15. Februar 2019 | Unternehmerin Aya Jaff

"Mathe hätte mich fast das Abi gekostet"

Heute ist die 23-Jährige eine der bekanntesten Programmiererinnen Deutschlands. Ein Gespräch mit Aya Jaff über Instagram, ihre erste Aktie und blinkende Sportschuhe.

SZ-Artikel von Ann-Kathrin Eckardt

Frau Jaff, kennen Sie Ihre Handy-Bildschirmzeit?

Aya Jaff: Als ich gestern geschaut hab’, waren es elf Stunden in den drei Tagen zuvor, und alle 21 Minuten entsperre ich mein Handy. Aber ich hab’ gestern meine Instagram-Zeit auf zwei Stunden beschränkt.

Am Tag?

Ja, ich weiß, das ist immer noch viel, aber für mich ist das schon gut. Halbe Stunde am Morgen, halbe mittags, halbe abends und dann noch beim Sport auf dem Laufband. Instagram ist für mich immer mehr zu Whatsapp geworden. Ich unterhalte mich mit meinen Freunden über Insta.

Sie haben mit drei Kollegen die Firma CoDesign Factory gegründet und beraten Unternehmen bei ihrer Digitalstrategie. Robert Habeck hat seinen Facebook- und Twitter-Account gerade gelöscht. Auch einige Silicon-Valley-Größen haben Social Media abgeschworen. Haben die sozialen Medien ihren Höhepunkt erreicht?

Schwer zu sagen, aber ich bin überzeugt, dass Mega-Influencer, also etwa Leute aus dem Beauty-Bereich mit ein paar Millionen Followern, bald uncool sind. Sie sollen ja so eine Art beste Freundin sein, aber sie werden immer unglaubwürdiger, zeigen in jedem Instagram-Post neue Produkte von unterschiedlichen Marken. Einige Firmen setzen heute schon lieber auf Micro-Influencer, also Menschen mit weniger als 10 000 Followern.

Welche Unternehmen beraten Sie?

Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen, zum Beispiel Adidas, die Weltoder den Hagebaumarkt.

Warum haben Sie Programmieren gelernt?

Das Coden selbst hat mich nicht gereizt, es war eher Mittel zum Zweck. Ich hab’ in meiner Facebook-Timeline eine Anzeige gesehen. Da stand: Hast du eine Idee? Wir geben dir 400 Euro. Ich war 15 und dachte: Krass, 400 Euro! Ich wurde gefragt, was ich damit machen wolle und meinte, eine Stundenplan-App wäre cool.

Warum das?

Ich wollte ausschlafen. Fiel morgens eine Stunde aus, haben wir das erst am Schwarzen Brett gesehen. Ich dachte mir, es kann doch nicht so schwer sein, eine App zu programmieren, in der man das am Abend vorher sehen kann. Eigentlich eine easy Idee.

Aber?

Der Direktor war nicht begeistert. Datenschutz. Außerdem hab’ ich bald rausgefunden, dass man eher 10 000 Euro für die Entwicklung einer App braucht und einen Businessplan. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Ich wusste nur: Mit 400 Euro komm ich nicht weit. Dann habe ich beschlossen, es selbst zu versuchen.

Wo haben Sie Programmieren gelernt?

Es gibt da eine tolle Seite, code.org. Die haben sich zum Ziel gemacht, mit kleinen Spielen den Menschen Programmieren beizubringen. Ganz ohne Downloads, einfach im Browser. Man bringt zum Beispiel Figuren zum Tanzen, sogar Kinder können das schon. Und man kann bekannte Websites nachbauen. Ich hab’ da mal die Airbnb-Website in einer Stunde nachgebaut.

In einer Stunde?

Ja, aber mit Anleitung. Es sah super aus, und ich konnte meinen eigenen Text reinschreiben. Das war ein krasses Erfolgserlebnis. Ich bin gleich zu meiner Schwester und zu meinen Eltern gerannt und meinte: Schaut mal, ihr könnt das auch!

Haben Sie nur online gelernt?

