12. Juli 2017 | Interview

„Der digitale Wandel ist kein reines IT-Projekt!“

Eine überwältigende Mehrheit der Topmanager meint, ihre IT könne mit dem digitalen Wandel nicht Schritt halten. Knapp 70 Prozent sehen Digitale Labs kritisch. Das sind zwei der Ergebnisse einer Untersuchung zu Stand und Anforderungen an die IT im digitalen Zeitalter, die A.T. Kearney zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT durchgeführt hat.

Wir haben mit Prof. Dr. Röglinger vom FIT über die Ergebnisse gesprochen.

 

Herr Prof. Dr. Röglinger, wieso sind so viele Topmanager noch immer skeptisch gegenüber dem digitalen Wandel?

Unternehmen stehen durch die zunehmende Digitalisierung oftmals vor einem radikalen Umbruch. Um langfristig eine nachhaltige Wertschöpfung zu gewährleisten, sind sie gezwungen, ihre Strategie, Prozesse, IT und Kultur – häufig von Grund auf – anzupassen. Das ist den meisten Topmanagern sehr wohl bewusst.

Erstaunlicherweise haben viele Topmanager und insbesondere CIOs international agierender Unternehmen deutlich gemacht, dass es auch IT ist, die nicht mit dem digitalen Wandel Schritt halten kann. Sie geben offen zu, bei der Digitalisierung und dem richtigen IT-Setup im Dunkeln zu tappen. So haben mehr als 70 Prozent der Befragten unserer Studie zwar bereits eine digitale Agenda, scheitern jedoch oftmals an der Umsetzung. Klar ist aber auch, dass man der IT nicht einfach so den schwarzen Peter zuschieben darf – Fachabteilungen müssen sich genauso transformieren. Aber ohne IT funktioniert im Digitalzeitalter nichts mehr.

 

Wieso werden gerade auch Digitale Labs so kritisch gesehen?

Oftmals werden Labs als Heilsbringer und Leuchttürme initiiert – allerdings eher als Ideenschmiede und nicht als Treiber einer übergeordneten Transformation. Dann scheitert es häufig an der Integration der Ideen in den Produktivbetrieb. Dennoch gibt es in der Praxis einige Erfolgsmodelle für Labore. In solchen Laboren werden disruptive Ideen typischerweise nicht nur erdacht, sondern auch entwickelt und am Markt erprobt. Die Transformation eines gesamten Unternehmens aus einer disintegrierten Ideenschmiede heraus ist jedoch wenig aussichtsreich.

 

Lautet die Zauberformel für Labs dann also „Synergien“?

Auf jeden Fall braucht es integrierte Zusammenarbeits- und Betriebsmodelle. Fach- und IT-Abteilungen müssen stärker miteinander verschmelzen. Konzepte wie integrierte Solution Teams, bei denen IT- und Fachexperten über den gesamten Produktlebenszyklus gemeinsam die Verantwortung für eine IT-Lösung übernehmen, sind aus meiner Sicht sehr vielsprechend.

 

Vor diesem Hintergrund: Was sind die wichtigsten Anforderungen an die IT im digitalen Zeitalter?

Ich denke, wir müssen uns vor allem mit einer modularen IT-Infrastruktur und Architektur befassen. Modulare Ansätze ermöglichen es den Unternehmen, unter Berücksichtigung standardisierter Schnittstellen sowie moderner Datenschutz- und Datensicherheitskonzepte, an digitalen Ökosystemen teilzunehmen.

Der Einsatz von z.B. agiler Softwareentwicklung, DevOps, Design Thinking oder auch Microservices nimmt eine immer wichtigere Rolle rund im IT-Management ein. Sie können Geschwindigkeit und Agilität der IT-Leistungserstellung erhöhen. Auch hier gilt: Alle Bereiche des IT-Setups müssen stets integriert betrachtet und weiterentwickelt werden. Fach- und IT-Seite müssen stärker miteinander verschmelzen, IT-Initiativen ohne Einbindung integrierter Solution Teams sind oftmals zum Scheitern verurteilt.

 

Wie schaffen es Unternehmen den digitalen Wandel in ihr Geschäftsmodell zu integrieren und damit neuen Wert zu generieren?

Zunächst gilt: Der digitale Wandel ist kein IT-Projekt! Wer lediglich die IT-Abteilung mit der Digitalisierung beauftragt, wird scheitern. Das wissen Gott sei Dank auch die befragten CIOs. Natürlich ist die Digitalisierung ein technologiegetriebenes Phänomen, aber Erfolg in der digitalen Wirtschaft wird nicht durch Technologien entschieden. Erst durch die Kreativität, wie bestehende und neue Technologien eingesetzt werden können, wird die digitale Transformation zum Erfolg.

 

Was heißt das konkret?

Praktisch erfordert das nicht nur die Mobilisierung des gesamten Unternehmens, sondern auch ein Umdenken auf allen Ebenen – inklusive der Führungsmannschaft. Bestehende Prozesse und Strukturen, Anwendungssysteme und die Datenhaltung sowie verwendete Technologien müssen an den Anforderungen neuer Geschäftsmodelle (z.B. auf Basis von Smarten Produkten und Services) ausgerichtet werden.

Einen wichtigen Erfolgsfaktor stellt zudem die Vernetzung in Ökosystemen dar. Die Mehrheit unserer Studienteilnehmer wünscht sich eine modular aufgebaute IT-Infrastruktur. So können sie sich in digitalen Ökosystemen engagieren, um wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen anzubieten.

 

Ist die bisherige Zurückhaltung in Sachen Digitalisierung auch Teil einer fehlenden Unternehmenskultur?

Ja, definitiv. Oftmals sind es gerade die soften Komponenten, wie beispielsweise die Unternehmenskultur, die den digitalen Wandel verzögern. Dabei bringt die digitale Transformation höchste Anforderungen an die Unternehmenskultur mit sich. Handlungsbedarf sehen die Unternehmen besonders beim digitalen Mindset: 70 Prozent der Befragten fordern Training und Weiterbildung zum Thema Digitalisierung und überwältigende 90 Prozent verorten den Qualifikationsbedarf nicht nur bei der Belegschaft, sondern auch auf der Ebene des mittleren und oberen Managements. Mehr Mut zur Veränderung, ein kontinuierliches Sich-selbst-Hinterfragen und ein besseres Gespür für digitale Geschäftsnöten sind vonnöten.

 

Wie sieht es bei den Mitarbeitern aus? Sind sie gut genug ausgebildet oder braucht es eine digitale Qualifikations-Offensive?

Insbesondere innovatives und disruptives Denken, durch das neue Geschäftsmodelle ermöglicht werden, ist noch viel zu schwach ausgeprägt. Entscheidend dafür sind fundierte IT-Kompetenzen in den verschiedenen Geschäftsbereichen sowie Networking in digitalen Ökosystemen. Sowieso: das Überwinden von Silodenken stellt eine der größten Herausforderungen dar.

Generell ist die Technologie aber nicht der limitierende Faktor. Vielmehr muss die Förderung des digitalen Mindsets und der digitalen Skills der Mitarbeiter in den Fokus rücken – hier herrscht noch viel Nachholbedarf. Es ist aber schaffbar.

 

Prof. Dr. Maximilian Röglinger ist Inhaber der Professur für Wirtschaftsinformatik und Wertorientiertes Prozessmanagement an der Universität Bayreuth. Zudem ist er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Kernkompetenzzentrum Finanz- & Informationsmanagement sowie in leitender Position tätig an der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT. Prof. Röglinger ist am besten über maximilian.roeglinger@fim-rc.de erreichbar.