6. April 2018 | Porträt

Prediger der Steuerberater

Datev-Chef Robert Mayr hat sich viel vorgenommen: Er will den konservativen IT-Dienstleister völlig umkrempeln. Er legt dabei ein Tempo vor, das so manchen Mitarbeiter im Unternehmen irritiert.

SZ-Artikel von Uwe Ritzer, Foto: Datev eG

Das Licht im Ballsaal eines der teureren Münchner Hotels ist runtergedimmt, es geht gediegen zu. Dunkle Anzüge beherrschen das Bild, und Frauen bilden unter den mehreren Hundert Kongresssteilnehmern eine bemitleidenswerte Minderheit. Die Herren tragen fast alle Krawatten, was als Symbol in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

Die Vorträge sind auf staubtrockenen Erkenntnisgewinn ausgerichtet und bergen selten auch nur eine Spur Kurzweil oder gar Unterhaltung. Eine sogenannte Podiumsdiskussion scheitert daran, dass sich alle einig sind und sowieso von Haus aus nicht streiten wollen. Und ausgerechnet diesem Berufsstand prophezeit Robert Mayr ein “goldenes Zeitalter”.

Wie er so, ohne Krawatte, lässig auf der Bühne sitzt und in weicher, Münchner Sprachfärbung mehr plaudert als doziert, ist der freundliche Mann mit den raspelkurzen Haaren und der randlosen Brille ein Fremdkörper und gleichermaßen nicht wegzudenken von der Steuerfachtagung. “So gemütlich wie heute wird es wahrscheinlich nie wieder”, ruft er fröhlich in den Saal. Und schiebt nach, dass er und seine Firma vor allem schauen würden, “was nach der nächsten Kurve kommt”.

Die Firma, um die es hier geht, heißt Datev, eines der größten und spannendsten IT-Unternehmen dieses Landes. Nur dass Letzteres kaum für möglich hält, wer nicht selbst Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwalt von Beruf ist. Speziell für diese Klientel bieten die 7300 Mitarbeiter Software und Dienstleistungen an; etwa 200 Datev-Produkte sind am Markt. Die Lohn- und Gehaltsabrechnungen von 12,5 Millionen Deutschen laufen über das Rechenzentrum des Nürnberger Unternehmens, dessen Kunden und Eigentümer vielfach identisch sind. Denn Datev ist eine Genossenschaft, getragen von 40 555 Mitgliedern aus besagten Berufsständen. Robert Mayr ist vor zwei Jahren nicht nur angetreten, um die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro zu knacken, sondern auch, um Datev in die digitale Zukunft zu führen.

“Das ist mein letzter Job”, sagt Mayr nach seinem Auftritt im Gespräch. Was verblüfft für einen Manager mit nur 52 Jahren. Er ist so alt wie Datev selbst. Das Unternehmen musste in dieser Zeit weder eine Krise überstehen noch gab es Remmidemmi an der Spitze. Nach dem Gründer Heinz Sebiger und dessen Nachfolger Dieter Kempf, heute Präsident des Industrieverbandes BDI, ist Mayr erst der dritte Vorstandschef in der Geschichte.

Datev ist ein Traditionsunternehmen, das konventionell und hierarchisch geführt wird, weshalb Mayr auf manche in der Firma nach wie vor wie ein kleiner Kulturschock wirkt. Ein Chef, der demonstrativ keine Krawatten trägt, einmal im Monat zehn Mitarbeiter – jeder kann sich bewerben – zum Pizzaessen einlädt und mit seinen Vorstandskollegen “Inspiration Camps” mit Skifahren oder Klosteraufenthalten verbindet – all das ist doch ziemlich neu und ungewohnt in der ganz eigenen Datev-Welt. Wobei es Mayr nicht allein um Symbolik geht. “Zu starke Hierarchien verhindern die schnelle Weitergabe guter Ideen”, bläut er seinen Leuten ein.

Also bricht er Strukturen auf und krempelt sie um, vor allem jetzt, da die Digitalisierung die Arbeit von Steuerberatern verändert. Immer mehr Online-Dienstleister mischen mit, die vor allem die junge Generation, die Digital Natives, mit Steuerservices abfangen, lange bevor die eine Berater-Kanzlei betreten. Als Reaktion schwebt Mayr vor, dass Datev selbst solche Plattformen für jedermann anbietet, diese jedoch verlinkt mit Spezialisten, die bei Bedarf Hilfestellung leisten können.

“Ich will nicht, dass die Steuerberater vom Nachschub abgeschnitten werden”, sagt er. Dass Dienstleister das Dreieck Steuerzahler-Berater-Finanzamt sprengen wie die Strukturen in anderen Branchen. Etwa in der Hotellerie, wo der größte Bettenvermittler (Airbnb) kein einziges eigenes Bett mehr vermietet. Nach Mayrs Verständnis geht es nicht um schnöde Besitzstandswahrung an sich, sondern um den offensiven Aufbruch zu neuen Ufern, in ein “goldenes Zeitalter” eben. Wo Abläufe in den Kanzleien mit denen ihrer Klienten verzahnt sind. Etwa, weil Handwerker die ganze Prozesskette vom Angebot über die Material- und Personalwirtschaft bis zur Rechnung künstlicher Intelligenz überlassen und sich auf ihren eigentlichen Job konzentrieren, derweil ihr Steuerberater den Überwacher, Berater und Unterstützer gibt.

So predigt das Mayr bei gut 80 Auftritten pro Jahr, so erklärt er es stundenlang an Datev-Messeständen den Besuchern. Sein Vorteil: Er ist vom Fach. In München geboren studierte er dort bis zum Kaufmannsdiplom, wurde promoviert und zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer bestellt. Er arbeitete für Deloitte, danach zehn Jahre in führenden Funktionen bei einer mittelständischen Wirtschaftsprüfer. Dann kam innere Unruhe auf: Da muss noch etwas kommen. Es kam der Ruf in den Datev-Vorstand 2011. Dort zuständig für interne Datenverarbeitung, Produktion und schließlich auch Finanzen und Einkauf, war vom ersten Tag an klar, dass sich da einer für den Chefposten warmläuft.

Dort angekommen, hat er im übertragenen Sinn zwei Radarschirme aufziehen lassen. Auf einem verfolgt Datev intensiv das Umfeld, sondiert, welche Technologien auftauchen, wie sich Wettbewerb, Berufsstand und Rahmenbedingungen verändern. Der zweite, ein Projektradar, soll früh anzeigen, wo Datev schnell, projekt- und hierarchieübergreifend IT-Angebote entwickeln muss, um sich und seine Klientel im Spiel zu halten. “Man kann die Datev nicht wie ein Schnellboot führen, sie muss den Eisberg frühzeitig erkennen, um ihn zu umfahren”, sagt Mayr.

Er selbst hat es übrigens neuerdings weniger mit dem Wasser als mit der Reiterei. Frau und Tochter hatten damit angefangen, kaum dass die Familie, zu der auch ein Sohn gehört, nahe Nürnberg aufs Land gezogen waren. Als überall im Hause Mayr nur noch Pferdebücher rumlagen, maulte der Vater: “Reiten lern’ ich doch in zwei Wochen.” Also schenkte ihm seine Frau einen Kurs, und aus dem Pferde-Allergiker Robert Mayr wurde ein gesunder, begeisterter Reiter. Schließlich ist er keiner, der lockeren Sprüchen keine Taten folgen lässt.