11. April 2019 | Interview

"Wir brauchen neue Vorbilder"

Was sich ändern muss, damit auch die Arbeitswelt inklusiver wird. Ein Gespräch mit dem Unternehmensberater Martin Sonnenschein.

Dieses Interview erschien in der ZEIT Nummer 14/2019 vom 28. März 2019

DIE ZEIT: Wie oft werden Sie als Berater gerufen, um Unternehmen bei der Schaffung von inklusiven Arbeitsplätzen zu helfen, also Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren?

Martin Sonnenschein: Ehrlich gesagt, ruft uns kein Unternehmen an, damit wir bei der Inklusion unterstützen.

ZEIT: Die ersten Jugendlichen mit Handicaps verlassen nun die inklusiven Schulen, wo ihnen gesagt wurde: Ihr gehört dazu. Auf dem Arbeitsmarkt aber heißt es: Wir können nichts mit euch anfangen. Fehlt der Wille zur Inklusion?

Sonnenschein: Wer inklusive Arbeitsplätze schaffen will, muss bereit sein, sich auf sehr individuelle Bedürfnisse einzulassen. Diese Bereitschaft ist bisher wenig ausgeprägt, auch wenn gerade die Betriebsräte und Gewerkschaften sehr engagiert dabei sind.

ZEIT: Irgendwie logisch, dass es einem auf Wirtschaftlichkeit und Gewinn ausgerichteten Unternehmer wenig reizvoll erscheint, sich um Menschen mit Behinderung zu kümmern.

Sonnenschein: Die Effekte von Inklusion sind nicht unmittelbar messbar. Das macht es schwierig, denn Firmen sind damit befasst, den Einsatz ihrer Ressourcen zu optimieren. Wer aber einem behinderten Menschen Arbeit gibt, der kann nicht bloß fragen: Welche Leistung bringt dieser Mitarbeiter? Wenn nur das im Vordergrund steht, wird das mit der Inklusion nie etwas!

ZEIT: Das heißt, Inklusion funktioniert nur, wenn Unternehmen von behinderten Menschen möglichst wenig erwarten?

Sonnenschein: Nein, das wäre nicht richtig. Wir müssen aber von einem realistischen Leistungsbegriff ausgehen: Einerseits werden Menschen mit Einschränkungen oft unterschätzt in dem, was sie leisten können. Andererseits werden Anforderungsprofile fu?r einzelne Jobs oft überschätzt. Es werden Anforderungen gestellt, die man häufig nicht braucht, um den Job gut ausführen zu können. Das schreckt Bewerber auch ab. Wir brauchen einen funktionsfähigen Arbeitsmarkt, neue Jobprofile, Vorbilder.

ZEIT: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sonnenschein: Nehmen wir an, ein junger Mensch mit leichten geistigen Einschränkungen möchte in einem Hotel eine Ausbildung machen. Er müsste nicht, wie es bei allen anderen Auszubildenden gehandhabt wird, sämtliche Stationen wie Rezeption, Restaurant, Room-Keeping oder Bankett durchlaufen. Man sollte besser von Beginn an überlegen, welche Arbeit er mit seinen Fähigkeiten gut ausüben kann, und ihn dann konkret dafür ausbilden, auch wenn das von der Regel abweicht. So bekommen Firmen loyale Mitarbeiter.

ZEIT: Für Unternehmen bedeutet das, für jeden Bewerber mit Handicap individuelle Bedingungen zu schaffen.

Sonnenschein: Genau daran scheitert es noch. Die Jobs für behinderte Menschen müssen kreiert werden, die gibt es nicht einfach so. Sie müssen zur Behinderung passen. Es gibt so viele verschiedene Behinderungen, dass man Jobs nur schaffen kann, wenn man erkennt, was der konkrete Bewerber wirklich braucht. Das ist eine Herangehensweise, die Unternehmen nicht gewohnt sind.

ZEIT: Wenn Sie von einem CEO gefragt werden, was sein Großkonzern davon habe, sich auf die Inklusion einzulassen – was sagen Sie?

Sonnenschein: Ich würde fragen: Was für ein Unternehmen möchten Sie sein? Das ist die Schlüsselfrage. Und ich würde einige Vorteile aufzählen, die ein Unternehmen hat, das behinderte Menschen einstellt.

ZEIT: Welche wären das?

Sonnenschein: Da sind zum einen die kompensatorischen Effekte: Benachteiligte Menschen versuchen, mehr zu geben und zu leisten, als von ihnen erwartet wird. Einfach weil sie dazugehören wollen. Diese Effekte schlagen dann auf ganze Teams durch: Viele lassen sich von der Anstrengungsbereitschaft anstecken und leisten automatisch auch mehr.

ZEIT: Was noch?

