6. Juni 2017 | Ergebnisse des 3. Skytalks

Deutschland digitalisieren – Herausforderungen brauchen mutmacher

Beim dritten A.T. Kearney Skytalk in Dreischeibenhaus in Düsseldorf durfte ich die Herausforderungen der Digitalisierung Deutschlands mit den Gastrednern Dr. Hannes Ametsreiter, CEO Vodafone Deutschland und Ulrich Grillo, Vorstandsvorsitzender Grillo-Werke sowie unserem Vorsitzenden der Geschäftsführung von A.T. Kearney Zentraleuropa, Dr. Martin Eisenhut mit zahlreichen Unternehmern und Vorständen diskutieren. Die Panelisten waren sich in einem einig: Deutschland ist mit seiner industriellen und auf das B2B-Segment ausgerichteten Struktur, seinen Weltmarktführern und der hohen Wertschöpfung hervorragend vorbereitet. Wir dürfen uns aber nicht zurücklehnen, sondern insbesondere an fünf Hebeln arbeiten, wenn wir diese Position im Zeitalter der Digitalisierung nicht nur behaupten, sondern auch ausbauen wollen. Die vielen positiven Beispiele, die unsere Gäste gebracht haben, haben mich sehr positiv gestimmt – aber eines wurde mir ebenfalls klar: Deutschland braucht mehr mutmacherinnen und mutmacher.

 

von Dr. Florian Dickgreber, Geschäftsführer und Partner bei A.T. Kearney in Deutschland. Er leitet das Büro Düsseldorf und verantwortet die Industriegruppe Telekommunikation, Medien und Technologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Das gemeinsame Fazit aller Vortragenden ist die exzellente Ausgangsposition Deutschlands im Zeitalter der Digitalisierung (die komplette Aufzeichnung der Vorträge finden Sie hier). Die Struktur unserer Wirtschaft mit ihrer – im Vergleich zu den Vereinigten Staaten oder England – hohen Ausrichtung auf das B2B-Geschäft und unsere Kompetenz gerade bei der Herstellung von Fertigungsmaschinen, die aus digitalen Ideen Realität werden lassen, sind auch im Zeitalter der Digitalisierung die Voraussetzung dafür, Wertschöpfung in Deutschland zu halten – ja diese wieder nach Deutschland zu holen. Exemplarisch wurde dies am Beispiel adidas und der 3D-Druck gestützten Fertigung von individuell designten Sportschuhe in Ansbach beschrieben. Hier schaffen die neuen Möglichkeiten wieder Arbeitsplätze in Deutschland. Um diese und viele weitere Chancen zu nutzen, kristallisierten sich als Ergebnis unserer Diskussion aber fünf Baustellen für Deutschland (Unternehmer, Staat und Gesellschaft) heraus:

Infrastruktur

Die Anforderungen digitaler Services der nächsten Generation werden die heutigen Anforderungen um ein Vielfaches übertreffen. Autonom fahrende Autos mit einem Gigabyte Datenproduktion pro gefahrener Stunde und Latenzanforderungen, die wie Dr. Amestreiter eindrucksvoll darstellte, der Geschwindigkeit der Signalverarbeitung unseres Körpers entsprechen, brauchen den neuen Mobilfunkstandard 5G. Sprechen wir vom Internet of Things, das vor allem für den für Deutschland so wichtigen Mittelstand relevant ist. Für ihn wird der Breitbandausbau jenseits der Ballungszentren von unmittelbarer Bedeutung. Hier wird das EU-Ziel von 50 Mbit/s für vernetzte Fabriken nicht ausreichen. Die Unternehmen müssen diesen Ausbau angehen – die Politik die notwendige Sicherheit für die Investitionen gewährleisten.

