien, man solle “nicht alles, womit man nicht seit Jahrzehnten aufgewachsen ist” gleich “als spinnerte Idee abtun”, sagte sie am Dienstag beim SZ-Wirtschaftsgipfel.

Die ersten Konzepte für Flugtaxis hat Bär schon vor fünf Jahren auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas gesehen, jener Messe, auf der die Tech-Branche alljährlich ihre Pläne für die Zukunft vorstellt. Seither beschäftigt sie sich mit den fliegenden Dingern, die anfangs eher größere Drohnen waren. Als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur war sie damals dafür qua Amt auch zuständig. Früh ist sie deshalb auf Lilium aufmerksam geworden. Doch nicht bloß das Jungunternehmen aus Weßling bei München beschäftigt sich hierzulande mit den Flugtaxis. Volocopter, ein Start-up aus Baden-Württemberg, an dem Daimler beteiligt ist, hat in Dubai bereits Testflüge absolviert, und auch der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus arbeitet an kleinen, elektrischen Fluggeräten.

 

Dürfen sie in Städten landen, auf Häusern, in Parks? Und wie geht man mit dem Lärm um?

“Da passiert gerade sehr viel” meint Bär. Dann eilt sie davon, Angela Merkel hat ins Kanzleramt geladen, um die zweitägige Klausur im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam vorzubereiten, bei der das Kabinett an diesem Mittwoch und Donnerstag über seine Digitalstrategie beraten wird. Nach dem Termin im Kanzleramt geht’s weiter nach Brüssel, wo Bär mit EU-Kollegen über die Zukunft der Flugtaxis spricht: Welcher Regeln bedarf es, damit sie tatsächlich zugelassen werden können?

Denn das ist das Problem: Wie reguliert man solch ein neues Fluggerät? Darf es in Städten landen und starten, auf Häusern, Wiesen, auf denen ein normaler Hubschrauber nicht landen darf? Und wie geht man mit dem Lärm um? Der Jet von Lilium, sagt Thelen, mache beim Starten und Landen nur ein Viertel des Lärms, den ein Hubschrauber verursache. Das sei immer noch viel zu viel, meint der Aachener Professor Günther Schuh, der erst den Elektro-Transporter Streetscooter entwickelt hat, dann den E-Kleinwagen Ego life und der sich demnächst daran machen will, kleine Elektroflugzeuge zu bauen. Sie sollen nicht senkrecht starten und landen können, aber superleise sein und beim Abheben nicht mehr Geräusche machen als ein brummender Kühlschrank.

 

Wer am Ende das beste Konzept hat und den größten Erfolg hat, muss sich noch zeigen. Frank Thelen jedenfalls ist davon überzeugt: “Das Flugtaxi ist kein Nischenprodukt, sondern die Industrie wird so groß werden wie die gesamte Autoindustrie, mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen und Hunderten von Milliarden an Wertgenerierung in dieser Industrie.”

Nicht alle sind so überschwänglich wie Thelen. Noch gibt es viele Hürden, aber vielleicht wird ja auch das Kabinett bei seiner Klausursitzung über Flugtaxis reden. Dorothee Bär jedenfalls sagt, man habe sich auf dieses Treffen ganz anders vorbereitet als auf normale Ministertreffen, habe agile Methoden angewandt, wie man sie sonst eher von Start-ups kennt. Und es gebe, sagte sie, bei dem Treffen in Potsdam etwas, was für Treffen des Kabinetts eher ungewöhnlich sei: Programmpunkte, bei denen das Ergebnis, das am Ende herauskommt, am Anfang der Diskussion noch nicht feststeht.