23. November 2017 | Mittelstand

Artgenossen

Mittelstand und Gründer können von einander lernen. So haben beide mehr von der Digitalisierung. Das Familienunternehmen Viessmann ist da weiter.

SZ-Artikel von Elisabeth Dostert

Eigentlich sprechen sie die gleiche Sprache – Mittelständler und Gründer. Beide sind Unternehmer, es gibt nur einen Altersunterschied. Eigentlich können sie viel voneinander lernen. Die einen sind erfahren, die anderen jung und schnell. Eigentlich! Das Wort kommt harmlos daher, hat aber eine große Wirkung: Es relativiert, es vernebelt, es fordert eine Klarstellung. Eigentlich sprechen sie die gleiche Sprache, aber sie sprechen zu wenig oder gar nicht miteinander. Eigentlich können sie voneinander lernen, tun es aber zu wenig. Mittelstand und Gründer müssen dringend das “eigentlich” in ihrem Verhältnis ausräumen.

Maximilian Viessmann kennt kein eigentlich. Er verhält sich nicht – so beschreibt das Investor Christian Miele – wie ein Besucher im Zoo, der die Digitalisierung wie ein großes fremdes Tier bestaunt, nach Hause geht und weitermacht wie bisher. Viessmann packt an. Seiner Familie gehört das auf Energie- und Kühltechnik spezialisierte Unternehmen Viessmann aus Allendorf: rund 12 000 Mitarbeiter, 2,25 Milliarden Euro Umsatz. Eigentlich, gemessen an den offiziellen Definitionen, kein Mittelständler, gefühlt schon einer, weil Unternehmen wie Viessmann die breite Mitte der deutschen Industrie ausmachen. Die digitale Transformation fordert sie. Es ist eine Überlebensfrage.

Viessmann ist Chief Digital Officer des 100 Jahre alten Unternehmens. Die Tatsache, dass einer aus der Familie diese Position besetzt, zeigt, wie wichtig es die Digitalisierung nimmt. Die Firma beteiligt sich an Start-ups, betreibt die Internetseite heizung.de. “Wir müssen die vertikalen Wertschöpfungsketten, wie wir sie in der Vergangenheit beherrscht haben, digital anreichern”, so Viessmann. Es geht nicht mehr nur um Hardware, den Heizkessel oder die Wärmepumpe, sondern um digitale Services. Software muss schnell auf den Markt und muss nicht perfekt sein, weil durch Updates Mängel ausgemerzt werden können. Iteration statt Perfektion. Das ist für die Industrieunternehmen neu.

Die Diskutanten auf dem Podium stammen alle aus alten Unternehmerfamilien. Ein Vorfahre von Philipp Depiereux gründete die Dürener Maschinenfabrik. Depiereux gründete Etventure. Die Firma berät Mittelständler bei der Digitalisierung. Sowohl der Mittelstand als auch die Konzerne haben Depiereux zufolge verstanden, dass sie etwas tun müssen. Bloß was? Der Mittelstand sei innovativ, aber wenig disruptiv, die Start-ups seien schneller, mehr am Nutzer orientiert als an der Technik. Sie müssen sich zusammentun, in kleinen Projekten, etwa an Prototypen, gemeinsam arbeiten, und das was funktioniert, in die Organisation übernehmen, so der Rat.

Die Etablierten sollten nicht versuchen, ein neues “Ich” zu kreieren, sondern authentisch bleiben, empfiehlt Viessmann. Sie sollten die Bodenständigkeit besitzen, eine Fünf-Mann-Truppe, die einen Markt signifikant verändern kann, ernst zu nehmen und ihr Potenzial zu sehen. “Da tut sich Corporate Germany noch schwer”, sagt Viessmann. Es gehe nicht darum, alte und neue Unternehmen gleichzuschalten, warnt Miele, Partner beim Risikokapitalgeber Eventures. “Wir müssen die Unterschiede leben und aufeinander zugehen.”

Auch Jeannette zu Fürstenberg stammt aus einer Industriellenfamilie und sie ist Partnerin des Fonds La Famiglia. “Wir bündeln die besten Unternehmerköpfe Europas aus Old und New Economy und investieren gemeinsam in B2B-Technologien”, sagt sie. Die Start-ups erhalten mehr Reichweite über den Zugang zu den Kunden-Netzwerken und die Familienunternehmen schnell Zugang zu neuen Technologien und digitalen Geschäftsmodellen.