30. April 2018 | Balluff

Industrie 4.0 braucht Menschen

Der Sensorenhersteller aus Neuhausen profitiert von der Digitalisierung und wirbt dafür neue Mitarbeiter an. Haupttreiber des enormen Umsatzwachstums ist das Internet der Dinge.

SZ-Artikel von Dagmar Deckstein

Wer Untergangsszenarien liebt, wird derzeit reichlich bedient. Es häufen sich Studien über künftig drohenden Stellenabbau durch Roboter und schlaue Software – bis hin zu Voraussagen, dass bis 2030 die Hälfte aller derzeitigen Jobs in Westeuropa durch Maschinenintelligenz ersetzt werden. Von solchen Szenarien kann die Firma Balluff aus Neuhausen bei Stuttgart nicht berichten. Der traditionsreiche Mittelständler ist heute einer der weltweit führenden Hersteller für Industriesensoren und softwaregesteuerte Automatisierungstechnik. Zwischen China, Neuhausen und Brasilien sind es neun Produktions-, Entwicklungs- und Logistikstandorte weltweit, in denen Balluff Hardwareprodukte und Softwarelösungen für seine Industriekunden generiert und maßgeschneidert konfiguriert. Dabei ist die Mitarbeiterzahl seit 2017 um fast 200 neue Beschäftigte auf 3680 gewachsen, der Umsatz stieg um 21 Prozent auf 459 Millionen Euro, und das bei einer Umsatzrendite vor Steuern von 10,5 Prozent. Mit diesem Rekordwachstum hat sich der Umsatz damit allein in den letzten sieben Jahren verdoppelt. Haupttreiber des Wachstums ist im Fachjargon das “Industrial Internet of Things”, das Internet der Dinge. Also jene digitale Technik, die industrielle Produktionsprozesse automatisiert und vernetzt und angeblich viele Arbeitsplätze überflüssig machen könnte. Elektronische Sensoren, Netzwerk- und Automatisierungstechnik sowie die Sammlung und systematische Auswertung der dadurch generierten Daten sind das Kerngeschäft von Balluff. Digitalisierte Prozesse schaffen bei den Endkunden die nötige Transparenz für effiziente Produktionsabläufe und machen in Echtzeit sichtbar, was wann und warum gerade passiert.

 

Mittlerweile ist bereits die vierte Generation am Ruder

Wenn Handarbeit durch Maschinen ersetzt wird, werden die Handarbeiter nicht automatisch arbeitslos. Das Phänomen ist als “Ironie der Automatisierung” bekannt: Je stärker eine Fabrik automatisiert wird, desto schwieriger lassen sich Störungen erkennen und beheben – und die gibt es immer. Die Fabrik braucht also nicht weniger, sondern besser qualifizierte Arbeiter, die trotz automatisierter Abläufe noch den Überblick behalten und eingreifen können. Oder, wie Balluff-Geschäftsführer Florian Hermle sagt: “Der Mensch wird gewissermaßen zum Dirigenten der Wertschöpfung. Er hat zu jedem Zeitpunkt die relevanten Informationen, er kann auf dieser Basis seine Entscheidungen treffen. Interessanterweise braucht gerade die Industrie 4.0 den Menschen unbedingt, denn auch die flexibelste Produktion ist nach wie vor von Hand gemacht.” Der Handwerker Gebhard Balluff hätte sich mit Sicherheit noch nicht einmal träumen lassen, was aus seiner neugegründeten Firma knapp hundert Jahre später einmal werden würde. In Neuhausen eröffnete er 1921 eine mechanische Reparaturwerkstatt für Fahrräder, Motorräder und Nähmaschinen. Aber schon sein Schwiegersohn Eduard Hermle, der 1940 den Betrieb übernahm, ging bereits in den 50-er Jahren zunehmend dazu über, feinmechanische Erzeugnisse, dann Schwinghebel, Achsschenkel, Schalthebel und Motorteile für die Automobilindustrie und auch die ersten Sensoren zu fertigen. Und für die Freunde der schwäbischen Nudel hatte Balluff obendrein den mechanischen Spätzlesdrucker im Sortiment, der das mühselige Teigschaben mit dem Messer vom hölzernen Spätzlesbrett ersetzte. Wenn man so will, eine frühe Form einfachster Küchen-Automatisierung.

