24. Mai 2017 | Wertschöpfung 4.0

Die digitale Chance für Österreich

Die Digitalisierung stellt Österreich vor große Herausforderungen. Bis 2040 stellt sie ca. 40 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie und den industrieorientierten Dienstleistungen infrage. Die Digitalisierung bietet aber auch die Chance, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Dafür müssen jedoch Unternehmen, Politik und Wissenschaft aktiv den notwendigen Umbau der österreichischen Wirtschaft einleiten und vorantreiben. Die Studie „Wertschöpfung 4.0 – Österreichs Industrie in der Zukunft“ von Kearney bietet hierfür eine Mut machende Diskussionsbasis.

Auch wenn sinkende Wachstumsraten zu beobachten sind, ist die Bruttowertschöpfung in Österreich über die letzten 20 Jahre durchschnittlich um 1,4 Prozent pro Jahr real gewachsen. Heute wird rund die Hälfte der Wertschöpfung von der Industrie und den industrieorientierten Dienstleistungen generiert. Österreich ist nach wie vor ein Industrieland. Diese Branchen sind somit ganz wesentliche Treiber für den Wohlstand. Für die Studie „Wertschöpfung 4.0 – Österreichs Industrie in der Zukunft“ befragte Kearney im Herbst 2016 in Zusammenarbeit mit dem Industriemagazin 100 österreichische Industrieunternehmen.

Von den 1,8 Millionen Arbeitsplätzen in der Industrie und den industrieorientierten Dienstleistungen sind 42 Prozent der Arbeitsplätze – also über 750.000 – aufgrund von Digitalisierung und Automatisierung in den nächsten 25 Jahren gefährdet. Besonders schwerwiegend ist diese Entwicklung, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte aller Lehrlinge von Industrie- und Gewerbeunternehmen ausgebildet wird. Abgesehen von den Arbeitsplätzen in der Industrie sind auch Jobs in industrieunabhängigen Dienstleistungssektoren durch Automatisierung gefährdet. Insgesamt betrifft die Situation 44 Prozent aller österreichischen Arbeitsplätze.

Ein Blick über den Tellerrand könnte sich für innovative Betriebe lohnen, da viele Chancen darauf warten, genutzt zu werden.

Digitalisierung grundsätzlich positiv betrachtet

Die gute Nachricht: Österreichs Industrieunternehmen stehen der Digitalisierung grundsätzlich positiv gegenüber: Für drei Viertel der befragten Unternehmen überwiegen die Chancen der Digitalisierung für ihr Unternehmen, für praktisch keinen der Befragten überwiegen die Risiken. Besonders in der Entwicklung neuer Produkte, in der Implementierung neuer Technologien und in der Erhöhung der Produktivität wird viel Potenzial gesehen. Ein anderer Effekt der Digitalisierung wird von den heimischen Industriebetrieben eher unterschätzt: Zahlreiche Beispiele zeigen bereits, dass Digitalisierung herkömmliche Branchengrenzen immer mehr verschwimmen lässt und damit traditionelle Geschäftsmodelle infrage stellt. Nur 8 Prozent sehen einen Eintritt in fremde Branchen als große Chance für ihr Unternehmen.

Nachholbedarf besteht für die heimischen Industriebetriebe vor allem beim Thema Innovation. Insbesondere zwei wesentliche Treiber von Innovation – effizienter Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie die Anziehung der richtigen Talente – sind in Österreich zu gering ausgeprägt. Diese Situation spiegelt sich beispielsweise in einer niedrigen Anzahl von Patentanmeldungen, dem bescheidenen Abschneiden der heimischen Universitäten im internationalen Vergleich, dem Fehlen von Absolventen technischer Studienrichtungen und den immer noch schwierigen Rahmenbedingungen für Start-ups wider.

Lösungsansätze für den Arbeitsmarkt

Der Wegfall von Arbeitsplätzen aufgrund der Automatisierung könnte durch drei Faktoren aufgefangen werden. Einerseits werden neue Arbeitsplätze im Sozialbereich, in Bildung oder etwa Softwareentwicklung entstehen. Anderseits wird ein Teil durch die Verkürzung der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit, durch den Ausbau von Teilzeit, Bildungsurlauben und Auszeiten kompensiert. Hier ist ein Trend, der in den letzten zwei Jahrzehnten zu beobachten war, auch in den nächsten 20 Jahren in gleicher Weise zu erwarten. Die weitere Verbesserung der Produktivität erhält oder steigert sogar die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde. Der dritte und wichtigste Faktor ist die Entwicklung von neuen Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen. Bis zu 30 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2040 werden durch neue Geschäftszweige abgedeckt.

Was getan werden muss

Um diesen Umbau der österreichischen Wirtschaft zu gewährleisten und damit die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, erfordert es Anstrengungen von Unternehmen, Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Die Arbeitswelten und Ausbildungsmodelle müssen dringend an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Die Unternehmen können durch die zunehmende Öffnung und den Aufbau von Netzwerken ihre Innovationskraft stärken. Auch Mut ist erforderlich, um in neue Technologien und am Standort Österreich zu investieren. Universitäten und Schulen in Österreich müssen mehr auf Ausbildung in Wirtschaft und Technologie setzen und sich in Richtung Wirtschaft öffnen. Die Qualität der Universitäten im internationalen Vergleich muss verbessert werden, außerdem ist eine Verlängerung der Schulpflicht notwendig. Die Politik muss die bürokratischen Hürden abbauen und Österreich als Investitionsstandort für die Industrie attraktiver machen. Die Förderung von Unternehmertum und die Gründung von neuen Unternehmen sollten im Fokus stehen. Die Verbesserung der Ausbildung auf allen Ebenen muss ein wichtiges Ziel sein. Österreich kann als Gewinner aus der Digitalisierung hervorgehen, wenn die Kräfte gebündelt werden.

Die Studie „Wertschöpfung 4.0 – Österreichs Industrie in der Zukunft“ finden Sie hier oder hier als PDF-Download.