Nein, ich habe mich außerdem noch mit ein paar Freunden und Nerds aus der Klasse zusammengetan. Wir haben uns regelmäßig getroffen. Da waren auch ein paar dabei, die schon älter waren und mehr Ahnung hatten. Ich weiß noch: Wir saßen alle in Sitzsäcken auf dem Boden, dann hat uns einer die “Türme von Hanoi” erklärt.

Was ist das?

Ein Rätselspiel. Es bringt einem den Wert eines gut funktionierenden Algorithmus bei. Mich hat das total inspiriert. Ich ging jedes Mal beschwingt nach Hause.

Warum hält sich das Vorurteil so hartnäckig, man müsse gut in Mathe sein, um programmieren zu können?

Vielleicht, weil Lehrer das einfach behaupten? Ich weiß noch, wie ich zu meinem Mathelehrer gesagt hab: Ich würd’ gern Programmiererin werden. Seine Antwort: Da musst du aber erst mal an deiner Mathenote arbeiten. Mathe hätte mich fast das Abi gekostet. Zum Glück hatte ich da schon angefangen und wusste: Um Apps und Webseiten zu programmieren, reicht es, plus, minus, mal und geteilt zu können. Und dafür gibt’s Taschenrechner.

Ein anderes Vorurteil ist: Programmierer sind Nerds.

Hatte ich auch, ist aber auch nicht wirklich falsch. Was mir nicht klar war: dass so wenige Mädchen dabei sind. Das habe ich erst gecheckt, als ich zu Konferenzen ging.

Hat man es als Frau einfacher beim Programmieren?

Man kommt definitiv leichter als Rednerin zu Konferenzen. Aber die Materie bleibt ja dieselbe. Es gab Probleme, an denen ich tagelang rumgetüftelt hab. Ich weiß nicht, ob es männlichen Programmierern auch so geht, aber für mich war es definitiv auch eine Frage des Selbstwertgefühls. Ich hab mich gefragt: Ist mein Gehirn für diese Probleme überhaupt geschaffen? Das war das Schwierigste: weiter an mich zu glauben, wenn es mal echt gehapert hat.

Hatten Sie Vorbilder?

Ja, die waren sehr wichtig für mich, Marissa Mayer zum Beispiel oder Bill Gates. Aber mein Superheld war Steve Jobs. Mit 16 bin ich sogar Steve-Jobs-like rumgelaufen. Die ersten Fotos, die es von mir auf Konferenzen gibt, sind alle mit Rollkragenpulli. Als ich dann die Biografie der Leute gelesen hab, merkte ich: Jobs war gar nicht der krasse Programmiergott, für den ihn viele hielten. Bill Gates dagegen konnte sehr gut programmieren. Er steht heute noch auf meinem Schminktisch – in einer Schneekugel. Aber dummerweise sind das alles amerikanische Vorbilder.

Gibt es keine deutschen?

Lange nicht, bis Frank Thelen in der Tech-Szene aufgestiegen ist. Ich habe seine Biografie neulich gelesen: Seine erste Million war – im Minus. Ich dachte mir: Wenn der das schafft, aus dieser Niederlage in Deutschland so rauszukommen, warum dann nicht auch so jemand wie ich?

Was wurde eigentlich aus Ihrem Plan, die Stundenplan-App zu programmieren?

Nichts, zu viel Probleme mit dem Datenschutz. Aber als ich besser wurde im Coden, hab’ ich mich noch mal bei “Think Big” gemeldet, der Organisation mit den 400 Euro. Weil ich selbst keine krasse Idee für was Neues hatte, habe ich mein Tech-Wissen angeboten. So bin ich zum Börsen-Planspiel “Tradity” gekommen. Über fünf Jahre habe ich das mit anderen entwickelt.

Hat das Ihr Interesse für Finanzen geweckt? Sie schreiben gerade ein Buch über Finanzen für Jugendliche.