Regulation

Die angesprochene Sicherheit, die eigenen Investitionen in Infrastruktur auch monetarisieren zu können, ist eine zentrale Herausforderung. Hier ist vor allem die Politik gefragt. Daneben stellt sich auch eine weitere Herausforderung: Am B2C-Beispiel von Amazons Alexa wurde ein zentrales Hemmnis sowohl für Privatkunden als auch für den B2B-Bereich herausgearbeitet: die fehlende Transparenz und die fehlenden Bestimmungsrechte über die Nutzung der eigenen Daten. Was passiert mit den Daten, die Unternehmen in die Cloud laden? Was bringt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung, die 2018 in Kraft tritt? Erste Ansätze, die aber eher auf technologischen Lösungen basieren, wie z.B. distribuierte verschlüsselte Clouds, wurden bereits herausgearbeitet. Handlungsbedarf bleibt jedoch bestehen: Die Schaffung von Transparenz über die Daten.

Venture Capital

Wir haben eine Reihe von Beispielen aus verschiedenen Industrien wie Biotechnik etc. diskutiert, an denen eines klar wurde. Early Stage Finanzierung ist in Deutschland vorhanden, aber wenn es in die weiteren Finanzierungsrunden geht, steht Deutschland signifikant hinter anderen Ländern, vor allem hinter den USA. Dies führt dazu, dass hoffnungsvolle Innovationen zwar bei uns entstehen, aber relativ schnell dorthin abwandern, wo die Finanzierungsbedingungen besser sind. Dies ist volkswirtschaftlich und unternehmerisch Unsinn. Die Diskussion zeigt aber auch, dass es bereits erste Lösungsansätze gibt, wie das Einrichten von Finanzierungsvehikeln durch große deutsche Unternehmen – oder Patenschaften, die sowohl das Bereitstellen von Büroraum und Infrastruktur, als auch Management-Patenschaften inkludiert. Ohne die nötigen Anreizsysteme seitens der Politik werden diese Initiativen jedoch nicht von Erfolg gekrönt sein.

Bildung

Über den Dächern von Düsseldorf wurde klar, dass viele der anwesenden Unternehmer händeringend geschulte Fachkräfte suchen, wie Programmierer oder Datenanalytiker, ohne die die Digitalisierung nicht gelingen wird. Unsere Universitäten und Lehrpläne sind auf die disruptiven Entwicklungen jedoch nicht eingestellt und reagieren zu langsam auf die Veränderungen in der sich digitalisierenden Welt. Das Ausbildungsproblem ist jedoch viel tiefgehender und fängt viel früher an, denn die Digitalisierung beginnt in Wahrheit bereits in der Grundschule. Auch hier zeigte die Debatte, dass es Best Practice Beispiele gibt, aber sie reichen bei weitem noch nicht aus. Unternehmen werden die deutsche Bildungspolitik nicht komplett verändern können, vor allem, weil die zersplitterte, föderale Bildungslandschaft die Ausgangslage zusätzlich erschwert. Aber sie können Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben und durch die entsprechende Ausrüstung der Betriebskindergärten oder der verstärkten Förderung von Programmierkursen diesen Wandel aktiv treiben.

Positive Einstellung

Besonders Ulrich Grillo hob hervor, dass Digitalisierung in Deutschland sehr häufig negativ besetzt ist – es wird eher die Gefahr diskutiert, dass Roboter Arbeitsplätze vernichten, als das durch Roboter-Fertigung wieder Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden. Denn es bestand Einigkeit im Raum, dass gerade für Deutschland hier viel mehr Chancen als Risiken bestehen. Auch das Thema Künstliche Intelligenz hat gerade für Deutschland die Chance, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Maschinen werden erst durch Training intelligent. Maschinelle Unterstützung für Arbeitskräfte kann zur Jobmaschine werden, wenn dadurch Fertigung in Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird. Für mich bestand Einigkeit im Raum, dass ein Anstoß zu mehr positiver Diskussion – zu mehr „Mut machen“ – von der Gruppe der anwesenden Unternehmer ausgehen kann.

 

In Summe steht Deutschland damit vor fünf großen Handlungsfeldern – persönlich stimmen mich aber die vielen vorhandenen Beispiele positiv, dass Deutschland diesen Wandel schaffen wird und eher Gewinner als Verlierer der Digitalisierung sein wird. Wir sollten es aber mit Mut angehen und mit einer optimistischen, nach vorne gerichteten Grundeinstellung.