24. Mai 2017 | Vereinbarkeit von Beruf & Familie

Die Väter begehren auf

Jeder zweite Vater sieht in Familienpflichten Beeinträchtigungen für den Beruf. Beim Thema Vereinbarkeit sind sie noch frustrierter als die Frauen. Dabei könnten alle Seiten von einer gelungenen Regelung profitieren.

Viel wurde geredet von der Vereinbarkeit von Job und Familie – oder besser: von der Unvereinbarkeit. Meist waren es genervte Frauen, die es nicht hinnehmen wollten, dass ein Kind das Aus für die berufliche Selbstverwirklichung bedeuten soll. Jetzt melden sich die Väter zu Wort. Und die sind sauer.

Jeder Zweite von ihnen sieht mittlerweile einen Konflikt zwischen Familie und Karriere – das zeigen aktuelle Ergebnisse einer repräsentativen A.T. Kearney-Umfrage unter mehr als 900 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Und spätestens hier wird klar: Die Lage ist nicht nur Sache der Politik, auch bei Unternehmen sollten die Alarmglocken schrillen. Eine alternde Gesellschaft wie Deutschland kann es sich nicht leisten, Eltern und Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen allein zu lassen. Die Unzufriedenheit aller Beteiligten zeigt dringenden Handlungsbedarf.

Die Ergebnisse der Umfrage werfen ein Schlaglicht auf die stark wachsende Unzufriedenheit: 92 Prozent der befragten Väter erachten mittlerweile eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie für ihr persönliches Wohlbefinden als sehr wichtig, doch nicht einmal die Hälfte findet, dass in ihren Unternehmen Beschäftigte mit Familienpflichten gute berufliche Möglichkeiten haben. Fast jeder Vierte geht sogar davon aus, dass Familienpflichten zu schlechteren Chancen im Job führen.

Wer sich in Sachen Vereinbarkeit nicht unterstützt fühlt, der wechselt das Unternehmen

Die Unternehmen selbst als Karrierekiller? Familienfreundliche Leistungen gibt es zwar bei den meisten Arbeitgebern, richtig angenommen werden sie jedoch nicht. Tatsächlich begegnen Väter der Familienfreundlichkeit in ihren Unternehmen mit wachsender Skepsis: Weniger Väter als im Jahr zuvor (28 Prozent im Jahr 2016 versus 41 Prozent 2015) bewerten die angebotene Unterstützung als sehr hilfreich.

Jeder dritte Vater glaubt sogar, dass seine Karriere gefährdet sei, wenn er familienfreundliche Angebote in Anspruch nimmt (im Vorjahr waren es nur 22 Prozent). Ebenfalls jeder dritte Vater glaubt, dass seine beruflichen Leistungen von Vorgesetzten schlechter wahrgenommen werden, falls er Maßnahmen in Anspruch nimmt, und 38 Prozent rechnen mit zukünftigen finanziellen Einbußen. In der Folge würden deutlich weniger Väter als noch im Vorjahr (64 zu 75 Prozent) ihren Arbeitgeber uneingeschränkt weiterempfehlen. Mehr als jeder fünfte Vater lehnt dies sogar explizit ab. In der Folge steigt die Wechselbereitschaft der Väter spürbar.

Vereinbarkeit als Wachstumsbeschleuniger: Was jetzt zu tun ist

Eine Standpauke für die Unternehmen. Dabei ist eine gelungene Familienpolitik in Unternehmen ein Produktivitätshebel: Im Gegenzug sind Arbeitnehmer, die in ihrem Unternehmen eine gute Vereinbarkeit erleben, deutlich loyaler und häufiger bereit, sich über das normale Maß hinaus zu engagieren. Den Weg dafür bereiten kann nur, wer Vereinbarkeit endlich auch lebt. Einige Punkte sind hierbei entscheidend:

  • Die Rush-Hour des Lebens muss durch neue Strukturen entzerrt werden: Wir benötigen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit während des gesamten Arbeitslebens und nicht nur in den ersten Jahren der Karriere.
  • Gehaltssprünge müssen auch nach der Elternzeit noch möglich sein. Politisch relevant ist außerdem eine finanzielle Entlastung von Familien.
  • Kinderbetreuungsmöglichkeiten müssen verbessert und die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensmodelle erhöht werden. Wer möchte, darf sein Kind betreuen lassen – wer sich dafür entscheidet, den größten Teil selbst zu übernehmen, darf dies ebenso tun. Beide Gruppen werden finanziell und individuell unterstützt.
  • Vor allem aber sollte die Vereinbarkeit durch eine neue Arbeitskultur erleichtert werden. Immerhin werden Unternehmen und Führungskräfte heute auch daran gemessen, wie familienfreundlich sie sind. Bei Familienpolitik geht es nicht allein um Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau, sondern um knallharte Wettbewerbsfähigkeit. Denn letztendlich ist es doch so: Deutschen Unternehmen fehlt es nicht an familienfreundlichen Programmen oder Geld. Es gibt ein Kulturproblem.
  • Familienpolitik ist Wachstumspolitik: Unternehmen, die das verstehen, fördern neben ihren besten Mitarbeitern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Die kompletten Ergebnisse der Befragung finden Sie hier.