Nein, das war schon vorher da. Ich hatte einen Film gesehen, ich glaube “Wall Street” mit Michael Douglas, bei dem ich mir dachte: Sind alle Finanzleute solche Arschlöcher? Die rannten nur im Anzug rum, wurden als gemein und unmoralisch dargestellt. Das hat mich total aufgeregt. Dann kam auch noch “The Wolf of Wall Street” raus, da war es ähnlich. Außerdem hat es mich gewundert, dass so wenige Leute wussten, wie man Aktien kauft, wo das doch angeblich so ein wichtiges Thema war. Ich habe meine Schwester gefragt, die sechs Jahre älter ist, und meine Eltern. Niemand konnte mir was dazu sagen. Dann bin ich in die Stadtbibliothek gegangen.

Sind Sie dort schlauer geworden?

Da gab es ein einziges Buch, das hieß “Aktien für Jugendliche” oder so. Da stand drin: Gehen Sie zu Ihrem Bankberater und fragen nach Aktien. Das hab’ ich gemacht. Er fragte mich, ja wie viel haben Sie denn? Ich: 70 Euro. Er: Das reicht für eine Aktie. Investieren Sie lieber in einen Fonds.

Woher hatten Sie die 70 Euro?

Vom Zeitungsaustragen, das war hart verdientes Geld. Meine Eltern gaben mir dann noch 20 Euro im Monat dazu. Über drei Jahre habe ich jeden Monat 90 Euro eingezahlt, was sehr, sehr viel war. Als Jugendliche merkt man das, wenn 90 Euro weg sind. Aber nach drei Jahren konnte ich den Führerschein davon bezahlen und hatte mehr Gewinn gemacht als mit einem Sparbuch. Und ich habe gemerkt: Ich bin nicht unmoralisch und gierig wie diese Börsentypen aus den Filmen. Das hat mein Interesse an Finanzen geweckt. Obwohl ich echt wenig Ahnung hatte, hab’ ich jedem erzählt: Ihr müsst in einen Fonds investieren, Sparbücher sind doof!

Hat sich Ihr Verhältnis zu Geld dadurch verändert?

Erst als ich mehr verdient habe. Meinen zweiten Job habe ich mit 16 oder 17 über alles.de gefunden. Ein Start-up, das Energydrinks verkaufte, suchte jemanden, der eine Facebook-Seite für sie erstellt, ein Twitter-Account anlegt und so. Das waren zwei ältere Männer, die haben mir 1000 Euro pro Plattform angeboten. Ich dachte: Was? Das mach ich in 20 Minuten! Ich kam mit meinem Laptop zum Treffen, die haben mir die Bilder gegeben, und ich hab das vor denen gemacht. Deren Kommentare waren so witzig. Die meinten: Sie sind der nächste Mark Zuckerberg! Oh mein Gott, das war der Moment, in dem mir klar wurde: Wie viele Leute wissen nicht, wie man eine Facebook-Seite erstellt. Ich habe dann geschaut, ob sich damit Geld verdienen lässt. War ziemlich easy.

Und haben Sie weiter investiert?

Über eine App habe ich meine erste Aktie gekauft. Aber die ist gleich abgestürzt, eine totale Fehlentscheidung. Ich habe gelernt: Erst schlaumachen, dann investieren.

Was war das für eine Aktie?

Ich glaube, es war die Deutsche Bank.

Ihre Eltern haben beide im Irak studiert, aber ihr Studium wurde hier nicht anerkannt. Sie fahren Taxi und arbeiten an der Kasse. Haben Sie zu Hause gelernt, Chancen schneller zu ergreifen?

Auf jeden Fall habe ich einen anderen Bezug zu Taxifahrern und Kassierern als andere. Für mich macht einen Mensch nicht sein Abschluss oder sein Beruf aus, sondern wie lange er an einem Problem sitzt, dranbleibt, rumwerkelt.

Die Zeit hat Sie “Mrs. Code” genannt, bei der Business Punk waren Sie kürzlich als “bekannteste Programmiererin Deutschlands” auf dem Cover. Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Papa hat einen Daumen-hoch geschickt, Mama ein Kuss-Smiley. Bei uns wird das nicht so an den großen Nagel gehängt.

Wer sehr jung erfolgreich ist, erntet mitunter auch Hohn und Spott. Sie auch?