Diese Automatisierung schritt auch bei Balluff stetig voran, ebenso wie bei den Kunden des schwäbischen Mittelständlers. Der Mittelständler will sich jetzt auf drei der wichtigsten Industriebranchen konzentrieren: Fahrzeugbau und Zulieferer, Maschinen- und Anlagenbau sowie Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie. Denn, so sagt Balluf-Vorstandsmitglied Michael Unger: “Wir können und wollen nicht mehr alles für alle machen. Wir wollen uns auf die Branchen konzentrieren, die wir seit vielen Jahren begleitet haben und deren Kundenbedürfnisse wir am besten kennen.”

Neben der Sensortechnik hat Balluff auch schon frühzeitig und zügig die Internationalisierung vorangetrieben. Das geschah dann unter der Ägide von Eduard Hermles Sohn Rolf, der 1978 das Firmensteuer übernahm. Unter Rolf Hermles Leitung globalisierte sich Balluff weiter: Osteuropa, Asien, Nord- und Südamerika. Heute ist Balluff in 68 Ländern weltweit im Geschäft.

Was nun Firmengründer Gebhard Balluff sicher sehr goutieren würde, ist der Umstand, dass der erfolgreiche Mittelständler inzwischen von seinen Nachfahren der vierten Generation geführt wird. Es war allerdings schon ein Wagnis von Gebhards Enkel Rolf Hermle, mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise, anno 2010, das Unternehmen an Diplomkauffrau und Finanzexpertin Katrin Stegmaier-Hermle, 44, sowie Sohn Florian Hermle, 42, Vertriebsverantwortlicher, weiterzureichen. Dritter in der Geschäftsführung ist der langjährige Technikspezialist des Unternehmens, Michael Unger, 64. 2009/2010: Es sah damals richtig schlimm aus bei Balluff: Der Umsatz war auf die Hälfte eingebrochen, Kurzarbeit angesetzt, Jobabbau drohte. “Das war schon eine echte Prüfung”, erinnert sich Katrin Stegmaier-Hermle. “Wenn es der Firma gut geht, ist es natürlich viel leichter, Verantwortung zu übernehmen.”

Heute, gerade mal sieben Jahre später, geht es der Firma Balluff mehr als gut, alle drei Geschäftsführer haben die Prüfung mit Bravour bestanden. Dabei spielt die technische Entwicklung hin zu weiterer Digitalisierung und der Automatisierungsdruck in allen produzierenden Branchen Balluff in die Hände. Dazu die Firmen-Philosophie: möglichst nahe am Kunden und mit dem Kunden Lösungen entwickeln und die Logistik ständig verbessern. Heute gibt es bei Balluff einen Über-Nacht-Lieferservice bei Teile-Bestellungen, und das im wesentlichen per Luftfracht vom Echterdinger Flughafen. Der ist praktischerweise nur zehn Minuten von Neuhausen entfernt.

 

Über die Finanzierung muss sich das Unternehmen wohl keine Sorgen machen

Technik-Geschäftsführer Michael Unger ist ziemlich sicher: “Innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre haben wir den Umsatz erneut verdoppelt.” Dann wäre die Milliarde Euro erreicht. Und Finanzverantwortliche Katrin Stegmaier-Hermle peilt schon mal als erstes Etappenziel die Umsatzschwelle 500 Millionen Euro an. Die könnte schon dieses Jahr, spätestens aber, und das “ziemlich sicher”, wie sie sagt, 2019 erreicht sein.

In Neuhausen will Balluff 2019 mit dem Bau zweier neuer Firmendomizile beginnen: Einem Campus für die inzwischen mehr als 1300 Mitarbeiter am Stammsitz sowie, im zweiten Bauabschnitt, mit einer neuen Firmenzentrale. Über die Höhe der dafür benötigten Investitionen könne sie noch keine konkreten Angaben machen, sagt Katrin Stegmaier-Hermle. Ein zweistelliger Millionenbetrag dürfte auf jeden Fall investiert werden müssen. Aber große Sorgen muss sich das Unternehmensmanagement wegen der Finanzierung wohl nicht machen. Nicht nur verfügt Balluff über eine Eigenkapitalquote von 76 Prozent, auch das Bankenrating ist für einen Mittelständler dieser Größenordnung durchaus außergewöhnlich: AAA+.

Selbst innovativ bleiben, um die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Industriekunden zu erhöhen – das ist das Motto von Balluff hinter dem Firmenleitspruch “innovating automation.” Aber ohne Menschen geht das alles nicht. Wo andere familienunternehmen über den zunehmenden Fachkräftemangel klagen, zumal in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen, hat Balluff keinerlei Probleme, neue Mitarbeiter zu gewinnen. “Wir spüren bisher nichts vom Fachkräftemangel, die Menschen kommen sehr gerne zu uns”, sagt Katrin Stegmaier- Hermle.