11. September 2017 | Digitalisierung

"Es darf keinen Lehrer geben, der noch nie von Instagram gehört hat"

Angehende Lehrkräfte können vielerorts an der Digitalisierung vorbeistudieren. Das muss sich ändern. Aber wie?

SZ-Artikel von Matthias Kohlmaier

Dass die Zeit der Kreidetafeln und der Tageslichtprojektoren vorbei ist, das war Leoni Sailer schon vor ihrem ersten Tag im Job klar. Ihre neue Schule war auch toll ausgestattet, ein modernes Lerninstitut mit digitalen Tafeln, schnellem Wlan und Tablets für modernen Unterricht. Nur, und das wurde Sailer, die eigentlich anders heißt, in ihrem Referendariat ebenfalls schnell klar: Sie hatte keine Ahnung, was sie mit der ganzen Technik anstellen sollte. “An der Uni waren digitale Lehrmittel kein Thema. Zum Glück hatte ich einen tollen Seminarlehrer, der uns Neulingen viel beigebracht hat.”

Nun ist Leoni Sailer keine faule Studentin gewesen, sie hat das erste Staatsexamen mit einer Eins vor dem Komma absolviert. Das Problem liegt im System: Es wird zwar allenthalben über Digitalisierung der Schulen gesprochen und gefordert, dass endlich etwas passieren möge. Aber diejenigen, die dafür zuständig sind, werden gern mal vergessen. Digitaler Unterricht ist im Lehramtsstudium kaum ein Thema.

“Ich sehe ein Hinterherhinken der Universitäten”, sagt auch Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbands. Die Lehrerbildung passe sich etwa alle zehn bis 15 Jahre neuen Erfordernissen aus der Unterrichtspraxis an. “Jetzt müsste das natürlich schneller passieren, weil sich Technik und Möglichkeiten schneller ändern.”

Passiert ist aber bis dato wenig. Digitales ist in den Lehramtsstudiengängen selten fest verankert, wird an dieser oder jener Uni doch Zeit darauf verwandt, liegt das meist an engagierten Dozenten. Die allermeisten Nachwuchslehrer können aber bequem an der Digitalisierung vorbeistudieren. Ein Armutszeugnis für das deutsche Bildungswesen.

“Immerhin erreichen wir so ein Basisniveau”

Ähnlich sieht das Florian Schultz-Pernice, selbst ausgebildeter Gymnasiallehrer und mittlerweile an der Münchner LMU mitverantwortlich für das Erweiterungsfach Medienpädagogik. Dort können sich Studierende neben ihren Hauptfächern zur medienpädagogisch-informationstechnischen Beratungslehrkraft ausbilden lassen, die später an der Schule Kollegen beim digitalen Lehren unterstützen soll.

Natürlich studiert aber nur ein Bruchteil der LMU-Nachwuchslehrkräfte nebenbei Medienpädagogik. Damit der Rest zumindest Grundkenntnisse mitbekommt, hat Schultz-Pernice mit Kollegen zwei anderthalbstündige Lehrveranstaltungen etabliert, die jeder Studierende an der LMU besuchen muss: Medienerziehung und Mediendidaktik. “Natürlich sind zweimal 90 Minuten über ein gesamtes Lehramtsstudium nicht viel”, sagt Schultz-Pernice. “Aber immerhin erreichen wir so ein Basisniveau.”

Denn eigentlich müssten alle angehenden Lehrkräfte viel mehr können, findet der Medienpädagoge:

– Sie müssen begreifen, dass ihre künftigen Schüler in einer durch und durch digitalisierten Welt leben und ungefähr wissen, welche Medienerfahrungen sie außerhalb der Schulzeit machen. “Eigentlich darf es keinen Lehrer geben, der noch nie von Instagram, Twitter oder Snapchat gehört hat und nicht grob weiß, wie diese Netzwerke funktionieren”, meint Schultz-Pernice.

– Je nach Schulart und Umfeld kann Cybermobbing ein Thema sein, ebenso wie die Wirkung potenziell jugendgefährdender Dinge im Netz wie Pornografie. Hierzu müsse jede Lehrkraft in der Lage sein “im Gespräch mit Eltern Stellung nehmen zu können”, sagt der Medienpädagoge.

– Dazu kommt die Mediendidaktik. Lehrkräfte müssen einschätzen können, wie digitale Medien lernförderlich im Unterricht eingesetzt werden können. Nur gelegentlich ein Youtube-Video abzuspielen, macht die Schule längst nicht digital.

– Und natürlich: Lehrkräfte müssen selbst Erfahrung mit Medien und Endgeräten haben, Probleme lösen können oder zumindest in der Lage sein, selbige gegenüber einem Fachmann zu erklären. Schultz-Pernice fasst es so zusammen: “Wenn Lehrkräfte nicht in der Lage sind, Medien im Unterricht angstfrei einzusetzen, hilft auch die beste Ausstattung nichts.”

Eine Schwierigkeit allerdings gibt es: Lehramtstudierende drehen jetzt schon eher selten Däumchen, die Stundentafeln sind voll. Wo also die zusätzlich notwendigen Digital-Seminare unterbringen? Darauf weiß auch Florian Schultz-Pernice ad hoc keine Antwort. Nur soviel: “Das darf nicht auf Kosten der fachlichen Ausbildung gehen.”

Die Lösung könnte sein, den spezifischen Einsatz digitaler Medien – der Deutschlehrer hat dafür natürlich andere Verwendung als die Mathelehrerin – direkt bei den Fachdidaktik-Veranstaltungen der einzelnen Fächer zu integrieren. Bis es allerdings flächendeckend so weit ist, dürfte noch etwas Zeit vergehen. Zu viel Zeit vor dem Hintergrund, dass schon jetzt die technische Ausstattung vieler Schulen wenig genutzt wird, weil die Lehrkräfte entweder nicht im Umgang geschult werden oder sich schlicht nicht an die Technik herantrauen.

Für Leoni Sailer ist das mittlerweile kein Thema mehr. Sie arbeitet gern am Active Board, das die Kreidetafel an ihrer Schule längst ersetzt hat. Dort kann sie gleichzeitig ein Tafelbild erstellen, eine Arbeit einblenden, die ein Schüler auf seinem Tablet erstellt hat und nebendran bei Bedarf noch ein Video zeigen. “Ich unterrichte auch nicht aussschließlich digital”, sagt Sailer, “aber durch die Abwechslung kann ich die Schüler deutlich besser und länger bei der Stange halten.”

Oder wie es Lehrerverbandschef Meidinger sagen würde: “Eine pädagogisch schlecht konzipierte Unterrichtsstunde wird nicht besser durch den Einsatz neuer Medien. Umgekehrt gilt aber, dass ein guter Lehrer durch die Möglichkeiten der digitalen Technik noch besser werden kann.” Nun müssten diese den Lehrkräften bloß noch an der Uni beigebracht werden.