Mir hat noch niemand was Böses ins Gesicht gesagt, aber klar, so Titel wie “Miss Code” sind schwierig. Ich habe immer gesagt, dass ich den nicht verdiene. Mein Informatikstudium habe ich nach vier Semestern abgebrochen. In den Kommentaren zerreißen einen die Leute trotzdem. Meine eigene Website hab ich mit einem Baukastensystem gebaut, da hieß es dann gleich: Ja, ist sie überhaupt Programmiererin, wenn sie ihre eigene Website nicht selbst baut? Oder: Die ist Programmiererin? Also ich kenn sie nicht. Meine Gegenfrage ist dann: Kennst du überhaupt eine Programmiererin?

Was wäre anders, wenn mehr Frauen programmieren könnten?

Dann hätte es früher eine Menstruations-App gegeben. Und Siri hätte uns Frauen von Anfang an besser verstanden. Und bei Handys frage ich mich oft: Haben wirklich 50 Prozent der Gesellschaft die getestet und diese Größe für gut befunden? Frauenhände sind so viel kleiner als Männerhände. Das Problem ist, dass die Hemmungen bei Frauen in dieser Männerdomäne tief verankert sind. Ich habe das oft erlebt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe mich für ein Stipendium im Silicon Valley beworben, drei Tage nach der Frist. Ich habe extra noch gefragt, ob das noch fair ist, typisch Frau, aber die meinten: Du bist die einzige. Ich war tatsächlich die einzige Bewerberin für ein 10 000-Dollar-Stipendium! Obwohl es nur für Frauen war und in der Tech-Szene bekannt ist.

Was haben Sie im Silicon Valley gemacht?

Ich war an der Draper University, einer Art Bootcamp für junge Gründer. Der Erste, der da vorgesprochen hat, war der Hyperloop-CEO, Dirk Ahlborn. Da ich selbst mal wieder keine Idee für was Neues hatte, habe ich beschlossen, Research für die zu machen. Zusammen mit einem Doktoranden habe ich berechnet, was die Einführung des Hyperloop in Deutschland in etwa kosten würde, wo Haltestellen sein müssten.

Werden Sie den Hyperloop in Deutschland noch erleben?

Im Moment vermute ich: eher nein.

Deutschland gilt ja nicht gerade als digitaler Vorreiter. Die Bundesländer haben kürzlich eine Grundgesetzänderung gestoppt, die eine bessere digitale Ausstattung der Schulen ermöglicht hätte. Kommt Informatik in der Schule zu kurz?

Das Hauptproblem ist, wie das Fach unterrichtet wird. Bei uns wurde HTML mit Kreide an die Tafel geschrieben! Ich habe inzwischen selbst ein bisschen unterrichtet und gemerkt: Die Leute sind Feuer und Flamme, wenn sie selbst was zum Blinken bringen. Bei Adidas hab ich mal einen Kurs gegeben, da haben wir Schuhe mit LED-Lichtern ausgestattet. Die haben wir dann mit Google Maps verbunden, und die Leute konnten an ihren Schuhen ablesen, ob sie nach links oder rechts gehen mussten. Alle waren total begeistert: Wow, wie cool! Die Leute lieben das, was sie selbst kreieren. Wenn an Schulen so unterrichtet würde, gäbe es bald viel mehr Programmiererinnen.

 

Zur Person

Aya Jaff wurde 1995 in Sulaimaniya in Irak geboren. Als sie ein Jahr alt war, flohen die Eltern mit ihr und der sechs Jahre älteren Schwester nach Deutschland. Mit 15 begann sie, zu programmieren. Mit 19 war sie Stipendiatin im Silicon Valley, mit 22 Mitgründerin der Innovationsberatung CoDesing-Factory, die unter anderem Digitalstrategien für Firmen entwickelt. Außerdem studiert sie in Erlangen Sinologie und Wirtschaftsökonomie und engagiert sich bei der Non-Profit-Organisation Start-up-Teens, die Jugendliche zu Unternehmern ausbildet. Sie lebt noch bei ihren Eltern in Nürnberg.

Süddeutsche Zeitung vom 26. Januar 2019