Sonnenschein: Ich sage nur Mindfulness, also Achtsamkeit. Zurzeit ein riesiges Thema in den Management-Etagen! Auch hier können wir von behinderten Menschen viel lernen, sie haben oft die Gabe, genau zu beobachten, vorurteilsfrei wahrzunehmen, einen klaren Fokus zu wählen, aber auch mit großer Sensibilität auf eigene und die Bedürfnisse anderer zu schauen.

ZEIT: Herr Sonnenschein, Sie sprechen bei all diesen Dingen auch aus der Perspektive des Vaters eines 21-jährigen Sohns, der unmittelbar nach der Geburt einen Schlaganfall erlitten hat und dazu Epileptiker wurde.

Sonnenschein: Ja, das stimmt. Von ihm weiß ich, was ein Mensch mit Behinderung leisten kann, wie sehr es sich lohnt, seine Potenziale zu heben, und wie positiv er sein Umfeld beeinflusst.

ZEIT: Von ihm wissen Sie auch, dass Unternehmen durchaus von der Kreativität der Menschen mit Behinderung profitieren können.

Sonnenschein: Es kommt natürlich immer auf die Art der Behinderung an. Aber wenn wir innovative Lösungen suchen, dann sollten wir Menschen mit Beeinträchtigungen einbeziehen. Ein Beispiel: Wir haben zu Hause mal die sogenannte Marshmallow-Challenge gemacht. Meine drei Söhne bildeten ein gemeinsames Team, und es ging darum, dass man aus 20 Spaghetti und Klebeband einen Turm baut, auf dem am Ende ein Marshmallow halten sollte. Was macht mein behinderter Sohn? Er entscheidet sich, das Marshmallow zu verkleinern, denn nirgends stand, dass es in der Originalgröße auf den Turm muss. Da haben seine Brüder nicht schlecht gestaunt. Im Umgang mit Behinderung würde grundsätzlich die Einstellung helfen: Jeder kann von jedem etwas lernen.

ZEIT: Aber die Berührungsängste sind groß. In den Topmanagement-Etagen treffen sich die Höchstleister, die können sich nicht vorstellen, wie so ein Mensch mit Behinderung überhaupt einen Platz in ihrem Unternehmen finden soll.

Sonnenschein: Das braucht Zeit und auch Erfahrung im Umgang mit diesen Menschen. Ich spreche grundsätzlich sehr offen über die Behinderung meines Sohnes und unser Zusammenleben mit ihm. Das öffnet vielen die Augen. Reden hilft. Es muss aber auch darum gehen, mehr Erfahrungsräume zu schaffen. So könnten Manager von direkten Begegnungen mit behinderten Menschen viel lernen und Empathie entwickeln, was auch den Unternehmen zugutekommen würde. Stattdessen wird viel Geld ausgegeben für Trainings, in denen Führungskräfte zum Beispiel mit Pferden konfrontiert werden, um ihr Führungsverhalten zu stärken.

ZEIT: Was haben Sie von Ihrem Sohn gelernt?

Sonnenschein: Für mich ist er der größte Lehrmeister in meinem Leben. Bis zu seiner Geburt hatte ich keine Erfahrung im Umgang mit beeinträchtigten Menschen. Ich hatte ein anderes Menschenbild, war nur analytisch und leistungsorientiert in meiner Denke. Heute würde ich so weit gehen, zu sagen, dass meine beruflichen Erfolge ohne die Erfahrungen mit meinem Sohn so gar nicht eingetreten wären.

ZEIT: Wie inklusiv ist Ihr Sohn aufgewachsen?

Sonnenschein: Wir hatten das Glück, dass er von frühester Kindheit an immer in inklusiven Kontexten betreut wurde, erst im Kindergarten, dann in den Schulen. Wir sind da einfach hin, unseren Sohn immer an der Hand, und haben die Verantwortlichen gefragt: Können Sie sich das mit ihm vorstellen? Viele haben sich auf das Experiment eingelassen. Unser Sohn und seine Mitschüler haben davon sehr profitiert. Jetzt ist er gerade dabei, seine Fachhochschulreife abzulegen. Das ist für uns immer noch so eine Art Wunder, denn in den ersten Jahren haben uns Ärzte und Psychiater gesagt: Er wird nie sprechen, lesen, schreiben oder laufen können. All das hat er aber mit inklusiver Förderung gelernt.

ZEIT: Wie wird es für ihn weitergehen?

Sonnenschein: Er will ganz normal leben, dazugehören, seinen Lebensunterhalt selbst verdienen und eine Familie gründen. Wie so viele andere Menschen auch. Sein Leben soll inklusiv sein. Eine Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt ist für uns als Eltern undenkbar, aber natürlich auch für ihn. Es wird gut. Ich bin sicher, er wird ein glückliches Leben führen und andere Menschen sehr glücklich machen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JEANNETTE OTTO

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Martin Sonnenschein, 54, ist Managing Director bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney