17. November 2017 | Skytalk

Blockchain: Große Chancen aber auch viele Aufgaben – oder: Wer überwacht die Tulpe?

Wer wagt, gewinnt! Wie Blockchain & Co. Branchen auf den Kopf stellen

Ein Kommentar von Dr. Florian Dickgreber, Partner bei A.T. Kearney

Blockchain hat ohne Zweifel ein riesiges Disruptionspotential. Die Diskussion beim 4. A.T. Kearney Skytalk in Düsseldorf zeigte aber auch, dass die verbreitete Reduktion des Themas auf die Kryptowährung Bitcoin der Vielschichtigkeit und Chancenvielfalt nicht gerecht wird. Darin waren sich die Impulsgeber Patrick Müller-Sarmiento (CEO real,-), Prof. Dr. Jens Strüker (Blockchain- und Energieexperte der Hochschule Fresenius) und Michael Römer (Partner und EMEA Head of Digital A.T. Kearney) einig. Als Fazit unserer Diskussion ergeben sich drei herausragende Chancen für Unternehmen durch Blockchain:

1) Zugang zu neuen Kundengruppen: Blockchain bietet die Möglichkeit, sichere Peer-to-Peer-Verbindungen als auch digitale Marktplätze zu gestalten, an denen deutlich mehr Kunden teilhaben können als in heutigen Konstellationen. 2,5 Milliarden Menschen ohne Bankkonto und noch mehr ohne Zugang zu Zahlungsmitteln, die für Online-Geschäfte notwendig wären, haben dank Blockchain erstmals die Möglichkeit, digitale Zahlungen abzuwickeln. Die potentielle Kundegruppe wächst also deutlich. Auch viele kleine Firmen können erstmals ihre Waren auf digitalen Marktplätzen anbieten und ihr Käuferpotential deutlich erhöhen. Für etablierte Marktplayer bedeutet dies Chance und Herausforderung zugleich. Zwar wächst die Konkurrenz, aber gleichzeitig können diese Marken die Nischenangebote auch für sich nutzbar machen. 

2) Effiziente Wertschöpfungsketten: Heute sind viele internationale Wertschöpfungsketten durch nicht wertschöpfende Kontroll-, Prüf- und Zertifizierungsschritte – die in der Regel mit physischen Papieren und Stempeln vollzogen werden – gekennzeichnet. So durchlaufen beispielsweise Tulpen, die aus Asien nach Europa transportiert werden, bis zu 58(!) Kontrollschritte bis sie beim Floristen landen. Blockchain dagegen garantiert, Informationen verifiziert und zuordenbar zu kommunizieren und Lieferketten deutlich zu vereinfachen. 

3) Transparenz, Vertrauen und Sicherheit: Gerade bei Luxusgütern, aber auch bei Lebensmitteln, ist die Frage nach Transparenz der Herkunft und Sicherheit gegen Fälschungen von großer Bedeutung. Nicht zuletzt deswegen war der Diamantenhandel einer der ersten Anwendungsgebiete der Blockchain. Bio-Food oder auch der Handel mit Antiquitäten stellen nur zwei von vielen weiteren Beispielen dar, die es ermöglichen mehr Vertrauen und damit auch Ausgabenbereitschaft beim Endkunden zu erzeugen. Die Nachverfolgbarkeit und Sequenzierung der Lieferkette durch Blockchain helfen hier maßgeblich. Wie groß das Anwendungspotential ist, zeigt sich auch im Energiebereich, wo mit Hilfe von Blockchain die immer dezentralere und volatilere Energieerzeugung besser gesteuert werden kann. 

 

Aber es entstehen auch Herausforderungen für Unternehmenslenker: 

1) Schnelllebigkeit der Entwicklungen: Ein kontinuierliches Screening neuer Technologien wie Blockchain erfordert eine Renaissance der klassischen Strategiearbeit in Unternehmen. Ein konsequentes Durchforsten der gesamten Wertschöpfungskette auf Bedrohungspotentiale, aber auch auf Chancen ist zwingend notwendig. Die Skytalk-Debatte zeigte auf, dass für nicht wenige, vermeintliche „Underdogs“ Blockchain eine große Chance für eine Repositionierung bietet, wenn mutig gehandelt wird.

2) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fortbilden: Wie schon beim 3. Skytalk zum Thema „Deutschland digitalisieren“ im Frühjahr kristallisierte sich auch diesmal heraus, dass die digitalen Kompetenzen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wichtiger werden. Der Grund: Noch mehr als in den vergangenen Jahren werden in Zukunft jene Unternehmen die Gewinner sein, die offen für Innovationen sind und experimentieren. Doch dafür braucht es dann auch Experten, die neue Entwicklungen wie Blockchain schnell in Beta-Modelle oder Minimum Viable Products umsetzen und testen können. Nur auf marktreife Produkte zu setzen und sie dann anzuwenden, reicht nicht mehr. Gelingen kann dies durch einen Dreiklang, auf die zwei Unternehmen direkten Einfluss haben: Erstens die (digitale) Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zweitens veränderte Parameter bei der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern. Beim dritten Punkt hingegen, dem Bildungs- und Ausbildungssystem, ist der Gesetzgeber gefragt.

3) Arbeiten in Partnerschaften und Eco-Systemen: Gerade für industriespezifische Anwendungen, die länderüberschreitend zu Anwendung kommen sollten, müssen tradierte Wettbewerber dabei im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiten und so übergreifende Standards definieren, von denen alle profitieren. Eine Weiterverbreitung privater Blockchains wird die Chancen der neuen Technologien in Frage stellen. Daher müssen Unternehmen in Eco-Systemen zusammenarbeiten, um gemeinsame Lösungen und Applikationen zu schaffen, die übergreifend eingesetzt werden können. Der sekundäre Vorteil dabei: Alle Beteiligten behalten gleichzeitig ihre Flexibilität, müssen keine hohen Investitionen tätigen und können auch auf technische Entwicklungen und Markttrends schnell reagieren. 

Doch kann der Markt alles alleine regeln? Ja und Nein. Blockchain ist ein Paradebeispiel, wie ohne staatliche Regulationen Innovationen durch Wettbewerb getrieben werden. Doch auch der Gesetzgeber sollte Antworten auf die mit Blockchain abzusehenden Herausforderungen entwickeln. Zurückkommend auf das Beispiel der Tulpe und ihre Reise von asiatischen Feldern in unsere heimischen Blumenvasen: ohne Standards und Normen bei Sensoren wird es nicht funktionieren. Denn was hilft es, wenn die Informationen von Sensoren entlang der Tulpen-Wertschöpfungskette durch Blockchain nicht mehr verändert werden können, aber ein Sensor gefälschte Informationen zum Beispiel zur Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Container weitergibt oder sie auf Basis unterschiedlicher Kriterien erfasst werden. Wer überwacht die Tulpe? Diese Frage bleibt also auch in Zeiten von Blockchain relevant. 

 

Dr. Florian Dickgreber ist Partner und Geschäftsführer bei A.T. Kearney und berät Unternehmen aus den Sektoren Telekommunikation, Medien und Technologie bei Fragestellungen der digitalen Kommunikation, der Anwendung von Machine Learning sowie bei der Optimierung der Business und Operations Modelle. Er koordiniert die Fachgruppe Telekommunikation, Medien und High-Tech in Deutschland, Österreich und der Schweiz und leitet das A.T. Kearney Büro Düsseldorf

Wie Blockchain und Co. Branchen auf den Kopf stellen: 4. Skytalk Düsseldorf