29. Mai 2018 | Automotive

Neuland

1,25 Milliarden Menschen leben in Afrika, aber nur rund 32 Millionen Autos fahren auf Afrikas Straßen. Der Kontinent weckt bei den Autoherstellern Begehrlichkeiten – als künftiger Wachstumsmarkt, aber auch als Terrain für neue Mobilitätslösungen. Volkswagen startet jetzt durch: mit Car-Sharing und einer Ride-Hailing-App – in Ruanda.

Ja, Afrika bietet Autoherstellern auf Wachstumsjagd Chancen. Aber: Die Jagd gestaltet sich nicht einfach auf dem Kontinent mit seinen 55 Einzelstaaten. Viele afrikanische Länder sind gebeutelt von Krieg, Wirtschaftskrisen und Korruption – daran wird sich auch auf längere Sicht wohl nicht viel ändern. Trotzdem: „Afrika ist ein Markt mit Potenzial – und ein automobiler Wachstumsmarkt, denn Afrika erfüllt seine Entwicklungsziele bei der Infrastruktur“, ist Theo Sibiya, Partner bei Kearney und Co-Vorsitzender des Africa Regional Business Councils (WEF), überzeugt. Laut Prognosen von IHS Markit sollen die Absatzzahlen bei Pkw und Light Vehicles von 1,4 Millionen im Jahr 2017 bis 2025 um rund 70 Prozent auf dann 2,3 Millionen Fahrzeuge steigen. Afrika ist jung: Heute sind 60 Prozent der Afrikaner jünger als 25 Jahre. Individuelle Mobilität und ein eigenes Auto sind auch in Afrika der Traum vieler, gerade junger Menschen – und immer mehr von ihnen können sich ihn auch leisten. Etwa jeder dritte Einwohner gehört laut einer aktuellen Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank inzwischen der Mittelschicht an. Aber auch das ist Afrika: 40 Prozent der Bevölkerung verdienen weniger als 500 Dollar – im Jahr. „Afrika ist wirklich das letzte Neuland für die Autobranche, sagte Mike Whitfield, Nissan-Chef im subsaharischen Afrika, im Gespräch mit Bloomberg Ende 2015. Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, erklärte im Dezember 2017 im Tagesspiegel, er rechne damit, dass Afrikas Anteil an der Weltwirtschaftsleistung in den kommenden 15 bis 20 Jahren von drei auf sechs Prozent steigen wird. „Das mag wenig klingen, doch in keiner anderen Region der Welt sind vergleichbare Wachstumsschübe zu erwarten.“ Der afrikanische Automobilmarkt wird davon profitieren, vor allem dort, wo weitgehend stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse herrschen.

Primus Südafrika

Afrikas Automarkt in aller Kürze: Bei den Verkäufen von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen führte Südafrika 2017 laut IHS Markit mit 450.000 Fahrzeugen die Rangliste an, gefolgt von Marokko mit 170.000 Autos und Ägypten, wo 130.000 neue Pkw abgesetzt wurden. Bei 1,4 Millionen verkauften Pkw und Light Vehicles in ganz Afrika heißt das: Zwei von drei Neuwagen werden in diesen drei Ländern verkauft. Auf Platz vier bis zehn im Ranking der größten Pkw-Märkte folgten 2017 Algerien, Tunesien, Nigeria, Libyen, Kenia, Ghana und Mosambik. In allen anderen Ländern Afrikas wurden 2017 weniger als 11.000 Neuwagen verkauft. Fast 90 Prozent des afrikanischen Produktionsvolumens von rund 650.000 Pkw wurden 2016 in nur zwei Ländern gefertigt: in Südafrika (335.600 Einheiten) und Marokko (313.900 Einheiten).

