7. Dezember 2017 | Blockchain

Bitcoin-Technik kann bei Asylpolitik helfen

Hinter der digitalen Währung steht eine Datenbank namens Blockchain. IT-Professor Roman Beck ist überzeugt: Deutsche Politiker sollten sich dafür interessieren – es kann gesellschaftliche Probleme lösen.

SZ-Artikel von Christoph Behrens

Der Bitcoin erregte zuletzt Aufsehen. Der Kurs der Kryptowährung ist rasant gestiegen. Mehr als 11 000 Dollar ist ein Bitcoin inzwischen wert. Die technische Grundlage des digitalen Geldes ist komplex. Roman Beck gehört zu denen, die Blockchain, also das Konzept hinter der Währung, verstehen. Der Professor forscht an der IT-Universität Kopenhagen zum Thema.

Die Blockchain ist eine neue Art von Datenbank, die beispielsweise die Digitalwährung Bitcoin steuert. Bitcoin kann man sich wie ein sehr langes Buch vorstellen, das alle vergangenen Transaktionen mit der Währung enthält. Dieses Buch wird Blockchain genannt und permanent mit allen neuen Transaktionen fortgeschrieben. Damit niemand betrügen kann, liegt diese Datenbank aber nicht auf einem einzigen Computer oder Server, sondern verteilt auf sehr vielen Rechnern, die wie ein Netzwerk miteinander verbunden sind. Dadurch überwachen sich die Besitzer von Bitcoin gegenseitig, und es ist unmöglich, beispielsweise einen neuen Bitcoin unbemerkt hinzuzufügen. Auf so einer Blockchain lassen sich aber auch andere Daten speichern, beispielsweise wenn verschiedene Firmen sensible Geschäftsinformationen miteinander teilen wollen, die nicht verändert werden dürfen. Forscher Beck sieht weitere Chancen, zum Beispiel zur Entwicklung der deutschen Asylpolitik.

 

SZ: Professor Beck, die meisten großen Internetfirmen wie Apple und Google sitzen in den USA. Europa hat den Zug verpasst, mit dem Internet viel Geld zu verdienen. Verschlafen wir jetzt mit der Blockchain den nächsten großen Trend?

Roman Beck: Die Gefahr ist da. Anders als viele andere Technologien ist die Blockchain aber kein Thema, das vorrangig aus den USA, aus dem Silicon Valley kommt. Es handelt sich um eine wichtige Infrastruktur-Technologie, die nicht von den einschlägig bekannten Firmen betrieben wird. Da kristallisieren sich gerade Standorte heraus, an denen Innovationen der Blockchain der ersten Generation entstehen, also Bitcoin. Das ist eine Chance, Europa könnte sich hier etablieren. Aber das sag ich schon seit zwei Jahren, das Fenster schließt sich bereits wieder. Wir sind nicht schnell genug, andere Länder im Osten Europas sind deutlich aggressiver.

 

Wie sieht die Weiterentwicklung von Bitcoin derzeit aus?

Ein Vordenker ist Vitalik Buterin, ein junger Mann mit russischen Wurzeln, der gemeinsam mit anderen Freidenkern verstanden hat, dass man aus der Bitcoin-Technologie mehr machen kann. Er hat mit “Ethereum” eine neue Blockchain entwickelt, die nicht nur Zahlungsverkehr ermöglicht – also eine Kryptowährung wie Bitcoin -, sondern jedwede Form von Rechteübergang. Damit wird es möglich, Geschäftsvorgänge und Verträge zwischen Geschäftspartnern auf einer Blockchain abzuwickeln. Seit es Ethereum gibt, setzt sich auch die Finanzindustrie ernsthaft mit dem Thema auseinander. Früher haben sie gesagt, das ist etwas für Kriminelle, die damit Drogengeschäfte im Darknet abwickeln, damit wollen wir nichts zu tun haben. Als Ethereum an den Markt ging, fand die erste ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit der Technologie statt.

 

Angeblich ist ja sogar Russlands Präsident Wladimir Putin an Blockchain interessiert. Zumindest gab es dieses Jahr ein Treffen mit Vitalik Buterin.

Einige Länder haben heute schon eine Blockchain-Strategie. Dazu gehört sicher auch Russland. Die haben erkannt, dass es eine Schlüsseltechnologie der Zukunft sein kann, und möchten diesen Zug nicht verpassen. Entsprechend stellen sie politische und ökonomische Ressourcen bereit, um diese Entwicklung voranzutreiben.

 

Wie könnte denn eine europäische Blockchain-Lösung aussehen? Brauchen wir einen “Krypto-Euro”?

