15. Dezember 2017 | Agenda 2018

Die Zukunft der IT – KI, Robotics und Plattformen

Eine Reihe von Technologietrends – von künstlicher Intelligenz über plattformbasierte Geschäftsmodelle bis hin zur Prozessautomatisierung – werden das Geschäft im Jahr 2018 nachhaltig beeinflussen.

von Michael Becker und Jörg Schmidl

Die immer größer werdende Flutwelle aus Daten rollt weiter über unsere Gesellschaft hinweg, sogenannte exponentielle Technologien versprechen grundlegende Einschnitte in unser Leben, und Everything-as-a-Service-Angeboten ermöglichen ein einfaches und schnelles Anbinden und Skalieren neuester Technologien für Jedermann. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung von Kunden an digitale Interaktion mit dem eigenen Unternehmen kontinuierlich. Die direkte Konsequenz: Eine moderne IT-Organisation muss neben Kosteneffizienz und Zuverlässigkeit nun auch ein deutlich höheres Maß an Flexibilität, Agilität und Innovation bieten. Im „digitalen Zeitalter“ wird die IT zum direkten Treiber des Geschäfts 

Diese Entwicklung wird sich im kommenden Jahr durch die Weiterentwicklung und Verbreitung neuer Technologien weiter verstärken. Welche Trends für 2018 sollte jeder CIO verfolgen?

Die Ära der Künstlichen Intelligenz

Eins der Hauptthemen im Jahr 2018 und darüber hinaus ist ganz klar die Künstliche Intelligenz. Die Grundlagen dafür wurden bereits Mitte des 20. Jahrhunderts gelegt, doch erst jetzt bietet sich ein ideales technologisches Umfeld, so dass die Methoden nun echten Mehrwert für Unternehmen liefern können. Daten – das Futter für die Künstliche Intelligenz – werden heutzutage im Übermaß und ständig produziert: vom Endnutzer, durch die intensive und allgegenwärtige Nutzung von Smartphones und in den letzten Jahren immer stärker auch von Maschinen selbst (Internet of Things). Gleichzeitig sind die Kosten für Rechenkapazität weiter dramatisch gesunken und die Nutzung von nahezu unbegrenzt skalierbaren externen Kapazitäten über die Cloud ist zur Normalität geworden.

Langfristig ist davon auszugehen, dass jeder Bereich im Unternehmen von dem zusätzlichen Erkenntnis- und Effizienzgewinn durch Künstliche Intelligenz Gebrauch machen wird – nicht zuletzt auch in strategischen Fragestellungen.

Robotic Process Automation

Auch vor Prozessen im Backoffice machen die bereits in Realisierung befindlichen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz und Automatisierung keinen Halt: Im „einfachsten“ Fall werden manuell-digitale Prozesse von „digitalen Robotern“ übernommen. Diese Robotic Process Automation (RPA) verursacht in vielen Fällen bei einer nahezu 100%igen Genauigkeit nur mehr 20% der Kosten. So wird beispielsweise die Papierrechnung zunächst von OCR-Software gelesen, dann von einem trainierten Machine-Learning-System verstanden und die Daten anschließend von einem RPA-Roboter in den Standardprozessen verarbeitet. In komplexeren Szenarien werden bisherige menschliche Interaktionen durch „intelligente Unterstützer“ übernommen, z.B. bei der immer populäreren Nutzung von Chatbots, die über Spracherkennung und Künstliche Intelligenz in der Lage sind, Kundenanfragen ohne Wartezeit zu verarbeiten und zu beantworten. 

Geheimtipp: Revamping Operations Research

Ein weiterer, derzeit noch selten auf der CIO-Agenda zu findender, aber kommender Trend für die Zukunft – also ein „Geheimtipp“ – ist in seinem Kern nicht neu: Revamped Operations Research. Mehr verfügbare Daten, höhere Rechenleistung zu geringen Preisen sind auch für ein erneutes Aufflammen des Operations Research die Treiber. Optimierung komplexer Abläufe unter Betrachtung aller Schritte eines Unternehmens, also Ende-zu-Ende, braucht heute keine Wochen mehr, sondern kann vielmehr in die operativen Abläufe integriert werden. Dadurch werden komplexe Logistiknetzwerke ebenso wie Produktionsprozesse im Zeitalter der Industrie 4.0 mathematisch beweisbar optimal gelöst – in nahezu Echtzeit. Einige wenige Firmen nutzen die immensen Effizienzgewinne bereits, viele werden in den nächsten Jahren folgen.

IT-Architekturen: Auflösen von Monolithen

Eine Fokussierung auf IT-Architekturen, die Integration und Flexibilität unterstützen, ist ein weiterer Baustein: Dank Everything-as-a-Service-Konzepten und durch „API’sierung“ der Dienste bisheriger monolithischer Kernsysteme können Unternehmen neueste Technologien einfach und schnell einbinden und ihr Unternehmen optimieren. Zahlreiche solcher Angebote existieren bereits und werden kontinuierlich weiterentwickelt und ausgebaut, wie z.B. Microsoft Azure, IBM Watson oder Amazon AI.

Die Anwendungsfälle sind dabei mannigfaltig. Marketing wird zielgerichteter basierend auf Datenanalysen über Kunden und deren Verhalten, die Produktion wird effizienter z.B. durch Predictive-Maintenance-Anwendungen – und all dies Ausnutzen externer Dienste, ohne dass ein umfangreicher Aufbau interner Lösungen notwendig ist. 

Der Ballast durch Legacy-Systeme wird zunehmend kritischer

Unter dem Mantra „Aufräumen“ steht ein Thema auf fast jeder CIO-Agenda und dreht sich um die Frage: Wie bekomme ich meine bisherige IT bei gleichbleibendem Budget in eine Form, die es mir erlaubt, bei der Digitalisierung richtig mitzuspielen? Oft sind über 70% der verfügbaren Ressourcen an Legacy-Systeme gebunden. Eine nur schrittweise Veränderung erweist sich an dieser Stelle oftmals als zu langsam oder zu komplex. Unseren Ansatz zur Beantwortung dieser komplexen und wichtigen Fragestellung nennen wir „Fix the legacy and transform to digital“. Dabei betrachten wir nicht nur das Verändern technischer Architekturen, die meist nicht flexibel gestaltet sind, sondern auch ein gleichzeitiges Erschließen neuer digitaler Umsatzquellen.

Die ideale Aufstellung der IT-Organisation 

Die Komplexität des gesamten Themas umfasst tatsächlich viel mehr als nur die reine Technologie und dreht sich insbesondere auch um die gesamte interne Ausgestaltung der IT-Organisation. Gerade für letzteres gab es bereits in vergangenen Jahren diverse Lösungsversuche: ausgegliederte Labs für „agilere“ bzw. „digitalere“ Themen, Ausgestaltung einer „2-Speed-IT“, also bewusste Trennung in „alte“ und „neue“ IT-Themen und damit zwei IT-Aufbauorganisationen – beides jedoch Ansätze, die sich nicht bewähren konnten. An dieser Stelle sehen wir vielmehr integrierte Solution-Teams mit Ende-zu-Ende-Verantwortung und stärkere Umsetzung von DevOps-Ansätzen als zielführende Vorgehen.

Dynamik im Unternehmensumfeld befeuert „Platformization“

Selbst in klassischeren Industrien ist eine immer stärkere Dynamik im Unternehmensumfeld zu beobachten. Digitale Lösungen – meist von jungen, schnell agierenden Firmen entwickelt – stellen auch im Geschäftskundenumfeld attraktive Lösungen mit sinkenden Wechselbarrieren dar. Zudem begrüßen Kunden über alle Industrien hinweg die Möglichkeit, nicht nur einen, sondern mehrere ihrer Bedürfnisse über einen Kanal zu decken. Was im Privatleben Firmen wie Amazon vormachen wird also zunehmend auch im Geschäftsumfeld zur Normalität. Neben dem Kauf von Produkten über ein einfaches Interface sollen Logistikdienstleistung, Finanzierung, Qualitätschecks, etc. an gleicher Stelle angeboten werden – ob von der Plattform als eigene Dienstleistung oder als Vermittler von Diensten der oben genannten „jungen Wilden“ ist für den Kunden dabei meist zweitrangig. Viele Firmen stellen sich daher die Frage, ob der Betrieb einer Plattform einerseits wegbrechendes Geschäft durch dynamische neue Konkurrenten abfedern kann und andererseits ein neues Geschäftsfeld darstellen kann. Diesen Trend haben wir in breiter Basis in den verschiedensten Industrien wahrnehmen können: Die Metall-Wertschöpfungskette ist hierbei genauso betroffen wie fertigende Betriebe mit Teilauslagerung, globale Händler von Lebensmitteln, oder Daten- bzw. Informationsintermediäre. Häufig wird diese Fragestellung aus dem Bereich der Geschäftsstrategie von der IT als erstes getrieben oder die IT wird früh von der Geschäftsseite beauftragt, die Potentiale auszuloten. 

Dieser Artikel basiert auf “Die Zukunft der IT—KI, Robotics und Plattformen,” der am 7. Dezember 2017 auf CIO.de veröffentlicht wurde.