20. Juli 2018 | Das deutsche Valley

Federn mit Gedächtnis

Lang haben sich die etablierten Familienunternehmen gesträubt – doch nun arbeiten sie immer häufiger mit Start-ups zusammen, um Innovationen voranzubringen. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in Anröchte am Rande des Sauerlands.

SZ-Artikel von Ulrich Schäfer

Als Christian Großmann und seine beiden Kollegen zusätzliches Kapital für ihr Start-up Ingpuls suchten, bekamen sie viele verlockende Angebote: Venture-Capital-Firmen boten reichlich Geld an, um bei der Firma einzusteigen. Doch die drei promovierten Ingenieure von der Ruhr-Universität Bochum entschieden sich stattdessen für ein Familienunternehmen, welches außerhalb seiner Branche kaum jemand kennt: für Federn Brand aus Anröchte, einem Städtchen am nördlichen Rand des Sauerlands. Deren geschäftsführende Gesellschafter, die Zwillinge Björn und Sven Schroer, steckten ein paar Millionen Euro in Ingpuls, vorige Woche wurden die Verträge unterzeichnet. “Uns ging es nicht allein ums Geld”, sagt Großmann, “wir haben jemanden gesucht, der unser Geschäft wirklich versteht und die gleiche Sprache spricht wie wir.”

So fanden zwei Unternehmen zusammen, von denen das eine fast 100 Jahre alt ist, das andere noch ganz jung, es aber etwas herstellt, was in der Autobranche gerade viele fasziniert: Metallteile, vor allem Federn, die ein Gedächtnis haben. Sie lassen sich verformen, biegen, pressen, drücken, aber erinnern sich stets daran, welche ihre ursprüngliche Form war – und nehmen diese bei einer bestimmten Temperatur wieder an. Möglich macht’s eine spezielle Legierung, eine sogenannte Formgedächtnislegierung, samt eines speziellen Produktionsverfahrens. Mit dem schlauen Metall lassen sich Schalter, Drücker oder Ventile in Autos deutlich kleiner und leichter bauen.

Andere Unternehmen liefern solche smart materials auch, doch sie haben die Produktion – von der Entwicklung des Werkstoffs über das Schmelzen bis hin zum Legieren – in viele Schritte zerlegt, von denen jeder von einem anderen Produktionsbetrieb erledigt wird; das macht es kompliziert und aufwendig. Auf die oft sehr speziellen Wünsche der Autohersteller können sie nicht so flexibel eingehen.

Was Ingpuls hingegen anbietet, ist, wie Großmann sagt, “in der Form weltweit einzigartig”: Die 30-Mann-Firma macht alles selber. Fast alles, genau genommen. Denn als das Start-up vor zwei Jahren die Produktion seiner schlauen Federn startete, hatten Großmann und seine beiden Mitgründer einen sehr engen Zeitplan. Sie mussten aus dem Nichts eine Fabrik bauen – und deshalb suchten sie für den allerletzten Schritt, das Wickeln der Federn, einen Partner. Und fanden ihn gut eine Autostunde östlich, in Anröchte. Es war der Beginn eine sehr engen Zusammenarbeit, die schließlich in der Beteiligung an dem Start-up mündete. “Wir waren fasziniert davon, dass ein so kleines Unternehmen eine so breite Wertschöpfung abdecken konnte”, sagt Björn Schroer.

Dem Federnhersteller Brand ergeht es damit wie immer mehr Familienunternehmen in Deutschland: Sie suchen nach neuen Ideen, Produkten, Innovationen, um wettbewerbsfähig zu bleiben – und immer häufiger finden sie diese außerhalb des Betriebs. Nahezu die Hälfte aller größeren Familienunternehmen, die mehr als 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen, kooperiert inzwischen mit einem Start-up. Sie arbeiten bei Projekten zusammen, gründen Joint-Ventures oder steigen als Miteigentümer ein. Jeder siebte große Familienbetrieb ist mittlerweile an einem jungen Unternehmen beteiligt. Dies geht aus der noch unveröffentlichten Studie “Die größten Familienbetriebe in Deutschland” hervor, welche die Deutsche Bank und der Bundesverband der Deutschen Industrie jährlich mit dem Institut für Mittelstandsforschung neu erstellt.

 

Der Mittelstand von heute kooperiert mit dem Mittelstand von morgen

So finden Firmen zusammen, die über eine höchst unterschiedliche Firmenkultur verfügen: hier die eher risikoscheuen Familienbetriebe, das Herz des deutschen Mittelstands; und dort die agilen Gründer, der Mittelstand von morgen. Meist geht es den Familienunternehmen darum, mit Hilfe der Start-ups eine neue Technologie zu erschließen – so wie im Fall von Federn Brand und Ingpuls. “Denn immer häufiger werden jahrzehntelang bewährte Geschäftsmodelle angegriffen und sicher geglaubte Marktanteile radikal neu verteilt”, sagt Stefan Bender, Leiter des deutschen Firmenkundengeschäfts der Deutschen Bank. Die etablierten Betriebe müssten sich deshalb “oft schnell anpassen oder neu erfinden”.

Für die Familienunternehmen sind bei der Auswahl ihrer jungen Partner drei Dinge entscheidend: 73 Prozent erwarten Branchenerfahrung; 66 Prozent erhoffen sich einen sofortigen Mehrwert aus der Kooperation; die regionale Nähe ist für 37 Prozent wichtig. Wie alt das Start-up ist oder der Gründer, spielt dagegen keine Rolle.

Und noch eines zeigt die Befragung: Je größer der Familienbetrieb ist, umso offener ist er für die Kooperation mit Start-ups. Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern arbeiten in zwei von drei Fällen mit Gründern zusammen, Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern dagegen nur in einem von drei Fällen. Oft liege dies daran, dass den kleineren Firmen schlicht Zeit und Personal dafür fehle, meint Stefan Bender von der Deutschen Bank.

Geschichten wie jene von Federn Brand und Ingpuls zeigen jedoch, wie sehr sich solche Kooperation lohnen, und zwar auch in klassischen Industriebranchen. Denn im digitalen Zeitalter lässt sich mit Produkten jenseits von Apps und Software weiterhin viel Geld verdienen. Ingpuls zum Beispiel stellt im dritten Jahr seiner Produktion 1,2 Millionen Federn her. Doch aus der Autoindustrie liegen schon jetzt Bestellungen für 13 bis 14 Millionen vor, die Aufträge reichen teils bis ins Jahr 2030. Insgesamt, sagt Großmann, seien Aufträge für etwa 100 Millionen Stück “am Horizont sichtbar”. Sein Ziel: “Wir müssen und wollen in den nächsten Jahren gemeinsam kräftig wachsen.”