Wir brauchen vielleicht nicht unbedingt einen Krypto-Euro, aber wir brauchen eine Europäische Zentralbank, die imstande wäre, ihn zu erzeugen, sollten wir einen benötigen. Die Bank of England und die Schwedische Reichsbank arbeiten an Krypto-Repräsentationen des Britischen Pfund und der Schwedischen Krone. Ziel ist es, eine 1:1 Kompatibilität zwischen der jetzt von der Nationalbank ausgegebenen Währung und einer kryptografischen Repräsentation herzustellen.

 

Wie könnte eine staatliche Krypto-Währung der Gesellschaft zugutekommen?

Man könnte etwa die Bezahlung in der Sharing Economy durch Kryptowährungen regeln. Stellen Sie sich einen wachsenden Industriezweig vor, der sich klassischer Besteuerung entzieht. Wie viele Leute ich auf meiner Couch schlafen lasse oder mit meinem Auto von A nach B fahre, lässt sich relativ schlecht besteuern, wenn ich nicht aktiv daran teilnehme und die Steuern nicht abführe. Vielleicht weiß ich aber auch gar nicht, wie das geht. Man könnte sich ein System vorstellen, in dem Sharing-Economy-Aktivitäten verbindlich in einer Kryptowährung abgewickelt werden müssen, und zwar der Kryptowährung des eigenen Landes. Und an diese Kryptowährung angeschlossen sind weitere Smart Contracts (Programme, die festgelegte Regeln überwachen und beispielsweise Gelder verwalten; Anm. der Red.), die zum Beispiel automatisch Steuern abführen.

 

Das würde aber eine erhebliche Kontrolle durch den Staat bedeuten.

Das ist eine sehr deutsche Position. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Dänemark. Viele Unternehmen haben ja einen hohen Bürokratieaufwand. Wenn eine Firma mit Gefahrgütern handelt, muss sie an den Staat berichten, wie die Stoffe gelagert und gehandhabt werden. Die dänische Regierung hat beschlossen, diese Bürokratiekosten zu sparen – indem die Firmen nicht mehr verpflichtet werden, diese Berichte zu schicken. Stattdessen greift der Staat direkt in die ERP-Systeme (“Enterprise Resource Planning”, Ressourcenmanagement; Anm. d. Red.) der Firmen und zieht sich die relevanten Informationen selber – also in diesem Fall, wie gefährliche Stoffe gehandhabt werden. Das spart 1,3 Milliarden Euro, eine Menge Geld für ein kleines Land. In Dänemark hat man gesagt, prima, ich bin diese Arbeit los und hab Geld gespart. Ich könnte mir vorstellen, wenn man diesen Vorschlag hier in Deutschland macht, würde ein Proteststurm losgehen – weil viele eine Überwachung durch den Staat befürchten würden.

 

Bitcoin ist aus einer anarchischen Szene heraus entstanden, eher gegen etablierte Institutionen gerichtet. Sie sprechen vom Einsatz von Blockchains auch für öffentliche Aufgaben. Lässt sich die Technik demokratisch kontrollieren?

Wenn man die Verwaltungsstrukturen so aufstellt, ja. Sie können zum Beispiel eine Deutschland-Chain aufbauen und sagen, die steht unter einer bundeseinheitlichen Verwaltung, gesteuert über Gesetze und demokratisch gewählte Repräsentanten. Diese könnten bestimmen, wie dem Bürger am besten Dienstleistungen über die Blockchain angeboten werden, nach deutschem Recht und demokratisch legitimiert.

 

Was für Services könnten über eine Deutschland-Chain angeboten werden?

Wir haben in Berlin einen Workshop gemacht mit Vertretern von Bund und Ländern, und sie einen ganzen Tag lang brainstormen lassen. Ein Anwendungsbeispiel, das sich als sehr attraktiv herausgestellt hat, ist das Flüchtlingsmanagement über verschiedene Bundesländer, aber auch Länder in Europa hinweg.

Wenn man sicherstellen will, dass ein Asylsuchender nicht schon woanders registriert ist, braucht es einen Datenbankabgleich. Das unterliegt vielen Regulierungen. Momentan ist es so: Der Bund darf nicht mit den Ländern reden, und dann ist der Flüchtling vielleicht noch in Frankreich registriert. Das heißt, man hat mehrere Partner, die rechtlich unabhängig sind, aber ein gemeinsames Interesse haben. Ein Prozess, der alle betrifft, der aber zu keinem ganz gehört: Das wäre ein typischer Anwendungsbereich, wo eine Blockchain hilft.

Eine Blockchain würde beim Flüchtlingsmanagement eine europaweite Lösung ermöglichen. Man könnte beispielsweise einen Fingerabdruck nehmen und das System würde zurückspiegeln: Der ist schon woanders registriert. Es würde aber nicht verraten, wo. Nur um zu sagen, dann kann der Flüchtling hier nicht registriert werden. Dieser minimale Datenabgleich würde somit auch die Privatsphäre des Asylsuchenden schonen.