5. April 2019 | Digitalisierung

Reifeprüfung am Messestand

Viele Mittelständler haben noch gar nicht damit angefangen, ihre Prozesse zu digitalisieren. Der Software-Anbieter Abas bietet dafür einen Check an. Motto: Digital oder tot.

SZ-Artikel von Katharina Kutsche

Wer sich auf einer der wichtigsten Industriemessen der Welt zeigen möchte, muss wissen, wie er zwischen den großen Playern auffallen kann. Halle 7 etwa wird klar von Microsoft und SAP dominiert, die viele Quadratmeter angemietet haben – schon der schieren Größe wegen kommt man an ihnen kaum vorbei. Das Software-Unternehmen Abas aus Karlsruhe präsentiert daher sein Transformation Camp für Mittelständler mit einem bewusst provokanten Spruch, der neben den gediegenen Ständen der anderen immerhin etwas Aufmerksamkeit auf sich zieht: Digital or Dead – digital oder schon tot?

Hinter der Kampagne verbirgt sich ein Test, bei dem potenzielle Unternehmenskunden 22 Fragen über den Stand ihrer Automatisierung beantworten sollen. Das Abas-Team um CEO und Vorstand Baris Ergun lockt die Messebesucher dafür in eine simulierte Fabrik mit acht Stationen. Von der Produktentwicklung über Beschaffung und Eingangslogistik hin zu Warenausgang und Kundenservice sind die wesentlichen Geschäftsprozesse eines Betriebs aufgebaut. Anhand der einzelnen Abschnitte erklärt Ergun, wie die Softwarelösungen seiner Firma dabei unterstützen können. “Wir können den Kunden nicht sagen, was sie machen sollen. Aber wenn sie uns zeigen, was sie machen, können wir ihnen sagen, was sie wie optimieren können”, so der studierte Betriebswirt.

 

Bei einem Test können Unternehmen checken, wie weit sie schon sind

Das Konzept mit dem herausfordernden Titel zieht offenbar: Am Abas-Stand herrscht Hochbetrieb, das Feedback sei gut, sagt Ergun. Der Test fragt ab, wie weit die Unternehmenskunden bei der Digitalisierung sind und spuckt am Ende ein Zeugnis aus. Darin ist der eigene digitale Reifegrad auf einer Scala von 1,0 (“Old School”) bis 4,0 (“Digital Champion”) dargestellt und ins Verhältnis zum durchschnittlichen digitalen Reifegrad der Vergleichsgruppe gesetzt – der selbst den Wert 2,5 nicht überschreitet.

Die Zielgruppe von Abas sind Mittelständler mit mindestens 50 und bis zu 2000 Mitarbeitern. Die Unternehmensgruppe wurde 1980 von einem Team um Werner Strub gegründet und ist mit rund 500 Mitarbeitern und vielen Vertriebspartnern in 27 Ländern präsent. 3200 Kunden hat das Unternehmen bereits. Das Ziel für die Hannover-Messe heißt natürlich, weitere zu gewinnen. Die Konkurrenten von Abas sind aber nicht die Großen wie SAP, sondern andere Softwareanbieter, die sich ebenfalls auf den Mittelstand fokussiert haben. Dabei ist das Karlsruher Unternehmen wie alle anderen in der Tech-Branche auch auf Partner angewiesen. “Wir bieten zwar ein ERP-System aus einer Hand, sind aber davon überzeugt, dass das nicht die Zukunft ist”, sagt Ergun. Schon jetzt kooperiere Abas mit bis zu zehn Herstellern, etwa im Bereich Predictive Maintenance, der digitalen Wartungsvorhersage, einer weitere Station im Transformation Camp.

Die aktuelle Kampagne entwickelte das Unternehmen auf Basis einer Studie. Die hatte die Technische Hochschule Mittelhessen im Auftrag von Abas durchgeführt und dafür abgefragt, wie weit der deutsche Mittelstand in der Automatisierung bereits ist. Das Ergebnis: Etwa 70 Prozent haben noch nicht mal angefangen, ihre Kernprozesse umzustellen. “Dabei hängt die Digitalisierung wie ein Damoklesschwert über den Unternehmen”, sagt Ergun. Die Frage müsse also lauten, wie Technologien und Software die Mitarbeiter so unterstützen können, dass die beste Wertschöpfung dabei herauskomme.

 

Erst wenn ein Betrieb automatisiert ist, lohnt sich der Einsatz künstlicher Intelligenz

An der Station Beschaffung etwa sei der wahre Mehrwert für den Einkäufer nicht die händische Bestellung von Einzelteilen, sondern dass er mithilfe einer Software strategisch planen könne, wie er sein Lager bestückt. Abas will das mit seinem ERP-System gewährleisten, das alle Wege im Betrieb abbildet. Im Wareneingang kann so jedes Stück, das vom Lkw entladen wird und übers Band in die Fertigung läuft, per Codescan oder RFID-Transponder in Echtzeit verfolgt werden, bis es zum Teil des Verkaufsprodukts geworden ist. In einer vollvernetzten Produktion kann die Software über Chips in Bauteilen und Werkzeugen erkennen, wie stark eine Schraube angezogen werden muss oder ob der Mitarbeiter für den Arbeitsschritt und die Maschine geschult ist.

Für Baris Ergun bilden die einzelnen Prüfschritte eine wichtige Grundvoraussetzung: “Wer die Stufen nicht umgesetzt hat, dessen Produktion kann nicht automatisiert sein”, sagt er. Denn erst wenn Unternehmen diese Hausaufgaben gemacht hätten, könne man mit ihnen über den nächsten Schritt reden: wie auch künstliche Intelligenz im Betrieb genutzt werden kann, so Ergun.

Süddeutsche Zeitung vom 02. April 2019