Toyota ist die Nr. 1 

Toyota ist mit rund 15 Prozent Marktanteil der erfolgreichste Automobilhersteller in Afrika. In rund 30 afrikanischen Staaten ist der japanische Hersteller Marktführer. Über die Compagnie Française de l’Afrique Occidentale (CFAO), 1887 als koloniale Handelsgesellschaft in Frankreich gegründet und seit 2009 ein Unternehmen der Toyota Tsusho Corp., ist Toyota auch einer der größten Automobilhändler auf dem Kontinent. Die CFAO-Sparte „Automotive“ beschäftigt über 6.000 Mitarbeiter an 1.300 Standorten in 34 afrikanischen Ländern. Als Multi-Brand-Dealer hat CFAO alle großen Namen im Angebot: darunter Audi, Mercedes-Benz, Volkswagen, Opel, Hyundai-Kia, Mitsubishi, Suzuki, Ford, Chevrolet und natürlich Toyota. „Die wachsende Mittelschicht steht im Fadenkreuz der internationalen Automobilhersteller, die Afrika immer stärker in ihren Fokus rücken“, erläutert Kearney-Partner Sibiya. Aktuelles Beispiel: Volkswagen. Größter VW-Standort in Afrika ist Südafrika, eine lokale Fertigung unterhält VW außerdem in Nigeria. Im August 2017 weihte VW ein neues, 170 Millionen Euro teures Montagewerk in Algerien ein. Ende 2017 lief im Werk von Kenya Vehicle Manufacturers (KVM) nahe der kenianischen Hauptstadt Nairobi der Polo Vivo an. Die CKD-Sätze werden aus Südafrika zugeliefert. Kenias Regierung lockt ausländische Hersteller mit einer zehnjährigen Steuerbefreiung und niedrigen Zöllen für Bausatz-Importe ins Land. Künftig will Kenia zudem den Import von mehr als fünf Jahre alten Gebrauchtwagen verbieten. „Wir werden unsere Position auf dem schnell wachsenden afrikanischen Automobilmarkt konsequent weiter ausbauen“, sagte Volkswagen- Chef Dr. Herbert Diess anlässlich des Polo-Starts in Kenia im Dezember 2017. Den Worten folgten kurz darauf neue Taten: Vier Wochen später überraschten die Wolfsburger mit der Ankündigung, in Ruandas Hauptstadt Kingali eine weitere CKD-Fertigung aufzubauen. In einer neuen Fabrik werden Varianten des Polo und des Passat, ebenfalls als CKD-Bausätze aus Südafrika, montiert. Schrittweise ist ein Ausbau der Kapazität auf bis zu 5.000 Fahrzeuge im Jahr geplant.

Mobilität für Afrikas Mittelschicht

Und das in einem Land so groß wie Rheinland-Pfalz, in dem zwölf Millionen Menschen leben und das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 800 Dollar liegt? Ruandas Wirtschaft boomt. 2017 wurden dort 11.000 Neufahrzeuge, Busse und Lkw eingerechnet, verkauft. Der Schachzug von Volkswagen: Die Wolfsburger bringen den Fahrzeugbedarf zumindest teilweise selbst mit. Denn zeitgleich mit der CKD-Montage startet VW in Ruanda einen App-basierten Car-Sharing-Dienst und eine Mitfahrbörse. „In Ruanda, wie in vielen Ländern Afrikas, mögen nicht viele Menschen 20.000 Dollar für einen Neuwagen in der Tasche haben, doch eine Menge haben zehn Dollar, um von A nach B zu kommen“, erklärte Thomas Schäfer, Leiter Volkswagen South Africa, beim Pressetermin vor Ort. „Wir wollen hier Dinge neu angehen, anders als mit dem klassischen Geschäftsmodell von Autos bauen und verkaufen“, zitierte das Wirtschaftsmagazin Spiegel Online den VWManager. 300 Fahrzeuge aus lokaler Fertigung werden demnächst in Kingali in den Car-Sharing-Dienst gestellt. Das Ride-Hailing-Angebot mit 150 Fahrzeugen soll im Laufe des Jahres starten. VW werde seine Erfahrungen in Ruanda auch in anderen Märkten nutzen, bestätigte Schäfer.

Eine Hand wäscht die andere

Das könnte vielleicht schneller geschehen, als es sich der VW-Topmanager heute vorstellen kann. Verkehrschaos, Umweltverschmutzung und hohe Unfallraten beschäftigen die Verantwortlichen in vielen afrikanischen Staaten. „Schuld daran ist vielfach der völlig überalterte Fahrzeugbestand. Große Teile Afrikas werden überschwemmt mit billigen Gebrauchtwagen aus Europa und Asien“, berichtet Sibiya. Die Regierungen vieler Staaten suchten Lösungen und seien – so wie Kenia im Falle von Volkswagen – bereit, die Autohersteller zu unterstützen: „Im Gegenzug versprechen sie sich positive Effekte für die Wirtschaft ihres Landes“. Einige Beispiel dazu: Angola lässt seit 2014 nur noch Gebrauchtwagen, die nicht älter als drei Jahre sind, als Importe ins Land. Außerdem ist eine Zollreform geplant, die auch Tariferleichterungen für Kraftfahrzeuge vorsieht. In Kamerun könnte sich die Situation für europäische Pkw-Hersteller durch das Inkrafttreten des Economic Partnership Agreement (EPA) mit der EU verbessern: Damit würden die Einfuhrzölle drastisch sinken. Ägyptens Regierung arbeitet an einer Strategie für die Automobilindustrie. Das Land hat zudem im Herbst 2017 ein Freihandelsabkommen mit den vier südamerikanischen Mercosur-Staaten unterzeichnet.

