4. Dezember 2019 | Fachkräftemangel

Her mit den Freaks

Erfolgreiche Familienunternehmen auf dem Land sind eine Stärke der deutschen Wirtschaft. Doch vielen von ihnen fällt es schwer, IT-Fachkräfte zu sich in die Provinz zu locken. Aber Not macht erfinderisch.

SZ-Artikel von Benedikt Müller

Den Fachkräftemangel haben schon viele beklagt, doch die wenigsten gehen das Problem so kreativ an wie Peter Schöler und seine Leute: Der Personalchef des Familienunternehmens Viega hat einen Kleinbus chartern lassen. Dieser bringt jeden Morgen ein gutes Dutzend Beschäftigte aus Köln nach Attendorn im Sauerland, wo der Sanitärtechnikhersteller sitzt, und fährt sie spätnachmittags wieder zurück. Knapp 90 Kilometer pro Weg, der Bus bietet Arbeitstische und Internet.

Der Bus ist eine kleine Gegenbewegung zu den Hunderttausenden Pendlern aus ländlichen Gebieten, die in Deutschlands Großstädten arbeiten. Sie werden immer mehr, in Zeiten von Rekordbeschäftigung und knappem Wohnraum in der Stadt. Doch genauso gibt es Beispiele wie Viega: wachsende Firmen aus der Provinz, die ihre Produkte international vermarkten. Bei den Südwestfalen sind das etwa Trinkwasseranlagen, Rohrsysteme oder Sanitärtechnik – allesamt Produkte, die “immer intelligenter und vernetzter” werden, wie Schöler sagt. “Wir brauchen heute nahezu in allen Bereichen Mitarbeiter mit Digitalkompetenz”, so der Personalchef. Doch Fachkräfte zu finden, stelle ein Unternehmen wie seines, das außerhalb der Ballungsgebiete sitzt, “vor große Herausforderungen”, sagt Schöler, “insbesondere für die IT.” So kam vor wenigen Jahren der Bus ins Spiel.

Eine Standortanalyse habe damals ergeben, dass rund um die Hochschulstädte Köln, Bonn und Dortmund viele IT-Spezialisten leben. Daraufhin hat Viega ein Büro im knapp 80 Kilometer entfernten Dortmund eröffnet. Doch die Sauerländer wollten das Potenzial im Rheinland nicht versiegen lassen, daher der Shuttlebus. Dieser habe einigen Bewerbern die Entscheidung für Viega erleichtert, sagt Schöler. Wie attraktiv ein Arbeitsplatz ist, hänge freilich von vielen Faktoren ab. “Der Busservice ist nur einer davon.”

Ein stärkerer Teamgeist und vergleichsweise flache Hierarchien: Das sind nach Ansicht der Stiftung Familienunternehmen zwei Trümpfe dieses Firmenschlags im Vergleich zu Konzernen in anonymem Streubesitz. 90 Prozent aller Firmen in Deutschland seien Familienunternehmen, sagt Stiftungsgeschäftsführer Stefan Heidbreder. Diese stellten etwa 60 Prozent aller Arbeitsplätze bundesweit – vor allem im ländlichen Raum. “Da sind sie oft die größten Arbeitgeber, Ausbilder und Steuerzahler.” Und man mag sich tatsächlich ungern vorstellen, wie viel größer die viel beklagte Kluft zwischen Stadt und Land wäre, wenn die hiesige Wirtschaft nicht so kleinteilig, nicht dermaßen dezentral wäre.

Von “wahren Schätzen” spricht Heidbreder, wenn er an Familienunternehmen denkt, die sich etwa auf Nischen konzentriert haben, in denen sie heute Weltmarktführer sind. “Doch was nutzt es, wenn sie ein Schatz sind, und keiner weiß davon?”

52 solcher Familienunternehmen haben am vergangenen Freitag zu einem Karrieretag geladen – bezeichnenderweise nach Radevormwald, einer 22 000-Seelen-Stadt nahe Wuppertal. Die Firmen haben 600 Talente ausgesucht, Studienabsolventen wie Berufsanfänger, mit denen sie an dem Tag Bewerbungsgespräche führen. Etwa die Hälfte der Interessierten habe entweder Mathematik, Informatik, eine Naturwissenschaft oder etwas Technisches studiert, berichtet Veranstalter Stefan Klemm stolz: “Das sind die gesuchtesten Kandidaten momentan.”

An Firmen präsentierten sich hier etwa der Spirituosenhersteller Mast-Jägermeister, der Fensterbauer Schüco oder der Süßwarenriese Storck. Aber auch weniger bekannte Namen wie Gira Giersiepen. Das Familienunternehmen aus Radevormwald war in diesem Jahr Ausrichter, der Karrieretag fand in seiner neuen Halle statt.

Bislang habe die Firma ja keine sehr großen Probleme auf dem Arbeitsmarkt gehabt, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Dirk Giersiepen, “auch im Ingenieursbereich nicht.” Radevormwald klinge zwar ziemlich provinziell, die Stadt liege aber nicht weit weg vom alten industriellen Dreieck aus Wuppertal, Remscheid und Solingen. Im IT-Bereich allerdings werde der Fachkräftemangel “jetzt wirklich erkennbar”, sagt Giersiepen. “Das ist schon ein Engpass, wird aber ein noch viel größerer Engpass.”

Gira stellt etwa Lichtschalter und Rauchmelder her, aber auch Türsprechanlagen oder Steuereinheiten für Jalousien. Zukunftsfeld ist auch hier das sogenannte Smart Home, das vernetzte Eigenheim. Oder ganze Smart Buildings, also digital steuerbare Gewerbeimmobilien wie etwa Hotels. “Wenn wir da ein paar digitale Freaks brauchen”, sagt Giersiepen, “die kriegen wir nicht nach Radevormwald.”

Daher baut Gira digitale Geschäftsmodelle nun gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Convidera in Köln auf – “weil es da einfacher ist, zu rekrutieren”, sagt Giersiepen. Das Team in der Universitätsstadt entwickle sich in die Richtung von 15 bis 20 Mitarbeitern, darunter etwa Programmierer oder Softwareentwickler. Insgesamt beschäftigt das Familienunternehmen gut 1200 Menschen.

Auch bei Peter Schöler in Südwestfalen gibt es viele Industriebetriebe. Die ländliche Gegend um Olpe, Siegen und Soest ist zwar nicht für große Konzerne, aber umso mehr für ihre Werkzeug- und Maschinenbauer bekannt. Die Industrie macht hier weit überdurchschnittliche 46 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, wie die landeseigene NRW-Bank in ihrem regionalwirtschaftlichen Profil schreibt. Demnach hat die südwestfälische Industrie seit dem Finanzkrisenjahr 2009 ihre Umsätze gesteigert und Tausende zusätzliche Stellen geschaffen; die Arbeitslosenquote lag zuletzt unter fünf Prozent. “Der Fachkräftemarkt ist dementsprechend angespannt”, sagt Personalchef Schöler.

Insofern überrascht es nicht, dass Viega mit seinem Bus schon Fachkräfte aus Köln einpendeln lässt. Um eine offene IT-Stelle zu besetzen, brauche das Unternehmen im Schnitt wenige Monate, so Schöler. “Das ist uns zwar immer noch zu lang”, sagt der Personalchef. Aber es spiegele nun mal die “enorme Nachfrage” wider.

Süddeutsche Zeitung vom 2.12.2019