Nigerias Träume sind vorerst geplatzt

Nigeria erlaubt für jedes lokal gebaute Fahrzeug den Import von zwei komplett fertiggestellten Fahrzeugen zu einem ermäßigten Einfuhrzoll von 35 Prozent für Pkw und 20 Prozent für Nutzfahrzeuge. Ansonsten gilt ein Steuersatz von 70 Prozent. In der größten Volkswirtschaft Afrikas fertigen heute Volkswagen, Nissan und Ford mit lokalen Partnern. Nigeria hatte große Ziele, wollte sich neben Südafrika als mächtiger Automobilstandort südlich der Sahara positionieren. Dann kam die Wirtschaftskrise: Seit 2012 haben sich die Absatzzahlen auf unter 50.000 Pkw und leichte Nutzfahrzeuge halbiert. Erst in etwa fünf Jahren erwarten die Branchenspezialisten von IHS Markit eine Erholung des nigerianischen Marktes und wieder Verkaufszahlen jenseits von 100.000 Neuwagen im Jahr. 

SUV-Boom auch in Afrika 

Was Afrika mit dem Rest der automobilen Welt eint, ist der SUV-Boom. Laut OICA-Statistik wurden 2016 in Afrika rund 333.000 „Commercial Vehicles“ verkauft. Wie viele Fahrzeuge aus dieser Kategorie nun SUVs oder Pick-ups sind, die als Privat- oder Geschäftswagen den klassischen Pkw ersetzen, lässt sich schwer erfassen. Doch da hilft der Blick auf die Bestseller-Liste (siehe Tabelle „Afrikas Bestseller 2016“): Untern den Top Ten finden sich zwei SUV (Ford Ranger, Hyundai Tucson) und zwei Pick-ups (Toyota Hilux, Chevrolet TFR). Mit insgesamt rund 140.000 verkauften Einheiten stellen damit „Light Trucks“ über 40 Prozent der meistverkauften Modelle. Und auch die „Karriere“ des Hyundai Tucson lässt keine Zweifel daran, dass die Geländewagen in Afrika nicht zu bremsen sind: Das koreanische SUV-Modell kletterte binnen eines Jahres vom 94. auf den 10. Platz der Bestseller-Liste.

Chinas OEMs ante portas

Chinas Einfluss in Afrika wächst stetig. Die Chinesen engagieren sich auf dem schwarzen Kontinent in vielen Bereichen: Rohstoffe, Bauwesen, Infrastruktur etc. Das spiegelt sich auch im Fahrzeugmarkt wider; vor allem im Lkw-Bereich wird die Präsenz der chinesischen OEMs immer stärker. Der meistverkaufte Pkw eines chinesischen Herstellers in Afrika war 2016 mit 5.800 Einheiten der kompakte SUV Tiggo von Chery. Chinas Pkw-Hersteller lassen in Afrika zumeist bei Lizenznehmern oder Partnern fertigen. Der Staat Mosambik beispielsweise gründete ein Joint Venture mit Guangdong Foday Automobile, seit 2014 werden Pick-ups und Busse gefertigt, Pkw und SUV sollen bald folgen. In Ägypten bringt sich nun Geely in Stellung. Der chinesische Hersteller fertigt dort seit kurzem das Modell Emgrand7. Ägypten ist nach Russland das zweite Land außerhalb Chinas, in dem die Stufenhecklimousine produziert wird. Mit 3.231 verkauften Einheiten belegte der Emgrand7 2016 Platz 97 der Top-100- Modelle in Afrika. Das Unternehmen habe sich für Ägypten „als Hub für künftige Investments“ entschieden, weil das Land einen stabilen Absatzmarkt darstelle und sich „als Gateway für die Expansion in Nordafrika und im Nahen Osten“ anbiete, so Dr. Zhang Lin, Vice President and General Manager bei Geely International, in einer Presseerklärung. Wie schon ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wenn du wissen willst, wie die Geschäfte auf dem Markt laufen, musst du dorthin gehen“.

Dieser Artikel wurde in der Automotive Vol. 8 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe können Sie hier einsehen.